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Innovation aus Meißen macht Schwammstädte möglich

Zehn Jahren waren nötig, um den EU-weit ersten wasserdurchlässigen Keramikziegel zu entwickeln. Jetzt höhlt ein Tropfen den Stein nicht mehr, er sickert durch.

Geschäftsführer Jens Petzold (links) und Rüdiger Köhler sind mit ihrem wasserdurchlässigen Keramikziegel in Produktion gegangen.
Geschäftsführer Jens Petzold (links) und Rüdiger Köhler sind mit ihrem wasserdurchlässigen Keramikziegel in Produktion gegangen. © Claudia Hübschmann

Meißen. Wer bei unversiegelten Flächen an Wiesen und Rasengitter voll Unkraut denkt, kennt die Innovation aus Meißen nicht: Auch eine zugepflasterte Zufahrt bleibt so wasserdurchlässig. "In der ganzen EU sind wir die Einzigen, die so einen Ziegel herstellen", sagt Rüdiger Köhler vom Keramikinstitut Meißen.

Seit zehn Jahren arbeitet Köhler mit seinem Team daran, diese Idee umzusetzen. Zu Beginn der Entwicklung ist sein Grundstoff noch Klärschlammverbrennungsasche. Bei seinem Endprodukt setzt er zu 100 Prozent auf Keramik statt Abfall. Die Masse wird aus Basaltsplitt, Ton und Feldspat gemischt, geformt und gebrannt.

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Nachdem fünf Jahre an dem perfekten Verfahren getüftelt wurde, ist das Keramikinstitut so weit, um mit den Ziegeln in Produktion zu gehen und trifft damit den Nerv der Zeit: Die Idee von Schwammstädten breitet sich schlagartig von Städten wie Hamburg und Berlin bis nach Meerane aus. Eine Schwammstadt soll Wasser mit jeder Pore aufsaugen, damit der nächste Starkregen oder ein Hochwasser wegsickern kann – und hochkommende Gullydeckel der Vergangenheit angehören. Bislang werden solche Städte mit begrünten Dächern und Auffangbecken in Wohnsiedlungen geplant. Eine porige Keramikeinfahrt erscheint da weniger planungsintensiv und auf den Dächern bliebe Platz für Solarpanels.

Das schlucken die Steine

Über zehn Jahre Entwicklung waren nötig, um letztlich einen wasserdurchlässigen Keramikziegel zu entwickeln.
Über zehn Jahre Entwicklung waren nötig, um letztlich einen wasserdurchlässigen Keramikziegel zu entwickeln. © Claudia Hübschmann

Meißens Oberbürgermeister Olaf Raschke (parteilos) ist von der Innovation schon begeistert: "Bei der Vergabe von künftigen Bauprojekten wird es darauf ankommen, dass das Wasser dort bleibt, wo es entsteht." Langfristig würde sich die Investition kostensenkend auswirken. Dabei hat er vor allem Handelseinrichtungen im Kopf, die fast ausschließlich versiegelte Flächen aufweisen und das mit einem neu verlegten Parkplatz ändern könnten. Patentieren möchte sich das Keramikinstitut ihr Verfahren trotzdem nicht. Damit hätte man in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht, weil zu viele Entwicklungsschritte offengelegt werden müssen.

Bei aller Begeisterung: Bislang liegen die modernen Keramiksteine ausschließlich im Gewerbegebiet vor dem Innovations Centrum Meißen (ICM), wo auch das Keramikinstitut angesiedelt ist. Geschäftsführer Jens Petzold wünscht sich deshalb, in Meißen einen exponierten Platz zu pflastern – bei der momentan langsamen Produktionsleistung ließen sich sowieso nur Vorzeigeprojekte realisieren, die aus Werbezwecken gerade am hilfreichsten wären.

Am überzeugendsten ist es nämlich, die Wirkweise selbst zu erleben. Denn beim Anfassen der kompakten Steine ist kaum zu glauben, dass es sich um einen wasserdurchlässigen Stein handelt. Und so staunen die Besucher des ICM an einem verregneten Tag nicht schlecht.

Während der wasserdurchlässige Keramikstein (rechts) das Wasser schon lange aufgesaugt hat, hat sich auf den Betonsteinen daneben eine Pfütze gebildet.
Während der wasserdurchlässige Keramikstein (rechts) das Wasser schon lange aufgesaugt hat, hat sich auf den Betonsteinen daneben eine Pfütze gebildet. © Claudia Hübschmann

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