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Meißen.Lokal

Die Fledermaus ist gegessen

Hat Meißen das Schlimmste überstanden? Krematorium-Chef Jörg Schaldach über die Entwicklung der Corona-Zahlen.

Wo sonst Trauerfeiern stattfinden, stehen nun Särge. Ein Zustand von vor zwei Wochen.
Wo sonst Trauerfeiern stattfinden, stehen nun Särge. Ein Zustand von vor zwei Wochen. ©  Foto: Claudia Hübschmann

Die letzten Wochen haben die Krematorien vor eine große Herausforderung gestellt. "Meißen ist nun über den Berg.", so Krematorium-Chef Jörg Schaldach über die derzeitige Entwicklung der Corona-Zahlen. Die Zahlen der Corona-Einäscherungen sei rückläufig, wie er auch anhand seiner Statistiken beweist. Dafür gibt es seiner Meinung nach auch einen triftigen Grund: "Circa fünf Prozent der sächsischen Bevölkerung waren offiziell bereits mit Corona infiziert. Die Dunkelziffer ist aber ungefähr sieben- bis zehnmal höher. Demnach müssten beinahe 50 Prozent bereits mit dem Virus infiziert gewesen sein", erklärt Schaldach.

"Wie die Welle durchs Land zieht, sieht man an unserer Statistik ganz deutlich. Zu Beginn waren die meisten Menschen in der Erzgebirgsregion betroffen. Das bedeutet, aus Mittelsachsen kamen anfangs die meisten Corona-Toten zum Einäschern. Der Landkreis Bautzen zog nach, dann war Meißen an der Reihe und nun kriecht Corona Richtung Brandenburg (Elbe-Elster)", so Schaldach weiter.

Alle Zahlen beziehen sich ausschließlich auf Daten des Krematoriums Meißen sowie des Landkreises Meißen. "Alle" bedeutet in diesem Zusammenhang "der Anteil aller Corona-Einäscherungen", die das Krematorium Meißen aus Sachsen, Süd-Brandenburg und Berlin durchgeführt hat.
Alle Zahlen beziehen sich ausschließlich auf Daten des Krematoriums Meißen sowie des Landkreises Meißen. "Alle" bedeutet in diesem Zusammenhang "der Anteil aller Corona-Einäscherungen", die das Krematorium Meißen aus Sachsen, Süd-Brandenburg und Berlin durchgeführt hat. © Krematorium Meißen
Im Landkreis Meißen war der Höhepunkt der Einäscherungen im Dezember 2020 erreicht. Nun werden die Zahlen rückläufig.
Im Landkreis Meißen war der Höhepunkt der Einäscherungen im Dezember 2020 erreicht. Nun werden die Zahlen rückläufig. © Krematorium Meißen

Im Krematorium Meißen nahm der Anteil an Corona-Einäscherungen von November 2020 bis zum 20. Januar 2021 39,7 Prozent ein.

Corona-Tote werden älter

Eine weitere Statistik zeigt das durchschnittliche Sterbealter von Corona-Infizierten. "Starben die Menschen im März 2020 noch mit 82 Jahren an Corona, so liegt das durchschnittliche Sterbealter im Januar 2021 nun bei rund 84 Jahren. Das zeigt uns, dass unsere Mediziner dazulernen konnten", erklärt Schaldach.

Beim durchschnittlichen Sterbealter von Corona-Patienten ist ein leichter Anstieg zu verzeichnen.
Beim durchschnittlichen Sterbealter von Corona-Patienten ist ein leichter Anstieg zu verzeichnen. © Krematorium Meißen

Krematorium Meißen als Vorreiter

"Trotz der Ausnahmesituation und der erhöhten Anzahl an Einäscherungen ist es uns gelungen, alles im Gelände zu halten, während viele Krematorien in Sachsen auslagern mussten. Wir hätten noch 2.000 Notplätze zur Verfügung gehabt, die wir aber nicht benötigten. Das haben wir unseren Vorvätern von vor 90 Jahren zu verdanken, die dieses Krematorium gebaut haben. Denn die trafen die geniale Entscheidung, die Feierhalle als Notkühlzelle mit einem ausgezeichneten Lüftungssystem zu bauen. Das hat uns viel Aufwand und Zeit gespart", so Schaldach.

Wochenlang liefen die Anlagen unter Volllast und die Öfen brannten durchgängig. Von insgesamt 10 Krematorien in Sachsen übernahm das Krematorium Meißen fast ein Drittel aller Einäscherungen des Bundeslandes. "Zeitweise haben wir sogar noch Verstorbene anderer Krematorien übernommen und hatten eine durchschnittliche Wartezeit von nur vier Tagen. Zum Vergleich: Unter normalen Umständen ist es nur ein Tag. Unser innerbetriebliches System hat sich bewährt und die Technologie war nicht überlastet. Wir hatten 1.400 °C im Nachbrandbereich und sind mit 1.200 °C auf den Heißgaskühler russischer Bauweise gegangen."

Bestes Team – beste Leistung

Eine funktionierende Technologie ist das Eine, ein funktionierendes Team das Andere. Im Krematorium Meißen stimmt beides. "Ein Riesenlob an mein Team: Die Truppe hat`s gemeistert. Der Krankenstand während dieser schweren Zeit war Null. Auch während der Weihnachtsfeiertage waren alle auf Arbeit. Die Arbeitsweise des Standesamtes war ebenfalls vorbildlich und benötigte Unterlagen wurden schnell geliefert", lobt der Krematorium-Chef.

Nicht nur das Durchhaltevermögen war während dieser harten Zeit enorm. Auch der Kraftaufwand war außerordentlich. "Aktuell haben wir hier 200 Tonnen Tote im Monat. Die Särge müssen wir immer ungefähr drei- bis viermal anfassen, sodass wir am Ende bei 750 Tonnen sind, die wir monatlich mit der Hand bewegen. Ein Fitnessstudio braucht hier niemand mehr.

Sogar unsere ehemaligen Mitarbeiter kommen nun aus dem Ruhestand wieder, um mit anzupacken. Sie unterstützen bei der Leichenschau, bei der Betreuung der Angehörigen oder bei den Öfen. Die, die körperlich nicht mehr so fit sind, sorgen regelmäßig für gute Laune im Team und einen gedeckten Frühstückstisch", so Schaldach weiter.

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