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"Mit Vollgas an die Wand"

Die Fahrschule von Andreas Bönisch steckt wegen des Lockdowns in großen Schwierigkeiten. Der Lommatzscher spricht von Berufsverbot und Enteignung.

Ratlos, machtlos, hoffnungslos. Andreas Bönisch in seiner leeren Fahrschule.
Ratlos, machtlos, hoffnungslos. Andreas Bönisch in seiner leeren Fahrschule. © Claudia Hübschmann

Meißen/Lommatzsch. Der gerade angeschaffte Fahrtrainer wird seit etlichen Wochen nicht benutzt. In dem großen Unterrichtsraum der Fahrschule Bönisch in Meißen sitzt nur ein einzelner Mann. Es ist Andreas Bönisch, der Inhaber der Fahrschule. Vor mehr als 30 Jahren, am 1. September 1990, hat er sie gegründet. "Es war die erste private Fahrschule im damaligen Landkreis Meißen. Die Gewerbeerlaubnis stammte noch vom Rat des Bezirkes Dresden", sagt er und lacht kurz. Doch ansonsten ist dem 64-jährigen Lommatzscher das Lachen längst vergangen.

Gerade hat er mit einem Kollegen telefoniert. "Er hat mir gesagt, dass er seine Fahrschule dicht macht. Er kann nicht mehr, ist finanziell am Ende", sagt er. Wie lange Andreas Bönisch durchhält, weiß er nicht. Seit Monaten hat er keine Einnahmen, aber die laufenden Kosten gehen weiter. Und die haben es in sich. Miete für das Fahrschulgebäue in Meißen, Heizung, Kreditraten für mehrere Pkw und den Fahrtrainer, der soviel kostet wie ein Mittelklassewagen, Miete für Garagen und Stellplätze. Alle Fahrschulautos sind mit Telematik ausgerüstet. Die Kosten für diese Technik laufen weiter, obwohl kein einziges Fahrzeug auch nur einen Meter bewegt werden kann. Auch Steuer und Versicherung für die Fahrzeuge laufen weiter.

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Die Rücklage fürs Alter angegriffen

Seine Rücklagen sind nahezu aufgebraucht. Er hat sogar seine Altersversorgung angegriffen, um die Kosten zu stemmen. "Die Fahrschulen haben keine Lobby. Sie werden von der Politik mit Vollgas an die Wand gefahren. Es ist aussichtslos, hoffnungslos", sagt er. An die Zukunft mag er gar nicht denken. Aus der gesetzlichen Rentenversicherung hat er gerade mal 200 Euro Rente zu erwarten für die Zeit beim damaligen VEB Kraftverkehr Meißen, wo er schon als Fahrlehrer und später als Fernfahrer arbeitete. Brutto wohlgemerkt. "Ich werde wohl arbeiten müssen, so lange es irgendwie geht", sagt der 64-Jährige.

Falls er denn mal wieder arbeiten darf. "Das, was die Politik hier mit uns macht, ist Berufsverbot und kalte Enteignung", schimpft er. Die Schulen dürften wieder öffnen, die Fahrschulen aber nicht. "Das verstehe, wer will, ich jedenfalls nicht."

Das Desinteresse der Politiker

30 Jahre lang habe er erfolgreich unternehmerisch gearbeitet, hat drei Angestellte, die jetzt alle in Kurzarbeit sind. Die kleine Fahrschule ist breit aufgestellt. Neben der Ausbildung für Pkw und Lkw bildet sie auch Fährleute aus. Sportbootführerscheine können hier ebenfalls erworben werden.

Doch im Moment geht gar nichts. Seit dem 14. Dezember ist die Fahrschule komplett dicht. Das zweite Mal in der Coronakrise. Andreas Bönisch hat etwas gemacht, was er noch nie getan hat: Er ist auf die Straße gegangen. Nahm an einer Protestkundgebung der Fahrschulen in Dresden teil. Und ist riesig enttäuscht. Die Aktion habe überhaupt nichts gebracht. Ministerpräsident Kretschmer habe sich entschuldigen lassen, auch Wirtschaftsminister Dulig sei nicht gekommen. Und vom Landtag habe sich auch niemand blicken lassen.

Vorausgegangen war der Demo ein offener Brief. Irgendwann kam eine Antwort, verfasst von einem Ministerialdirigenten. "Alles nur Blabla, Phrasen und heiße Luft", sagt Bönisch. Fahrschulen seien eben nicht systemrelevant. "Das ist inzwischen zu meinem Lieblingswort geworden. Wir bilden auch Feuerwehrleute aus und Pflegekräfte. Wieso sind Fahrschulen nicht systemrelevant", sagt er. Die Fahrschulen hätten die geforderten Hygienerichtlinien strikt eingehalten. "Arbeiten dürfen wir trotzdem nicht. Wozu haben wir dann den ganzen Aufwand betrieben?", fragt er.

Ja, er hat Soforthilfe bekommen. "Doch das Geld wurde als Einkommen gewertet, musste versteuert werden. Da war die Hälfte gleich wieder weg. Was übrigblieb, reichte gerade mal, um dreieinhalb Tage die laufenden Kosten zu decken", so Bönisch.

Verbittert, ratlos, hoffnungslos

Andreas Bönisch war schon immer ein Fan von Eislaufstar Katarina Witt. Jetzt ist er es umso mehr. Denn die 55-Jährige, die auch Fitnessstudios betreibt, hat auf Facebook ihrer Wut über die Coronamaßnahmen Luft gemacht. „Am liebsten würde ich Politiker und Entscheidungsträger auffordern, begeben Sie sich endlich selbst mal in die Lage, in der sie erwarten, dass so viele Menschen hier im Land überleben sollen – seit fast einem Jahr“, schreibt sie dort.

Politiker und Entscheidungsträger sollten in der Coronakrise komplett auf ihr Einkommen und Diäten verzichten, schlägt sie vor. Auch für Miete plus Nebenkosten, für Ministerniederlassungen, Büros, Mitarbeiter, Auto, Fahrer, Versicherungen, Kleinigkeiten wie Speichercloud oder Google-Workspace sollten Politiker selbst aufkommen. "Erst dann könnten sie ehrlicherweise laut sagen: Wir sitzen alle im selben Boot und wir schaffen das“, so die Weltmeisterin und zweifache Olympiasiegerin.

Andreas Bönisch stimmt ihr voll zu. "Damit die endlich mal selbst merken, was Existenzangst ist. Ich bin kein Coronaleugner. Doch die Maßnahmen sind überzogen. Der Inzidenzwert wird willkürlich immer weiter nach unten abgesenkt. Ich fühle mich in meinen Grundrechten total eingeschränkt. Die Politiker wissen gar nicht, was sie uns antun. Die bekommen ja regelmäßig ihr volles Geld aus Steuern. Doch wenn sie so weitermachen, ist es auch mit Steuern bald vorbei", sagt er. Er ist verbittert, ratlos, machtlos, hoffnungslos.

Immer wieder klingelt das Telefon, gibt es Nachfragen nach Fahrschulterminen. Aber es geht nicht, obwohl er lieber heute statt morgen aufmachen würde. Und so muss Andreas Bönisch alle Anrufer vertrösten.​ Auf irgendwann. In der Hoffnung, dass es seine Fahrschule dann noch gibt. Allerdings: Einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es inzwischen doch: Ab 1. März sollen wieder Fahrprüfungen stattfinden können, allerdings nur für Personen, die einen Führerschein aus beruflichen Gründen brauchen. Ein Anfang, immerhin.

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