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Nachhaltiges Bauen mit Stroh statt Beton

Die Welt baut in Beton. Doch der ist ein Klimakiller. Die Suche nach Alternativen läuft – und ist in Sachsen erfolgreich.

Von Jana Mundus
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Die Idee, Stroh für den Hausbau zu nutzen, ist alt. Doch neuartige Verfahren machen jetzt Neues möglich.
Die Idee, Stroh für den Hausbau zu nutzen, ist alt. Doch neuartige Verfahren machen jetzt Neues möglich. © Foto: imago/Andreas Krone

Der Wolf hat leichtes Spiel. Er hustet und pustet. Danach fällt das Haus aus Stroh im Kinderbuch über die drei kleinen Schweinchen ganz einfach auseinander. Ist Stroh für den Hausbau also eine schlechte Idee? Diese Ansicht ist wohl überholt. Auf der Suche nach ökologischen Alternativen setzen Forschung und Baubranche derzeit auch auf altbewährte, aber in Vergessenheit geratene Materialien. Im Zusammenspiel mit neuen Technologien sollen Holz, Lehm und auch Stroh das Bauen in Zukunft nachhaltig machen. In Sachsen gibt es dafür aber noch mehr Ideen.

Seit knapp drei Jahren stellt die Lorenz GmbH aus Taucha bei Leipzig neuartige Dämmelemente aus Holz und Stroh her. Dafür hat das Unternehmen eigene Maschinen entwickelt, die das Stroh durch hohen Druck extrem verdichten. „Ich sage immer: Wir retten die Welt“, erklärt Geschäftsführer Rainer K. Schmidt selbstbewusst. „Momentan spüren wir deutlich eine steigende Nachfrage nach unseren Produkten.“ Die Idee für die Module entwickelte er gemeinsam mit seinem langjährigen Freund und jetzigen Mitgründer Moritz Reichert. Jetzt steigt ein Investor bei der sächsischen Firma ein, die mit dem neuen Geld ihre Kapazitäten vervierfachen kann. Kommt das Gros der Bestellungen momentan noch von privaten Bauherren, sollen bald auch öffentliche Gebäude strohgedämmt entstehen.

Beton wird zum Problemfall

Alexander Kahnt, Leiter der Forschungsgruppe Nachhaltiges Bauen an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK Leipzig), kennt die Tauchaer Firma gut. Seit zwei Jahren erforschen sie gemeinsam, was mit Stroh in Zukunft möglich ist. Kahnt und sein Team treibt dabei vor allem eine Zahl an: 58 Hektar werden in Deutschland pro Tag versiegelt, also überbaut. Das entspricht rund sieben Mal der Fläche des Leipziger Hauptbahnhofs.

„Unser Ansatz ist es deshalb, möglichst schlank zu bauen“, sagt Kahnt. Das spare Platz und Baumaterial gleichermaßen. Bis auf 14 Zentimeter Wandstärke haben es die Forscher bereits gebracht. In einer großen Halle in Campusnähe testen sie, wie solche Fassadenelemente samt effektiver Dämmung im industriellen Maßstab produziert werden können. Zum Einsatz kommen dabei Baustoffe, die gegenüber Beton gleich mehrfach punkten. Denn Beton, bei dessen Herstellung große Mengen an CO2 freigesetzt werden, ist ein Problem.

Jahrhundertelang vertraute der Mensch auf Lehm. Doch die Erfindung des Betons, des künstlichen Steins aus Zement, Wasser, Sand und Kies, löste diese Tradition ab. Der Bedarf steigt rasant, auch weil immer mehr Menschen auf der Welt Wohnraum und Infrastruktur brauchen. Zwischen 2011 und 2013 wurde allein in China so viel Beton hergestellt und verbaut wie in der gesamten Geschichte der USA. Die Rohstoffe für die Betonherstellung werden dabei knapp. Die Menge an benötigtem Sand hat sich weltweit allein in den vergangenen 20 Jahren verdreifacht. Alternativen müssen her.

In Dresden entsteht aktuell am Zelleschen Weg/Fritz-Förster-Platz das erste Haus aus Carbonbeton, hier schon fertig als Visualisierung zu sehen.
In Dresden entsteht aktuell am Zelleschen Weg/Fritz-Förster-Platz das erste Haus aus Carbonbeton, hier schon fertig als Visualisierung zu sehen. © Visualisierung: TU Dresden Foto: TU Dresden

Die sieht die Forschung vor allem in Hochleistungsbaustoffen wie etwa Carbonbeton. In Dresden entsteht derzeit der Cube, das erste Haus komplett aus diesem neuartigen Baustoff. Am Projekt sind neben der TU Dresden und der HTWK Leipzig viele weitere Partner aus Wissenschaft und Industrie beteiligt. Sie wollen ergründen, wie das Bauen mit Carbonbeton praktisch funktioniert. Das Neue verbirgt sich im Inneren des Baustoffs. Dort befinden sich Kohlenstofffasern, die durch ein spezielles Legeverfahren ein Gitter bilden. Im Gegensatz zu gängigem Stahlbeton rostet das Material damit nicht. Rundherum schützen dünne Schichten Beton das Innenleben und sind dabei trotzdem extrem stabil. Bis zu 80 Prozent Material können dadurch eingespart werden – und gleichzeitig große Mengen des klimaschädlichen CO2.

Die Wandelemente für den Cube entstanden im Betonwerk Oschatz. Dort steht die moderne Anlagentechnik, die Carbonfasern und Beton zusammenbringt. „Es gibt natürlich viele Bauherren oder Planer, die sich bei uns melden, und solche Elemente auch haben wollen“, erzählt Geschäftsführer Matthias Schurig. Noch sei die Bauweise aber nicht offiziell eingeführt. Jede Baumaßnahme braucht aktuell noch eine Zulassung nach Einzelfallprüfung. Doch Schurig rechnet damit, dass in einigen Jahren Carbonbeton durchaus eine attraktive Alternative für viele Projekte darstellen dürfte. „Es wird vielleicht nicht alles damit gehen.“ Aber allein das Einsparpotenzial hinsichtlich CO2 und Baumaterial sei ein wichtiges Argument.

Lebenszyklus von Materialien mitdenken

Neu entwickelte Baustoffe auf der einen Seite – Altbekanntes auf der anderen. Forscher testen aktuell, wie verdichteter Lehm zum Hausbau genutzt werden kann. Holz rückt mit Blick auf nachhaltiges Bauen ebenfalls wieder in den Fokus. Neben dem Bahnhof Südkreuz in Berlin entsteht beispielsweise gerade die neue Zentrale des Konzerns Vattenfall in einer modernen Kombination aus Holz und Beton. Zwei Drittel weniger Beton als bei herkömmlichen Bauten dieser Art finden dabei Verwendung. In Tokio ist sogar ein 350 Meter großes Hochhaus geplant – aus Holz.

Mit dem Verwenden des natürlichen Baustoffs entsteht ein großer Vorteil: Holz bindet CO2 und das über die gesamte Zeit hinweg, als Baum im Wald und als verbauter Balken im Haus. „Dieser Lebenszyklusgedanke wird in Zukunft bei Bauprojekten eine immer wichtigere Rolle spielen“, sagt Christian Popp von der Forschungsgruppe Energieeffizienz und Nachhaltigkeit der TU Dresden. Der Klimawandel und die Endlichkeit der Ressourcen machten dringend ein Umdenken notwendig. Deshalb wäre es wichtig, künftig zu fragen, welche Baustoffe verwendet werden und vor allem auch, woher sie kommen. „Momentan schauen wir aufgrund der gesetzlichen Anforderungen primär lediglich auf die Nutzung“, fügt er hinzu. Für eine wirkliche Nachhaltigkeit seien ebenso die Phase vor dem Bau und die Zeit danach wichtig. Wie recyclingfähig sind unsere Baustoffe also?

Die Lebensdauer, sie gilt auch für die Technik, die in moderne Gebäude eingebaut wird. Am Institut für Baukonstruktion der TU Dresden experimentieren Christian Popp und seine Kollegen mit intelligenten Technologien, die dabei helfen, die Belüftung von Gebäuden automatisch effektiver zu machen. Doch diese Technik veraltet viel schneller als die Hülle eines Gebäudes. Womöglich sind einfachere Lösungen deshalb am Ende doch die besseren.