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"Niesky nutzt seine Potenziale zu wenig"

Am Sonntag wählen die Nieskyer einen neuen Rathauschef. Die SZ stellt die drei OB-Kandidaten im Interview vor. Heute: Kathrin Uhlemann.

Von Steffen Gerhardt
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Kathrin Uhlemann tritt als Kandidatin zur Oberbürgermeisterwahl in Niesky an.
Kathrin Uhlemann tritt als Kandidatin zur Oberbürgermeisterwahl in Niesky an. © André Schulze

Mit der parteilosen Kathrin Uhlemann taucht ein neues Gesicht in dem Trio der Oberbürgermeister-Kandidaten auf. Die 44-Jährige tritt für die CDU zur OB-Wahl am 7. November an. Was sie dazu veranlasst hat, welche Chancen sie für die Kleinstadt sieht und was sie verändern möchte, darauf antwortet sie im Interview der SZ.

Frau Uhlemann, bis zur Bekanntgabe ihrer Kandidatur für das OB-Amt sind Sie für die meisten Nieskyer eine Unbekannte gewesen. Aber inzwischen kennt man Sie nicht nur von den Plakaten und Bannern her, sondern vor allem aus Gesprächen mit den Bürgern sowie mit Unternehmen und Einrichtungen. Fühlen Sie sich in Niesky angekommen?

Das kann ich bestätigen. Ich spüre, dass ich den Menschen in Niesky guttue und empfinde das Gleiche von meiner Seite. Wo ich auch hinkomme, ich merke den großen Zuspruch und den Wunsch nach Veränderung in der Stadt.

Dafür sind Sie von früh bis abends auf den Beinen, stehen beispielsweise jeden Dienstag auf dem Nieskyer Wochenmarkt und sprechen mit den Menschen. Sie befinden sich also voll und ganz im Wahlkampfmodus?

Mir ist wichtig, nicht nur auf Plakaten und Flyern präsent zu sein, sondern vor allem bei den Menschen vor Ort. Der Wochenmarkt ist dazu eine sehr gute Gelegenheit. Aber ich bin auch in den Ortsteilen und in den Straßen von Niesky unterwegs, um aufzunehmen, was die Leute bewegt, welche Erwartungen sie an ihr künftiges Stadtoberhaupt haben und wie sie sich selbst einbringen wollen. Das prägt jetzt meinen Tagesablauf. Bis zur Wahl habe ich mich von meinem Arbeitgeber dafür freistellen lassen.

Vor gut drei Monaten ist das alles noch kein Thema für Sie gewesen. Wie kamen Sie zu der Kandidatur für das Niesyker Rathaus?

In der Tat. Da steckte ich noch voll in meiner Tätigkeit in der Sächsischen Agentur für Strukturwandel und hatte meinen Arbeitsplatz in Weißwasser. Bis ich darauf aufmerksam wurde, dass der Nieskyer Stadtverband der CDU einen Kandidaten für die OB-Wahl suchte. Irgendwie haben wir uns gesucht und gefunden. Nach einigen Gesprächen und gereiften Überlegungen meinerseits haben wir uns darüber geeinigt, dass ich mit dem Mandat der CDU für das Amt kandidieren werde. Unsere politischen und wirtschaftlichen Gesamtvorstellungen passen zusammen.

Wie bekannt ist Ihnen die Stadt Niesky zu dieser Zeit gewesen und wie ist heute Ihr Verhältnis zu ihr, wenige Tage vor dem Wahltermin?

Durch meine Tätigkeit ist Niesky keine Unbekannte für mich gewesen. Vor allem, was die wirtschaftlichen Dinge wie Waggonbau und Stahlbau betrifft. Aber auch ihre Prägung durch die Brüder-Unität und den Holzindustriebau ist für mich gegenwärtig. Durch die vielen Kontakte kann ich inzwischen auch hinter die Haustüren schauen und mir ein Bild von den Menschen hier machen.

Und wie ist so der Nieskyer aus Ihrer Sicht?

Ein aufgeschlossener Mensch, der gehört werden will und bereit ist, sich einzubringen. Das ist das Fazit aus meinen bisherigen Begegnungen. Ich möchte die Menschen dort mitnehmen, wo sie stehen - ganz gleich, ob jung oder alt. Denn ich spüre, dass sie ein Interesse haben, nicht nur die Geschicke in der Stadt mitbestimmen zu wollen, sondern sich auch eine neue Kultur des Umgangs miteinander wünschen.

Welche Herausforderungen sehen Sie auf sich zukommen, wenn Sie Oberbürgermeisterin wären?

Wir müssen uns bewusst sein, dass Niesky und seine Ortschaften nicht nur einen Schwund an Infrastruktur zu verzeichnen haben, sondern auch an Einwohnern. Wegzüge und die Sterberate sind immer noch größer als Zuzüge. Aber ich sehe auch einen Rückgang des Einzelhandels in der Stadt und zu wenige Freizeitangebote. Den Sport ausgenommen, um den kümmern sich viele rührige und engagierte Sportvereine. Die morgendlichen Schlangen vor den Arztpraxen machen mir ebenso Sorge. Das lässt sich nicht von heute auf morgen ändern, denn der Ärztemangel herrscht auch in den umliegenden Gemeinden. Ihn zu überwinden, dazu braucht es viele persönliche Kontakte zu Ärzten, die bereit sind, in die Oberlausitz zu kommen und professionelle Unterstützung wie durch das Ärztenetz Ostsachsen.

Sie sind Mutter von drei Töchtern, eine davon ist geistig behindert. Somit hat die medizinische Versorgung schon aus familiärem Interesse eine große Bedeutung für Sie?

Die eigene Betroffenheit öffnet einem den Blick auf Dinge, die der "normale" Bürger so nicht wahrnimmt. Ich bin oft mit meiner großen Tochter auf dem Fahrradtandem in Niesky unterwegs und werde nicht nur wegen des Fahrrades von Bürgern angesprochen. Deshalb liegt mir die Stärkung von Familien und von Menschen mit Pflegebedarf besonders am Herzen. Die Fahrten mit dem Tandem machen aber auch auf ein anderes Problem aufmerksam: Das Fahrrad ist für viele Menschen in Niesky und Umgebung das bevorzugte Fortbewegungsmittel. An den Straßen zu den Ortschaften fallen die breiten Fahrradwege auf. Die finde ich wunderbar. In der Stadt Niesky selbst ist es eher dürftig. Um diesen Mangel zu beseitigen, braucht es keine teuren Konzepte, sondern die Meinung der Bürger, wo was zu verändern ist. Das müssen wir anpacken.

Ihre bisherige Tätigkeit bringt sie viel mit Unternehmen und Institutionen zusammen. Diese Kontakte könnten das wirtschaftliche Wachstum in Niesky beschleunigen?

Mein Eindruck ist, Niesky nutzt seine Potenziale zu wenig. Wirtschaftsförderung ist eine freiwillige Aufgabe, für die nur ein ganz geringes Stundenbudget zur Verfügung steht in Niesky. Hier möchte ich gern intern umstrukturieren. Wir brauchen Personal, das sich mit Wirtschaftsförderung auskennt. Ergänzt durch Kooperationen mit der Wirtschaftsförderung des Freistaates Sachsen und mit den umliegenden Kommunen. Ein gemeinsames Angebot der Kommunen erhöht insgesamt die Chance auf neue Arbeitsplätze in der Region. Grundlage jeder Ansiedlung sind erschlossene Gewerbeflächen. In Niesky werden offensichtlich einige Flächen nicht genutzt, die in Privatbesitz sind, wie am Ziegelweg. Hier möchte ich ins Gespräch kommen, um diese Areale möglicherweise gemeinsam zu entwickeln und zu vermarkten.

Das klingt nach einem Strukturwandel im Kleinen. Wie steht es für Sie um den großen Wandel?

Nach meiner Kenntnis hat Niesky rund 2.000 Auspendler. Also jeder fünfte Einwohner arbeitet außerhalb von Niesky. Für diese Menschen ist Niesky nur eine Wohnstadt, in der es sich angenehm leben lässt. Es muss uns besser gelingen, Wohnen und Arbeiten an einem Ort zu bündeln. Das setzt aber neue Arbeitsplätze voraus. Die können mit dem Strukturwandel entstehen. Dafür sind Fördertöpfe geöffnet worden, die Niesky anzapfen sollte. Projekte aus anderen Kommunen wurden bewilligt, der Topf wird kleiner. Insofern sollte man sich nicht nur auf die Strukturförderung beschränken, sondern in der Förderstrategie breit aufgestellt sein. Ich beschäftige mich beruflich damit, bringe entsprechende Erfahrung nach Niesky.

Aufschwung für die Region soll das Projekt Eisenbahnteststrecke, kurz Tetis genannt, bringen. Was ist Ihre Meinung dazu?

Ich habe das Projekt beruflich in einer Studie betreut. Es ist eine interessante Chance, die Niesky aber für sich bewerten muss mit seinen Bürgern. Damit ein Entscheidungsprozess entstehen kann, brauchen wir gut aufbereitete und verfügbare Informationen zu Tetis. Diese fehlen bisher oder sind nur lückenhaft. Man kann sich nur positionieren, wenn man weiß, worum es geht.

Sie kritisieren die gegenwärtige Struktur und Organisation der Stadtverwaltung. Was verstehen Sie unter einer bürgerfreundlichen Verwaltung?

Mir geht es unter anderem darum, sich den Rücken gegenseitig zu stärken. Wenn es ein Problem gibt, etwas nicht optimal gelaufen ist, stehe ich als OB vorn, nehme die Kritik persönlich entgegen und antworte auf Fragen der Nieskyer. Nähe, Freundlichkeit, Zugänglichkeit für Bürger, Unternehmen und Vereine – das möchte ich gern als Selbstverständnis der Verwaltung etablieren. Ich bin zuversichtlich, dass die Mitarbeiter im Rathaus diese Ziele teilen. Eng damit verknüpft ist die digitale Verwaltung. Ein Beispiel nur: Wir brauchen downloadbare Formulare für die Bürger und Einrichtungen, um den Vorgang im Rathaus auf ein Minimum an Aufwand und Zeit zu begrenzen.

Zur Person: Kathrin Uhlemann ist Tochter einer Chemikerin und eines Patentanwalts. Sie studierte Biochemie in Halle und in Norwegen. Danach war sie 15 Jahre in Organisationen der deutschen internationalen Zusammenarbeit tätig. Ab 2016 war sie Mitarbeiterin des Staatsministeriums für Umwelt und Landwirtschaft, der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung GmbH, der Sächsischen Landesstiftung für Natur und Umwelt und der Wirtschaftsregion Lausitz GmbH. Seit 2002 ist sie verheiratet. Ihr Mann arbeitet als Schäfer in der Naturschutzstation Förstgen. Zusammen haben sie drei Töchter - 18, 16 und 13 Jahre alt. Die Familie wohnt in Kosel.

Am Freitag vor der OB-Wahl in Niesky lädt Kathrin Uhlemann auf den Zinzendorfplatz ein. Die Veranstaltung unter dem Motto „Für mehr Bewegung in Nieskys Stadtpolitik“ beginnt 18 Uhr vor dem Pädagogium.

Die SZ gibt allen Kandidaten die Möglichkeit, in einem Interview ihre wichtigsten Pläne als OB vorzustellen: Beate Hoffmann: „Ich will den 10.000 Nieskyer begrüßen".