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Sachsen

Pfarrer König macht eine Ausnahme

Lothar König kommt eigentlich nicht mehr freiwillig nach Dresden. Für die Unteilbar-Demo macht er eine Ausnahme.

Lothar König wurde bundesweit bekannt, als sein Lautsprecherwagen 2011 nach einer Anti-Nazi-Demo in Dresden beschlagnahmt wurde.
Lothar König wurde bundesweit bekannt, als sein Lautsprecherwagen 2011 nach einer Anti-Nazi-Demo in Dresden beschlagnahmt wurde. © dpa/Sebastian Willnow

Jena. Kurz vor seinem Ruhestand fährt der Jenaer Pfarrer Lothar König noch einmal nach Dresden, um gegen Rassismus zu demonstrieren. "Das ist eine Ausnahme wegen der bevorstehenden Landtagswahl - bevor alles komplett den Bach runtergeht", sagt der 65-Jährige während er sich eine Zigarette dreht. Der Mann mit dem langen Bart gehört wohl zu den bekanntesten Pastoren in Ostdeutschland. Seit Jahrzehnten engagiert sich König gegen Rechtsextremismus. Immer wieder eckte er auch an - mit Politikern, Vorgesetzten und mit der sächsischen Justiz.

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Freiwillig gehe er normalerweise nicht mehr in sächsische Städte wie Dresden oder Chemnitz, sagte er. Vor mehr als acht Jahren wurde König nach einer Demo gegen einen Neonazi-Aufmarsch vorgeworfen, in der sächsischen Hauptstadt zu Gewalt gegen Polizisten aufgerufen zu haben. Ermittler durchsuchten seine Wohnung, sein Bus wurde beschlagnahmt.

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Das Verfahren zog sich jahrelang hin. Am Ende wurde es gegen eine Geldauflage eingestellt. Das Vorgehen der sächsischen Justiz geriet damals in die Kritik. Rückblickend bezeichnet König diese Zeit als eine der stärksten und intensivsten - allerdings im negativen Sinne. Gebrochen hat sie ihn aber nicht.

König habe ein großes Herz für alle, die es im Leben nicht so leicht haben, sagt Oberkirchenrat Christhard Wagner, einer seiner Wegbegleiter. Königs Herz sei aber auch offen für diejenigen, "für die Freiheit nicht nur ein Wohlgefühl, sondern ein echtes Lebensanliegen" sei, sagt er. "Für die hat er sich immer eingesetzt - mit der Bibel in der linken und der Zigarette in der rechten Hand."

© Alexander Schneider (Archivfoto)

Seit 1990 leitet König als Jugendpfarrer die Junge Gemeinde Stadtmitte in Jena, zuvor war er in Erfurt und in Merseburg (Sachsen-Anhalt) aktiv. "Als ich 1990 nach Jena kam, fanden die Übergriffe der Rechten längst statt", erinnert er sich. Die Neonazis damals seien wie entfesselt gewesen durch das Ende der DDR. Lange bevor der "Nationalsozialistische Untergrund" um die aus Jena stammenden Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe aufflog, warnte König vor dem aufkeimenden Rechtsextremismus. Schon damals beteiligte er sich an Demos gegen Rechts. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Allerdings sei es schwieriger geworden, Neonazis gleich zu erkennen, sagt er. "Alles ist viel subtiler geworden." Anders als im Jena der 90er-Jahre finde die Auseinandersetzung mit Rechtsextremisten heute kaum noch auf der Straße statt. "Es ist mehr eine geistige Auseinandersetzung geworden", findet er. Helfen würden ihm Recherchen der Antifa - vor allem, um zu wissen, was Neonazis wann vorhätten.

Politisch sieht König auch seine Kirche in der Verantwortung. "Ich erwarte von der Kirche, dass sie politisch ist, wenn Menschen Gefahr ausgesetzt sind oder Unrecht geschieht, dass sie dagegen vorgeht oder dies zumindest öffentlich macht", sagt der Jugendpfarrer.

Die scheidende Landesbischöfin Ilse Junkermann sagt, sie habe König als Pfarrer kennengelernt, "der seinen Dienst ganz von Jesu Bergpredigt her versteht und wahrnimmt". Er habe sich radikal für Gewaltfreiheit und Menschenwürde eingesetzt. "Und wie bedingungslos liebend und annehmend Jesu Botschaft ist, hat er in der Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen gelebt, die am sogenannten Rand der Gesellschaft und der Kirche leben", so Junkermann. Eins habe er dabei nie gescheut: Streit oder Konflikt. Auch nicht, wenn es um ihn selbst ging. (dpa)