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Jubel

„Bleibt die Zeitung in Zukunft regional?“

Normalerweise stellt SZ-Regionalchef Domokos Szabó Landrat Michael Geisler die Fragen. Heute ist es umgekehrt.

Mit Abstand und Maske, aber offen und neugierig: Der Pirnaer Landrat Michael Geisler (li.) und der regionale SZ-Redaktionsgeschäftsführer Domokos Szabó im Gespräch.
Mit Abstand und Maske, aber offen und neugierig: Der Pirnaer Landrat Michael Geisler (li.) und der regionale SZ-Redaktionsgeschäftsführer Domokos Szabó im Gespräch. © Steffen Unger

Wie sind Sie eigentlich zum Journalismus gekommen?

Da gibt es nicht den einen Grund, sondern vielmehr mehrere Gründe. Ich bin in Budapest, Ungarn, großgeworden und habe mit 18 Jahren hautnah erlebt, wie der Sozialismus überwunden wurde, ein System, unter dem wir schon unsere Eltern leiden sahen mit Mangelwirtschaft und Einschränkungen aller Freiheiten. Diese Zeit hat mich geprägt. Damals haben wir die Zeitung förmlich verschlungen und so bin ich darauf gekommen, selbst mitmachen zu wollen. Aber es kommen noch andere Punkte dazu wie etwa die Liebe, mit Sprache zu arbeiten und die Freude, den Alltag von anderen mit unseren Geschichten ein Stück besser zu machen. Das ist, was mir am Journalismus gefällt.

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Jetzt wird die Sächsische Zeitung 75 Jahre alt. Sie selbst sind schon 20 Jahre dabei. Was waren die aufregendsten Zeiten für Sie?

Die spannendsten Zeiten sind bei uns die Ausnahmezeiten, weil damit der Bedarf an Informationen exponentiell wächst. Wir beide erinnern uns an die Hochwasserkatastrophen 2002 und 2013, als die SZ selbst betroffen war und schnell Lösungen finden musste, um weiter arbeiten zu können. Nach der Flut 2002 war es wunderbar, zu erleben, welche Solidarität die Region erfahren hat und welchen Willen die Menschen zum Wiederaufbau hatten. Auch in der Corona-Zeit sehen wir eine riesige Nachfrage nach Informationen, nach Orientierung. Und auch aus dieser Krise werden wir die Lehren ziehen und daraus gestärkt hervorgehen.

Wo sehen Sie die größte Veränderung in den letzten Jahren, die Sie mit Zeitung und Verlag erlebt haben?

Das ist die Digitalisierung. Lange, lange Zeit konnten wir als nur gedruckte Zeitung sehr gut existieren. Wir hatten eine gewisse Monopolstellung. Durch das Internet liegt heute die Schwelle – leider auch was Manieren angeht – sehr tief, mit der eigenen Meinung oder eben Informationen andere zu erreichen. Die digitalen Kanäle sind ein Segen für den Journalismus, aber auch eine Herausforderung für den Zeitungsverlag als Institution.

Wohin geht die Entwicklung?

Die Digitalisierung geht weiter, neue, zusätzliche Leser werden wir vor allem über die digitalen Kanäle erreichen wie Sächsische.de, über unsere Newsletter und über soziale Netzwerke. Aber hier müssen wir natürlich unseren Platz ganz anders erkämpfen, da die Konkurrenz um Aufmerksamkeit im Internet groß ist. Ich glaube jedoch an guten Journalismus. Nachrichten, die von Profis recherchiert, aufbereitet und eingeordnet werden, dafür wird es auch in Zukunft einen Markt geben. Spannend für mich ist, dass ich das als Geschäftsführer bei der SZ hier in der Region mitgestalten kann. Wir müssen den Wandel auch in der Hinsicht schaffen, dass unsere Angebote im Netz auskömmlich bezahlt werden, damit wir unsere Teams und unsere Infrastruktur weiter finanzieren können.

Wie schätzen Sie die Zukunft der Regionalität ein, wird sie sich verändern?

Für uns als regionale Tageszeitung sind die Lokalredaktionen, die Lokalteile und die lokale Berichterstattung unsere DNA. Auch dafür gibt es nach wie vor einen Markt, die Menschen wollen – und das ist nicht anders als in den Neunzigern oder in den Siebzigerjahren – einfach wissen, was direkt vor ihrer Haustür passiert. Nicht für alles bekommen wir aber genug Leser. Vor zehn Jahren hätten wir zum Beispiel über die Sanierung einer wenig befahrenen Nebenstraße noch berichtet. Nun geht der Trend zu Geschichten, die für die ganze Region relevant und interessant sind und diese Geschichten werden nach wie vor gelesen und von den Lesern honoriert. Wenn es also, um bei dem Beispiel zu bleiben, um eine Bundesstraße oder eine wichtige Verbindung durch die Sächsische Schweiz geht, sind unsere Reporter dabei.

Gibt es ein Themen-Ranking, welche Geschichten vom Leserinteresse her am wichtigsten sind? Hat sich das in der Zeit gewandelt?

Ich glaube nicht, dass sich das wirklich gewandelt hat, aber unser Blick ist durch die Digitalisierung noch einmal geschärft worden. Im Internet sehen wir in Echtzeit, was gut gelesen wird. Und das sind jene Geschichten, die die Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit treffen und in ihrem Alltag beeinflussen. Das klingt nicht sehr aufregend, aber wenn es etwa um Ein- und Auskommen geht, um neue Jobs, um Hausbau, um Mieten, um Einkaufsmöglichkeiten, um Gastronomie, ist das immer ein super Thema.

Lassen Sie die Themen auf sich zukommen oder haben Sie gewisse Strategien, was die Themengewinnung angeht?

Wir können es uns nicht leisten, die Themen auf uns zukommen zu lassen, zumal wir täglich mindestens sechs Seiten pro Lokalteil gestalten. Vor allem aber wollen wir selbst Themen setzen. Deshalb sind wir aktiv unterwegs, die Reporter suchen nach Geschichten. Sie knüpfen Kontakte und haben ihre Netzwerke. Allein daraus entstehen etliche Themen. Auch legen wir in den Redaktionskonferenzen Themen fest, die später recherchiert werden. So ist zum Beispiel jüngst die Serie „Der Lockdown und ich“ entstanden, bei der wir zu Menschen gehen und sie bitten zu erzählen, wie sie mit der Corona-Pandemie und den Einschränkungen zurechtkommen.

Werden die Reporter in Zukunft weiterhin Festangestellte sein oder gehen Sie andere Wege? Personalkosten sind immer ein Faktor und beeinflussen die Wirtschaftlichkeit einer Firma …

Wir haben derzeit 14 Reporter im Landkreis, das ist eine sehr gute Zahl im Vergleich dazu, was sich andere vergleichbare Medien noch leisten wollen oder können. Diese Größenordnung wollen wir halten und es ist auch wichtig, dass diese Reporter unabhängig sind. Zu dieser Unabhängigkeit gehört eben die finanzielle Absicherung. Alles andere halte ich weder für sinnvoll noch für praktikabel. Wir haben zudem auch freie Mitarbeiter, die unser Team bei bestimmten Aufgaben ideal ergänzen.

Wer arbeitet noch im redaktionellen Bereich in der Region?

Wir haben vier Editoren, die selber nur kurze Nachrichten schreiben. Ihre Hauptaufgabe ist es, die fertigen Artikel und Fotos für Online und Print aufzubereiten. Wenn nicht gerade Corona ist, sitzen sie an einem großen Tisch in Pirna, wo alle Informationen zusammenlaufen. Außerdem arbeiten wir mit mehr als fünf freiberuflichen Fotografen zusammen.

Finanzieren Sie sich hauptsächlich über Anzeigen oder Abos?

Tatsächlich waren Anfang der Neunzigerjahre noch die Anzeigen die Haupteinnahmequelle, heute liegen die Abos vorn. Dabei bekommen wir oft Kritik, dass wir zu viele Anzeigen drucken. Aber das ist natürlich unsere wirtschaftliche Basis und ohne diese Anzeigen würde die SZ mehr kosten – und es würden auch Informationen fehlen, die der Leser sehr wohl haben will.

Wie hat Corona den Redaktionsalltag verändert?

Homeoffice und mobiles Arbeiten sind bei uns auch die Schlagworte. Das funktioniert, weil wir ein engmaschiges Netz für die Kommunikation untereinander haben. Niemand verzichtet gern auf den kurzen Draht zum anderen und den direkten Austausch, den das Arbeiten in den Redaktionsräumen bietet. Aber im Moment geht es nicht anders. In Zukunft wird es eine gesunde Mischung aus beidem geben.

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