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Annis Corona-Geschichte

Nach 14 Tagen ist man wieder gesund, heißt es auf einer Görlitzer Facebookseite. Darauf meldete sich Anni Conrad zu Wort - die bis heute an Spätfolgen leidet.

Anni Conrad ist im April 2020 an Corona erkrankt und hat bis heute mit Spätfolgen zu kämpfen.
Anni Conrad ist im April 2020 an Corona erkrankt und hat bis heute mit Spätfolgen zu kämpfen. ©  privat

Anni Conrad ist derzeit telefonisch gut erreichbar. Meistens ist sie daheim. Wenn sie sich etwas vornimmt, dann plant sie danach immer eine Ruhepause ein. Zur Arbeit gehen – Anni Conrad hat es versucht. „Danach habe ich einen regelrechten Crash erlebt.“ Im April fing alles an. Mit einer Coronaerkrankung. Aber die war nicht nach zwei Wochen vorbei.

Auf Anni Conrad aufmerksam geworden ist die SZ auf der Facebookseite Görlitz Insider. Dort hatte ein Beitrag zu den Fallzahlen im Landkreis eine Corona-Diskussion entfacht, in der sich Anni Conrad schließlich zu Wort meldete – mit ihrer Geschichte. Sie stammt aus Thiemendorf, Gemeinde Waldhufen. 2003 zog sie nach Heilbronn. Auch heute noch hat sie Beziehungen in die Oberlausitz, eine Freundin arbeitet im Nieskyer Pflegeheim „Abendfrieden“, wo sich viele Bewohner im Frühjahr mit dem Coronavirus infizierten.

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In Coronazeiten: Ein Ständchen für die Bewohner des Pflegeheims "Abendfrieden" in Niesky. Im Emmaus-Krankenhaus, zu dem das Heim gehört, hat Anni Conrad ihren Beruf gelernt.
In Coronazeiten: Ein Ständchen für die Bewohner des Pflegeheims "Abendfrieden" in Niesky. Im Emmaus-Krankenhaus, zu dem das Heim gehört, hat Anni Conrad ihren Beruf gelernt. ©  Sebastian Noll / Steffen Walter

Wie es losging: schlimme Kopfschmerzen

Auch Anni Conrad ist Krankenschwester. In Heilbronn wohnt sie in einer WG. Am 2. April klopfte ihre Mitbewohnerin an die Tür, es gehe ihr nicht gut, ihr Hausarzt habe einen Coronatest veranlasst. Wie die Mitbewohnern sich infiziert hat, lässt sich bis heute nicht nachvollziehen. Aber der Test fiel positiv aus. Ebenso bei Anni Conrad. „Aber ich hatte nicht die typischen Symptome. Kein Husten, kein Fieber, keine Lungenprobleme.“ Dafür massive Kopfschmerzen.

Nach drei, vier Wochen kam Weiteres hinzu, Herzprobleme. „Es war wie eine Nähmaschine in der Brust.“ Ruhepuls 120. Sie sollte sich zu Hause erholen, was auch funktionierte. „Ich war viel spazieren. Pfingsten ging es mir besser.“ Bis zu einem Rückfall – mit all den Symptomen, die sie zuvor nicht hatte. Obwohl ihr Coronatest zu der Zeit negativ ausfiel, bekam sie Husten. „Ich bekam keine Luft, Brustkorb und Rücken taten weh, die Gelenke haben plötzlich herumgesponnen.“ Als würde die Erkrankung ganz von vorn losgehen, „aber diesmal mit Vorschlaghammer“, beschreibt Anni Conrad.

Betroffene tun sich zusammen

Ihr Arzt schickte sie zum Kardiologen, zum CT, zum MRT. Auch um auszuschließen, dass zugleich mit Corona eine andere Erkrankung aufgetreten ist. „Aber organisch bin ich gesund“, sagt die 41-Jährige. Sie gehöre zu keiner Risikogruppe, „etwas Bluthochdruck hatte ich immer, und ich bin nicht sportlich. Ansonsten passe ich in kein Schema.“ Alleine ist sie damit nicht. Sie ist Mitglied in einer Facebook-Gruppe, in der sich Langzeiterkrankte aus Deutschland, teils Belgien, den Niederlanden und Frankreich zusammengetan haben. Diese Gruppe hat 495 Mitglieder.

Genauso gibt es die andere Seite: Viele Infizierte haben gar keine Symptome. Wie schwer es ist, mit Prozentzahlen zu hantieren – weil noch zu wenig belastbares Studienmaterial vorliegt –, hat vor Kurzem die FAZ berichtet. Ende Juni galt eine Studie aus dem italienischen Vo‘ als am zuverlässigsten, die für 43 Prozent Infizierte Symptomfreiheit annimmt.

RKI: Ein allgemeingültiges Krankheitsbild gibt es nicht

Auch zu Langzeitfolgen ist die Forschung noch am Anfang: Vorige Woche hat der Deutschlandfunk sich mit aktuellen Studien auseinandergesetzt. Neben Atemnot und Müdigkeit, Brust- und Gelenkschmerzen hätten Wissenschaftler schon frühzeitig festgestellt, dass das Virus nicht nur Atemwege und Lunge, sondern auch das zentrale Nervensystem befallen kann: von Konzentrations-, Riech- und Geschmacksstörungen bis hin zum Schlaganfall. Ebenso können Herz und Nieren betroffen sein. Das RKI fasst zusammen: „Die Krankheitsverläufe sind unspezifisch, vielfältig und variieren in ihrer Symptomatik und Schwere stark, sie reichen von symptomlosen Verläufen bis zu schweren Pneumonien mit Lungenversagen und Tod.“ Zu einem typischen Krankheitsverlauf lasse sich keine allgemeine Aussage treffen.

Früher war Anni Conrad zum Beispiel gerne mit dem Rad unterwegs. Heute gehen Kurzausflüge nur an guten Tagen.
Früher war Anni Conrad zum Beispiel gerne mit dem Rad unterwegs. Heute gehen Kurzausflüge nur an guten Tagen. © privat

Der Rückfall

Nach und nach ging es für Anni Conrad wieder bergauf. Sie arbeitet in einem kleinen Pflegeheim, bei dem sie Anfang Juli wieder einsteigen wollte, zunächst nur mit zwei Stunden täglich. „Es ging zwei Tage, dann bin ich komplett zusammengeklappt.“ Seitdem ist sie wieder zu Hause. Diagnostiziert wurde ein postvirales Fatigue-Syndrom: Ermüdung, Erschöpfung.

Zum Glück musste sie nie ins Krankenhaus. Auf der anderen Seite macht es das schwierig, eine Reha zu bekommen. Mittlerweile hat Anni Conrad ihren Tagesablauf angepasst. An guten Tagen ist ein kurzer Ausflug machbar, „ansonsten spielt sich viel in Bettnähe ab“. Im Garten ist sie gerne. Und sie versucht, viel zu lesen, auch über Corona, „obwohl das meist nicht so lange geht.“ Die Ungewissheit, wie lange sie es so halten muss, mache ihr weniger Sorgen als Studien zu neurologischen Folgen und dazu, dass Folgeerkrankungen schlimmstenfalls in chronische übergehen können. „Da weiß ich als Krankenschwester eben, was es bedeutet.“

"Gestorben wird immer, erst recht ü80"

Im Kreis Görlitz liegt die aktuelle Gesamtzahl der nachgewiesenen Infektionen seit März bei 344. Mitte voriger Woche waren es 340. Um diese Zahl geht es in dem Facebookbeitrag, den die Betreiberin der Seite Görlitz Insider schrieb. Er endet mit: „Pfeifft Euer Gehirn zurück, wenn es ‚340 Erkrankungen‘ liest und Panik erzeugen will!“ Denn: Es handele sich um alle Fallzahlen seit März. „Von den hochgeputschten 340 Fällen sind 248 schon wieder gesund“, schreibt die Seitenbetreiberin. „24 Menschen sind (seit März!) mit Corona gestorben.“ Ob an Corona, sei die Frage, „denn gestorben wird immer, erst recht ü80!“ Weiter: „Ob die ‚Erkrankten‘ wirklich krank sind oder nur ein positives Testergebnis hatten, sagt die Statistik gar nicht. Deshalb schreibe ich sie in Anführungsstricheln.“

Die Reaktionen reichen von Lob für den Einsatz gegen Panikmache bis hin zu Kritik: „Panikmache ist der falsche Weg, das stimmt, aber verharmlosen, nur weil es zum Glück in unserer Region noch zu keinem Hotspot gekommen ist, ist erst recht der falsche Weg.“ Oder: „Kuck mal an, geht die B 96 jetzt schon quer durch Görlitz.“ Denn der Beitrag von Görlitz Insider findet offenbar auch bei tatsächlichen Coronaleugnern Gefallen.

Hoffnung, dass die Gesundheit zurückkehrt

Für Anni Conrad war ein bestimmter Satz der Auslöser, sich zu Wort zu melden: Dass eine Erkrankung maximal 14 Tage dauere. „Das ist eine Zahl, die man angenommen hatte, als Corona Europa noch gar nicht erreicht hatte.“ Nun sind Monate vergangen, andere Verläufe bekannt. In den sozialen Netzwerken hat Anni Conrad nicht zum ersten Mal auf ihre Geschichte aufmerksam gemacht. „Von anderen Betroffenen weiß ich, dass sie dafür auch schon angegangen wurden“, erzählt sie. „Das ist mir noch nie passiert. Ich versuche immer, ganz sachlich und zuvorkommend zu bleiben“, sagt sie. „Mein Fall ist sicher selten.“ Aber sie möchte darauf hinweisen, welche unterschiedlichen Folgen Corona haben kann.

Jetzt heißt es erst einmal: Abwarten. Hoffen, dass die Gesundheit bald zurückkehrt. Gerne würde Anni Conrad wieder arbeiten. In dem Heim, in dem sie angestellt ist, gab es keine weiteren Coronafälle. „Alle wurden durchgetestet, ohne positives Ergebnis. Dafür bin ich sehr dankbar.“

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