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Bayern-Urlaub im Kloster

Im Tölzer Land kann man an außergewöhnlichen Orten zurück zur Natur finden – und zu sich selbst.

Kloster Schlehdorf
Kloster Schlehdorf © Katrin Saft

Tourismuschef Daniel Weickel hat eine Vision: Dass Urlauber nicht nur zum Erlebnis-Hopping in sein Tölzer Land kommen. Dass die Voralpen nicht bloß als nette Kulisse dienen, um sich beim Wandern und Radeln schneller, höher, weiter zu tracken. Weickel wünscht sich ein Zurück zur Natur: bewusst wieder ihre Schönheit wahrnehmen, in der Einfachheit Ruhe finden und Kraft tanken.

Weickels Zukunftsvision beginnt in einem jahrhundertealten Kloster in Schlehdorf. Schon von Weitem ragen die beiden Zwiebeltürme in den Himmel. Im großen Saal reibt Tanuka Lancelle eine Klangschale. „Schließt die Augen. Es gibt nichts zu tun. Spürt, wie ihr euch heute fühlt.“ Sonntags bittet Lancelle zum Qigong ins Kloster. „Es geht darum, alles in Fluss zu bringen, Gelenke zu bewegen, die man sonst nie bewegt“, sagt sie. Wer regelmäßig übe, könne seine Lebensenergie stärken.

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"Wir brauchen keine Disneysierung der Alpen!“ Daniel Weickel, Tourismuschef im Zwei-Seen-Land, auf dem Herzogstand.
"Wir brauchen keine Disneysierung der Alpen!“ Daniel Weickel, Tourismuschef im Zwei-Seen-Land, auf dem Herzogstand. © Carsten Heinke

Das Kloster ist vor zwei Jahren an eine sozial orientierte Wohnungsgenossenschaft aus München verkauft worden. Den Ordensschwestern ging es wie so vielen Klosterbewohnern in Bayern: ihnen fehlt der Nachwuchs. Die barocke Anlage war allein nicht mehr zu bewirtschaften. „Schon die Fensterputzer kosten 8.000 Euro“, sagt Caro Munkert von der Cohaus Kloster Schlehdorf. Die neue Betreibergesellschaft wagt am spirituellen Ort ein Experiment: alternatives Cluster-Wohnen, kombiniert mit Coworking-Plätzen, Seminar- und Gästezimmern. Während die Dominikanerinnen inzwischen in einem altersgerechten Neubau wohnen, entstehen in ihren ehemaligen Schwesternzellen kleine private Rückzugsräume. Gelebt und gekocht wird WG-artig in Gemeinschaftsräumen. „Die zehn Gästezimmer könnten auch von Touristen gemietet werden“, sagt Munkert. Allerdings dürfe hier niemand Hotelstandard erwarten. Ein Bett, Holztisch, Stuhl, Schrank und eine Nasszelle – das muss reichen. Dafür gibt‘s Zugang zum romantischen Klostergarten.

Künstlerin Anna Schölß hat ihr Münchener Großstadtleben gegen ein Atelier im Kloster eingetauscht. Sie gibt hier auch Yoga-Kurse. „Bei vielen Menschen ist die kreative Energie blockiert“, sagt sie. Durch die wellenförmigen Bewegungen beim Tri-Yoga könne man seinen Körper besser wahrnehmen und den Geist klären. Auf dem Weg dorthin lädt Schölß ihre Kursteilnehmer ein, im Klostergarten einer Pflanze fünf Minuten die volle Aufmerksamkeit zu schenken – und sie anschließend aus dem Gedächtnis zu malen.

Spürt, wie ihr euch heute fühlt: Runterkommen beim Qigang im Kloster.
Spürt, wie ihr euch heute fühlt: Runterkommen beim Qigang im Kloster. © Katrin Saft

Das Kloster Schlehdorf ist nur einer der besonderen Orte im Tölzer Land, an dem Menschen entschleunigen lernen können. Die Region, die sich südlich von München bis zur Tiroler Grenze erstreckt, will sich mit dem Fokus auf Natur und Achtsamkeit abheben von anderen touristischen Orten, die auch schöne Rad- und Wanderwege bieten. „Bei uns braucht man kein Photoshop“, sagt Tourismuschef Weickel. „Das Türkis unserer Seen ist echt – durch den hohen Calziumanteil.“

Überprüfen lässt sich das auf einer Fahrt auf den Herzogstand. Normalerweise setzt sich die Gondel um neun Uhr in Bewegung. Doch bis September bringt sie mittwochs die ersten Gäste schon anderthalb Stunden früher auf knapp 1.700 Meter Höhe – zum Sonnengruß-Yoga. Das letzte Stück Fußmarsch bis zum Gipfel nutzt Yoga-Lehrerin Christina Ilchmann für Meditations-Übungen. „Spürt, wie frisch die Luft hier oben riecht“, sagt sie. „Hört die Stille!“ Ilchmann kommt für die Yogastunde extra aus dem 70 Kilometer entfernten München. „Die Morgenstimmung auf dem Berg ist etwas ganz Anderes als im Studio“, sagt sie. Und das Panorama erst. Dort, wo die Yogis ihre Matten ausrollen, hat man zu beiden Seiten einen spektakulären Seeblick: zur Linken auf den knapp sechs Quadratkilometer großen Kochelsee, zur Rechten auf den bis zu 190 Meter tiefen Walchensee. „Der Walchensee ist Landschaftsschutzgebiet und nicht zubetoniert wie der Starnberger See“, sagt Daniel Weickel. Das Ufer sei ringsrum begehbar. Im gleichnamigen Ort gebe es vorwiegend Ferienwohnungen, am Kochelsee zudem Campingplätze, Bauernhofurlaub und familiengeführte Hotels mit bis zu drei Sternen. „Luxusinseln bedarf es nicht“, sagt Weickel. Der Tourist müsse hier keine Rolle übernehmen, er brauche auch keinen Plan, sondern solle sich einfach inspirieren lassen.

Die Natur riechen, fühlen, schmecken: Die zertifizierte Waldbaderin Manuela Goerlich.
Die Natur riechen, fühlen, schmecken: Die zertifizierte Waldbaderin Manuela Goerlich. © Katrin Saft

Das Tölzer Land ist so etwas wie das Bilderbuch Bayerns: blühende Wiesen, sanfte Hügel und hohe Gipfel, tiefe Seen, plätschernde Bäche und ruhige Wälder. Jede Menge unverfälschte Natur im sich verändernden Spiel des Tageslichts und der Jahreszeiten, das der moderne Stadt- und Büromensch oft nur noch am Rande wahrnimmt. Manuela Goerlich empfiehlt, diese Landschaft nicht nur zu bestaunen, sondern auch zu riechen, zu fühlen, zu schmecken. Die 52-Jährige ist zertifizierte Kräuterpädagogin und Waldbaderin. Was die Japaner Shinrin Yoku nennen, soll stressabbauend wirken und die Widerstandkraft im Alltag stärken. Dazu reicht es nicht, einfach durch irgendeinen Wald zu spazieren. „Am besten eignet sich ein Mischwald, denn die unterschiedlichen Grüntöne sind wohltuend fürs Auge“, sagt Goerlich. Das Tempo solle nicht schneller als ein Kilometer pro Stunde sein. Dann heißt es: Augen auf, Nase an! Wie fallen die Sonnenstrahlen auf die Blätter? Wie riecht eine Fichte? Wie fühlt sich Moos an? Und was raschelt denn da am Boden? Meditationsübungen sollen die Sinne schärfen: mit geschlossenen Augen an einen Baum lehnen und einfach nur lauschen. Die zehn Minuten Nichtstun fühlen sich endlos an.

Yoga geht auch im Museum - hier mit Physiotherapeutin Elisabeth Dean im Franz Marc Museum in Kochel.
Yoga geht auch im Museum - hier mit Physiotherapeutin Elisabeth Dean im Franz Marc Museum in Kochel. © Katrin Saft

Corona ist dabei für das Tölzer Land Segen und Fluch zugleich. Einerseits besinnen sich in Pandemiezeiten mehr Menschen auf die Natur, und Bayern gehört dabei zu den Hotspots. Andererseits hat die Tourismusregion allein im März und April 33 Millionen Euro Umsatz verloren. Jetzt schauen alle zitternd auf den Herbst und versuchen, mit Maskenzwang und Hygieneregeln Sicherheit zu vermitteln. Viele Veranstaltungen mussten abgesagt oder verschoben werden. So wie der Tölzer Veg – eine vierwöchige vegane Auszeit in Bad Tölz, die nun ab Anfang Oktober stattfinden soll: mit Vorträgen über vegane Produkte, veganen Kochkursen und Probiermöglichkeiten. Im Heimatland der Schweinshax’n machen sogar einige Restaurants mit. „Anfangs, 2013, sind wir für die Idee belächelt worden“, sagt Marketingleiterin Gabi Peters. „Doch inzwischen kommen nicht nur Veganer, sondern zum Beispiel Mütter, die sich fragen, wie sie für ihr plötzlich veganes Kind kochen sollen.“

Der Tölzer Veg passt perfekt in das Konzept der Region, seinen Lebensstil zu hinterfragen und mehr für sich selbst zu tun – an außergewöhnlichen Orten. Auf dem Kochel-, Walchen- und Sylvensteinsee wird das Paddelbord zur Yogamatte. Im Kocheler Franz Marc Museum – dem expressionistischen Maler mit den blauen Pferden – stimmt Physiotherapeutin Elisabeth Dean mit Relaxing-Yoga auf den Museumsbesuch ein – vorerst einmal monatlich.

Wasserfarben fast wie in der Karibik: Der Sylvensteinsee.
Wasserfarben fast wie in der Karibik: Der Sylvensteinsee. © Katrin Saft

Die wohl abgefahrenste Art aber, Yoga zu praktizieren, bietet sich in Lenggries, elf Kilometer von Bad Tölz entfernt. Am Fuße des Brauneck-Gipfels steht ein hölzerner Hochseilturm, den das Artistenpaar Axel Berger und Simone Heitingan gekauft hat. Die Holländerin war weltweit als Luftakrobatin für den Cirque du Soleil unterwegs. Jetzt gibt sie Kurse im Aerial-Yoga. Unter der Turmplattform hängen dazu sechs große Tücher, in die man sich nach Heitingans Vorbild in verschiedenen Posen bewegt und dehnt. Das ist anstrengender, als es aussieht. Fortgeschrittene können versuchen, den Rhythmus der Musik zu treffen. Der Blick schweift dabei über die Silhouette der Berge, lenkt die Aufmerksamkeit auf das Schöne im Leben. Tourismuschef Weickels Vision ist gar nicht so weit hergeholt: So geht Urlaub auch für Geist und Seele.

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