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Star-Trompeter: "Das ist doch für die Katz"

Ludwig Güttler fordert sofortige Gespräche mit Politikern, um selbständigen Künstlern zu helfen. Sauer auf die Regierung ist Dresdens Kulturbürgermeisterin.

Trompeter Ludwig Güttler hat am Mittwoch in Dresden vorgerechnet, wie viele Menschen in der Frauenkirche noch seine Konzerte besuchen dürfen.
Trompeter Ludwig Güttler hat am Mittwoch in Dresden vorgerechnet, wie viele Menschen in der Frauenkirche noch seine Konzerte besuchen dürfen. © Sven Ellger

Dresden. Da gibt es große Konzerthäuser wie die Semperoper, und wo sind die Zuschauer? Ab und zu einen Menschen vor sich sitzen zu haben, sei für die Katz, sagt Startrompeter Ludwig Güttler. Er deutet auf die Frauenkirche hinter sich. Am 29. August will er dort wieder spielen. "Auf den 1.860 Plätzen dürfen – nach den heute geltenden Regeln – 237 Menschen Platz nehmen. Das deckt an Kosten noch nicht einmal die zusätzlichen Platzanweiser, die dafür sorgen müssen, dass die richtigen Abstände eingehalten werden."

Güttler ist am Mittwochabend auf den Dresdner Neumarkt gekommen, um für die Stummen Künstler zu sprechen - Solo-Selbständige, die in der Kultur arbeiten, von den Corona-Hilfspaketen so gut wie nichts abbekommen haben und vor Rängen spielen sollen, die bis zu 80 Prozent aus leeren Sitzen bestehen. "Das Gegenteil von gut ist gut gemeint", sagt Güttler. "Ich glaube, dass unsere politischen Entscheider das Beste wollen. Aber das differenzierte Verständnis, was Solo-Selbständige leisten, haben sie nicht."

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Güttler fordert Gespräche innerhalb der nächsten Tage

Hier müsse sich ein kleiner Kreis von Kundigen mit den Entscheidern zusammensetzen und nach einer Lösung suchen, fordert der Künstler. "Innerhalb der nächsten zehn Tage muss dieser Termin von der Politik aktiv herbeigeführt werden, von mir aus auch nachts 23 Uhr." Mutige Schritte seien nun nötig, appelliert Güttler und bekommt dafür sehr viel Applaus.

Es sind nicht nur die selbständigen Künstler, die so dringend auf finanzielle Hilfen warten. Auch die Dresdner Kultureinrichtungen hofften auf Hilfen von Bund und Land. Doch seit Mittwoch steht fest: Sie werden vorerst keine Förderung erhalten. "Es ist zu bedauern, dass die kommunalen Kultureinrichtungen bisher in keinem Hilfsprogramm von Bund und Land berücksichtigt wurden", sagt Dresdens Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke). 

Der Haushalts- und Finanzausschuss des Landtages hat am Mittwoch das vom Kabinett kürzlich beschlossene Hilfspaket für Kultur und Tourismus in Höhe von mehr als 60 Millionen Euro bestätigt. Mit diesen Mitteln will der Freistaat die besonders von der Corona-Pandemie betroffenen Einrichtungen und Akteure in Kultur und Tourismus unterstützen. 

"Situation der Kultureinrichtungen ist existenzgefährdend"

Klepsch begrüßt grundsätzlich, dass der Freistaat nach dem Ende des Lockdowns ein Hilfspaket für Kultur und Tourismus auflegt. "Angesichts der mehrwöchigen Betriebsuntersagungen und der fortdauernden Hygieneauflagen ist die wirtschaftliche Situation der Kultureinrichtungen existenzgefährdend", so Klepsch. 

Die Freie Szene sowie privatwirtschaftliche Einrichtungen benötigten diese Hilfen dringend. "Die Einnahmeausfälle infolge der Schließung und die extrem eingeschränkte Zuschauerkapazität infolge der Hygieneauflagen führen auch in den kommunalen Kultureinrichtungen und damit den Haushalten der Rechtsträger in eine finanzielle Schieflage." Die Kulturbürgermeisterin appelliert an die Regierung des Freistaates, die Situation der kommunalen Kultureinrichtungen für die Zukunft in den Haushaltsverhandlungen mit zu bedenken.

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Alle Kultureinrichtungen und Kulturveranstalter bräuchten langfristige Planungssicherheit, in welchem Umfang ein normaler Kulturbetrieb wieder möglich sein wird für die nächsten Monate und das nächste Jahr. "Konkret empfehle ich der Landesregierung, den Besuch von Schulklassen in Kultureinrichtungen wie Museen, Theatern und Gedenkstätten als Orte der außerschulischen Bildung mit Beginn des neuen Schuljahres nicht nur zu ermöglichen, sondern auch zu befürworten."

Sechs Millionen Euro weniger für Dresdens Kultur

Zusätzlich kämpft die Kulturszene mit den Dresdner Haushaltsplänen. Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) hatte Kürzungen vorgeschlagen, auch in der Kulturlandschaft. Grund: Durch die Corona-Krise kommt es zu weniger Steuereinnahmen. Zusammen mit den Mehrkosten durch die Pandemie rechnet die Stadt mit einem Finanzloch von 500 Millionen bis zu einer Milliarde Euro. Ein Teil davon soll mit Geld von Land und Bund gestopft werden.

"Das wird erhebliche Auswirkungen haben", fürchtet Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke). Sie beziffert die fehlende Summe in ihrem Bereich auf rund sechs Millionen Euro. "Sparen bei der Kultur bedeutet unweigerlich, das Angebot zu reduzieren."

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Sie beschreibt das Dilemma so: "Wenn wir freie Künstler mehr fördern wollen, wie es gewünscht und richtig ist, müssen wir Geld aus den städtischen Einrichtungen herausziehen." Das funktioniere nur, wenn beispielsweise die Operette weniger Neuinszenierungen auf die Bühne bringe. Das wiederum bedeute allerdings auch weniger Premieren. "Dann funktioniert unser Abo-Modell nicht mehr, also haben wir dann weniger Einnahmen." Diese Rechnung könne für jede städtische Kultureinrichtung aufgemacht werden. 

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