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Dresdner entwickeln Corona-Warn-App mit

Die Corona-Warn-App soll diese Woche kommen. Forscher aus acht Ländern sind an der Entwicklung beteiligt, auch aus Dresden.

Soziales Netzwerk oder Risikogruppe? Mit Hilfe von Dresdner Technik sollen Smartphone-Besitzer informiert werden, wenn sie sich in der Nähe eines Corona-Infizierten aufgehalten haben.
Soziales Netzwerk oder Risikogruppe? Mit Hilfe von Dresdner Technik sollen Smartphone-Besitzer informiert werden, wenn sie sich in der Nähe eines Corona-Infizierten aufgehalten haben. © Kay Nietfeld/dpa (Symbolbild)

Ostern ist vorbei. Nun sollen wieder Läden öffnen und bald Schulen und Kitas – so die Hoffnung vieler Menschen. Wie frei wir uns bewegen dürfen, hängt auch davon ab, ob im Fall von Infektionen eine fast lückenlose digitale Rückverfolgung von Kontakten möglich wird. Denn niemand kann alle Namen von Menschen aufzählen, die einem die letzten zwei Wochen über begegnet sind. Der Virologe Christian Drosten setzt auf Apps zur Kontaktermittlung. „Das sind die feinen Werkzeuge, die man braucht, um Infizierte zu isolieren, wenn man nicht mit den groben Werkzeugen weiterarbeiten will wie bisher“, sagte er vorige Woche im Heute-Journal.

Diese Woche soll die erste Variante einer europäischen Anti-Corona-App herunterladbar sein. Sie basiert auf einer Technologie, die von der gemeinnützigen Initiative mit dem sperrigen Titel „Pan-European Preserving Proximity Tracing“, kurz PEPP-PT entwickelt wurde. 130 Wissenschaftler und Unternehmen aus acht europäischen Ländern arbeiten mit. Vermutlich zu viele, aber so soll die App-Lösung auf eine breite Basis gestellt und Vertrauen geschaffen werden. Denn die Initiatoren wollen einen europaweiten Standard schaffen und den Quellcode frei zur Verfügung stellen.

Charlotte Meentzen
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Nicht nur das Robert-Koch-Institut kann auf dieser Grundlage eine App für Deutschland bauen lassen, sondern auch die Seuchenbehörden in Italien oder Spanien. So könnten auch Kontaktpersonen im Ausland gewarnt werden – eine Voraussetzung dafür, dass Kontaktsperren aufgehoben werden und Grenzen wieder öffnen. Aus Dresden beteiligt sind an dem Projekt der Lehrstuhl von Professor Gerhard Fettweis für mobile Nachrichtentechnik der TU Dresden, das Barkhausen-Institut und ein Entwicklerteam von Vodafone.

So soll das Tracking funktionieren:

Nutzer und Nutzerinnen laden freiwillig die App auf ihr Handy. Die App erzeugt alle paar Minuten eine neue temporäre ID-Nummer und sendet diese über Bluetooth aus. Angenommen, man sitzt im Theater oder in der Straßenbahn nah mit anderen Menschen zusammen, die auch diese App auf dem Handy haben. Dann werden die temporären ID-Nummern der Telefone, zu denen der Abstand weniger als zwei Meter beträgt, auf dem eigenen Telefon gespeichert und verschlüsselt, ohne dass daraus Rückschlüsse auf die Person oder das Gerät möglich sind.

Mehr passiert erst einmal nicht. Das ändert sich erst, wenn man selbst oder einer der Sitznachbarn sich mit dem Corona-Virus ansteckt. Im Fall eines positiven Tests erhält der Infizierte eine Tan-Nummer, unter der er sämtliche App-Daten der letzten 14 Tage auf einen zentralen Server hochlädt. Auf den hat nur das Robert-Koch-Institut Zugriff. Dort erfährt man, mit welchen Smartphones das Handy in Kontakt war.

Daten bleiben anonym

Der Server kann nicht entschlüsseln, welche Personen sich hinter den IDs verbergen. Er kann sie aber über die App benachrichtigen und auffordern, sich in Quarantäne zu begeben und beim Gesundheitsamt zu melden. Damit Menschen im Ausland, die auch Kontakt zu der infizierten Person hatten, ebenfalls benachrichtigt werden können, sind in die anonymen IDs auch verschlüsselte Ländercodes eingebaut. So werden künftig auch Skiurlauber darüber informiert, wenn sie in der Gondelbahn in Österreich oder Italien nahe einer positiv getesteten Person saßen.

Die Technologie basiert auf einer Abstandsmessung per Bluetooth-Sensorik, die erkennt, ob sich andere Telefone mehrere Minuten lang in der Umgebung befinden. Grundlage dafür sind anonymisierte Daten, die die Smartphones untereinander austauschen. Vodafone berät im Projekt PEPP-PT dazu, wie die anonymen Daten sinnvoll eingesetzt werden können, um App-Nutzer vor Infektionsketten zu warnen. „Dabei greifen wir auf das große Expertenwissen der Dresdner Radioopt GmbH zurück, die wir 2016 übernommen haben“, sagt ein Vodafone-Sprecher.

Datenschutz größte Schwierigkeit

Die Dresdner sind Spezialisten für schwarmbasierte Analyse anonymisierter Smartphone-Daten. Normalerweise setzt Vodafone diese Technik ein, um herauszufinden, wo Kunden mit schlechtem Netzempfang leben. Die Dresdner Vodafone-Entwickler sind aber auch an den Hardware-Tests beteiligt. Die Bluetooth-Sensorik unterscheidet sich von Smartphone zu Smartphone minimal aufgrund verwendeter Antennen oder Gehäuse. Dadurch gibt es geringe Unterschiede bei der Abstandsmessung. 

Vodafone testet in Düsseldorf eine zweistellige Anzahl der gängigsten Modelle wie etwa die Galaxy-Reihe von Samsung oder Apples i-Phone, um sie für den Einsatz der Technologie klar zu machen. „Damit der Austausch zwischen den Smartphone-Modellen funktioniert und so die App zuverlässig im Alltag genutzt werden kann“, erklärt der Vodafone-Sprecher.

Die größere Schwierigkeit ist der Datenschutz. Wie kann man Nähe zwischen zwei Handys nachverfolgen, ohne die Privatsphäre der Handynutzer zu gefährden? Die am Projekt beteiligten Wissenschaftler betonen, dass der in Europa geltende Datenschutz nicht durch die Software verletzt wird. Prinzipiell teilt Aline Blankertz von der Stiftung Neue Verantwortung diese Einschätzung. „Die wesentliche Frage ist jedoch, ob die Technologie und die auf ihnen basierenden Apps tatsächlich nur dem einen Zweck dienen – der Kontaktnachverfolgung zur Unterbrechung von Infektionsketten“, sagt die Expertin für Datenökonomie. 

Das Projekt stelle zunächst nur die Technologie bereit. App-Entwickler könnten darauf aufbauend Apps auf den Markt bringen, die untereinander kommunizieren können. Das sei besser als zehn verschiedene Corona-Apps. Gleichzeitig sei es aber auch das größte Risiko. „Denn die App-Entwickler können die PEPP-PT mit anderen Features kombinieren, sodass die Daten möglicherweise auch für andere Zwecke genutzt würden“, so Blankertz.

Tim Hentschel, Geschäftsführer der Forschungseinrichtung Barkhausen-Institut in Dresden, teilt diese Bedenken bezüglich eines solchen Missbrauchs nicht. Einschränkungen bei der Nutzung könne man zwar nicht machen. „Aber deshalb wird der Quellcode auf einer Open-Source-Plattform zur Verfügung gestellt, damit alle kritischen Geister dort hineinsehen können. Jegliche Veränderungen an der Software sollen auch wieder open source für alle einsehbar werden“, betont Hentschel.

Anders als in Südkorea

Am Barkhausen-Institut sind drei Teams am Projekt beteiligt. Ein Team arbeitet beim Datenschutzkonzept mit, ein zweites unterstützt die Programmierung für Apple-Geräte, das dritte forscht an der Verbesserung der Bluetooth-Abstandsmessung. Hentschel weist auf den sehr sparsamen Umgang mit Daten hin. Es werden keine Zeit- und Standortdaten aufgezeichnet wie etwa in Südkorea, Taiwan oder Singapur. Und selbst wenn Hacker die verschlüsselten ID-Nummern aus dem Handy ziehen würden, könnten sie nicht erkennen, mit wem man den ganzen Tag verbracht und mit wem nur wenige Minuten, versichert der Barkhausen-Geschäftsführer.

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Damit es wirklich gelingt, Corona-Infizierte mit einer solchen App aufzuspüren und die Ausgangsbeschränkungen gelockert werden können, müssten mindestens rund 60 Prozent der Bevölkerung eine solche App nutzen. In Deutschland hieße das 50 Millionen Menschen oder so gut wie alle, die überhaupt ein Smartphone nutzen. Nach Angaben des Branchenverbands Bitkom sind das 81 Prozent aller Bürger über 14 Jahren. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Laut repräsentativer Umfragen vom März würden zwei von drei Deutschen so eine App auf jeden Fall oder wahrscheinlich nutzen. Und die Mehrheit gibt an, den Aufforderungen der App nachkommen zu wollen und sich in Quarantäne zu begeben, sollten sie mit einer infizierten Person in Kontakt gekommen sein.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

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