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Das ist die Friedliche Revolution 2.0

Clemens von Wedemeyer macht aus Bildern der Straßenproteste 1989 in Leipzig digitale Kunst.

Clemens von Wedemeyer digitalisiert in „70.001“ die Leipziger Montagsdemo vom 9. Oktober 1989.
Clemens von Wedemeyer digitalisiert in „70.001“ die Leipziger Montagsdemo vom 9. Oktober 1989. © KOW Berlin & Galerie Jocelyn Wolff, Paris

Von Sarah Alberti

Wie schließen sich Menschen zusammen? Welche Dynamiken können innerhalb von Menschenmengen entstehen? Und wie wird soziales Verhalten durch Simulation erprobt? Es sind große Fragen, die Clemens von Wedemeyer in seiner Ausstellung „Mehrheiten“ in der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig stellt. 

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Die Wände des Neubaus, die sich je nach Ausstellungsthema anpassen lassen, sind zu einer eng nach hinten verlaufenden Raumflucht zusammengeschoben. Der Zutritt durch die schmale Öffnung hinein in den Ausstellungsparcours bedarf (non)verbaler Kommunikation, will man seine persönliche Sicherheitszone nicht mit fremden Mitbesuchern teilen.

Acht Videos aus den vergangenen zwanzig Jahren zeigt von Wedemeyer, der an der Leipziger Kunsthochschule Professor für „Expanded Cinema“ ist. Der erweiterte Kinobegriff wird dort als mögliche Renaissance des Engagements von Künstlern und Künstlerinnen in einer visuell und akustisch vernetzten Welt verstanden.

Blutleerer Transfer

Eine Haltung, die sich auch an den Arbeiten des Professors nachvollziehen lässt: Im Studium fiel ihm Elias Canettis „Masse und Macht“ in die Hände. Es entstand ein dreiminütiger Zusammenschnitt aus Archivaufnahmen von Massenaufläufen und politischen Demos aus den 1920er-Jahren. Zum Diplom 2002 drehte er nachts eine Szene mit vielen Statisten. Doch das Film-Team ist uneins, die Masse wird unruhig, entwickelt eine eigene Dynamik.

Im vergangenen Jahr nahm von Wedemeyer den Massen-Faden auf und spann ihn weiter ins Digitale: „Transformation Scenario“ beschreibt eine Dystopie, die angesichts von Alexa und Tinder erschreckend real daherkommt: Eine Firma beobachtet Menschen, generiert Daten und bietet Agenten an, die das Leben für das Individuum gestalten. Soziale Routinen werden automatisiert. Tödliche Unfälle gibt es nicht mehr. Bevor zwei Menschen aufeinandertreffen, lernen sich ihre Agenten kennen. Illustriert wird dieses Szenario durch gefundenes Filmmaterial von diversen „Wall of deaths“. Das ist ein beliebtes Ritual bei Musikfestivals: Auf ein bestimmtes Signal rennen zwei Menschenmengen aufeinander zu. Es gibt dabei auch immer wieder Verletzte.

Das Dokumentarische auflösen, um der Komplexität der Welt gerecht zu werden. Diese Werkbeschreibung trifft vor allem auf die beiden Neuproduktionen zu, die für Leipzig und Luzern entstanden, wohin die Ausstellung weiterwandert. In die Leipziger Laufzeit fällt das 30. Jubiläum der Montagsdemonstrationen, die im September 1989 in der Messestadt begannen und bis heute in einer Erinnerungskonkurrenz zum Mauerfall stehen. 70 000 Menschen sollen am 9. Oktober 1989 auf der Straße gewesen sein. Clemens von Wedemeyer transferiert dieses Ereignis für „70.001“ in den digitalen Raum: Junge Menschen laufen aus der Nikolaikirche durch ein vereinfacht dargestelltes Leipzig von heute, durchbrechen Polizeiketten. Das Gebäude der Stasi-Zentrale fällt in sich zusammen. Nach 17 Minuten ist die Stadt so voll, dass die Menschenmenge sich selbst gegenübersteht.

Das Dokumentarische wird aufgelöst, auch, weil die Tonspur historischer Aufnahmen ins digitale Rauschen übergeht. Doch der Transfer in die schematische Computerspielästhetik bleibt blutleer.

Die Montagsdemos waren mehr als eine interessante Massenveranstaltung. Sie waren geprägt von Aufbruchstimmung und Angst. Von Gewalt. Von Verhaftungen. Familien diskutierten vorab am Küchentisch, wer zu Demo geht und wer sich im Fall der Fälle um die Kinder kümmert.

Wer erinnert sich woran und wie?

Es ist das Ausstellungsdisplay, das dieser Komplexität gerecht wird: Auf stilisierten Holzpodesten, die an ein Parlament oder eine Tribüne erinnern, nimmt man unterschiedliche Perspektiven ein. Zum Teil ist der Winkel so steil, dass das Video kaum zu erkennen ist. Über Kopfhörer kann man den Gesprächen des Künstlers mit Zeitzeugen lauschen. Sie werden unabhängig von der Videospur im Loop abgespielt, weil ein Bild nie die Erfahrung jedes Einzelnen transportieren kann. 

Bürgerrechtlerin Gesine Oltmanns erzählt, wie sie sich Transparente um den Bauch schnürte, um sie in die von der Stasi durchsetzte Nikolaikirche zu bringen. Sie spricht von Journalisten, die plötzlich da waren. Von engen Freunden, die im Gefängnis saßen. Vom Versuch zu dokumentieren, was da passierte, in diesen Wochen. Aram Radomski filmte am 9. Oktober 1989 heimlich von einem Kirchturm, spielte die Bilder dem Westfernsehen zu und trug so entscheidend dazu bei, dass man auch in weiten Teilen der DDR erfuhr, was in Leipzig geschah.

Dieses Setting aus Sitzposition, Zeitzeugenerinnerungen und Bildtransfer stellt die wichtigen Fragen: Wer erinnert sich woran und wie? Und wer nutzt historische Ereignisse zu seinem Zweck? Das Format der Montagsdemos wurde später vereinnahmt, etwa von Hartz IV-Gegnern. Und auch die Bilder erfahren eine Umdeutung: Die AfD hatte in diesem Frühjahr in Leipzig Plakate mit einer Aufnahme der Demo vom 16. Oktober 1989 aufgestellt. Der Enkel des Fotografen ist dagegen vorgegangen. Das Landgericht hat die Nutzung des Bildes inzwischen untersagt.

Bereits auf der Documenta 13 war es die Verbindung von Filmen und deren Präsentation im Raum, die überzeugte: Clemens von Wedemeyers „Muster“ erzählte die wechselhafte Geschichte des ehemaligen Klosters Breitenau bei Kassel auf drei im Dreieck zueinander positionierten Projektionsflächen und ermöglichte die simultane Wahrnehmung der Nutzung als Gefängnis, Konzentrationslager und Erziehungsheim.

Das Kino ist für Clemens von Wedemeyer ein Denkraum, in den Zuschauer gleichzeitig eintreten und sich im besten Fall nach der Vorführung darüber austauschen. Konsequent wird die Ausstellung deshalb im Herbst von einer Veranstaltungsreihe zu Phänomenen der Mehrheit in Popkultur, Hirnforschung und Politik begleitet.

Clemens von Wedemeyer „Mehrheiten“ bis 17. November in der Galerie für  zeitgenössische Kunst Leipzig, Karl-Tauchnitz-Str. 9 – 11; geöffnet Di – Fr 14– 19 Uhr, Sa/So 12 – 18 Uhr, Mittwochs freier Eintritt.

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