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Der große Pegida-Schwindel von Dresden

Die Dresdner haben so einen feinen, hinterfotzigen Humor, dass sie alle an der Nase herumführen. Eine Kolumne von Franzobel.

Dresdens Stadtschreiber Franzobel hat eine Theorie: Um Ruhe vor Touristenhorden zu haben, hat man in Dresden etwas Abschreckendes erfunden, so eine Art Kindergarten-Pest-und-Cholera – die Pegida.
Dresdens Stadtschreiber Franzobel hat eine Theorie: Um Ruhe vor Touristenhorden zu haben, hat man in Dresden etwas Abschreckendes erfunden, so eine Art Kindergarten-Pest-und-Cholera – die Pegida. © Sven Ellger/SZ

Von Franzobel*

Heuer habe ich zu den Perseiden, die auch Tränen des Laurentius heißen, keine einzige Sternschnuppe gesehen. Dabei hatte ich so viele Wünsche. Ob der Mensch tatsächlich am Mond gewesen ist? Oder war das nur ein Kubrick-Film? Der Sternenhimmel ist gigantisch, und wir wissen nicht einmal, was auf der Erde los ist.

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Glauben Sie, dass hinter den Anschlägen vom 11. September 2001 der Geheimdienst steckt? Ist Bill Gates für Corona verantwortlich? Gibt es eine geheime Weltregierung? Was bedeutet Merkels Fingerraute? Werden wir von Außerirdischen regiert? Mischt man uns libidosenkenkende Samen vom Strauch der Hera ins Essen und Brom ins Wasser? Manipulieren uns Handystrahlen? Ganz egal, was davon stimmt oder nicht, unser Leben ändert sich dadurch nur wenig.

Die meisten Verschwörungstheorien mögen grober Unfug sein, eine aber scheint plausibel: Pegida ist eine Erfindung. Jawohl, Pegida gibt es nicht, schon gar nicht hier. Dresden ist nämlich eine wunderschöne Stadt mit prächtigen Kulturdenkmälern, wunderschönen Elbwiesen und einem Konzentrat von Kreuzberg und Friedrichshain, das Neustadt heißt. Meißen ist nicht weit, und es gibt die prächtige Heide. Dresden ist ein Paradies für Fahrradfahrer, Paddler, Biertrinker. Elbflorenz, nur ohne Italiener.

Verstocktes Volk, korkige Hinterwäldler

Nun ist der Sachse aber nicht dumm. Um Ruhe vor Touristenhorden zu haben, hat man etwas Abschreckendes erfunden, so eine Art Kindergarten-Pest-und-Cholera – die Pegida. Also hält ganz Europa die Sachsen für ein verstocktes Volk von korkigen Hinterwäldlern, das sein rechtes Süppchen kocht. Die Dresdner Elbwiesen bleiben von bauwütigen Investoren verschont und die Neustadt wird nicht von Hipstern überrannt. Früher hat man sich als Tal der Ahnungslosen blöd gestellt, heute verbreitet man das Gerücht, Epizentrum der Unbelehrbaren zu sein. Auf der Straße merkt man davon nichts. Es gibt auch keine Ausländer. Die Dresdner sind alles andere als geifernde Rassisten: freundlich, humorvoll, nett.

Wie? Sie glauben nicht, dass Pegida eine Erfindung ist? Es gibt, halten Sie entgegen, die Montagsaufmärsche, bei denen ältere Herren maskenlos durch Dresden ziehen und ungeschminkt Mohammed als Kinderschänder verunglimpfen, ein Entsorgen der Kreatur Bundeskanzlerin fordern und ähnlich unmaskiert Ungustiöses von sich geben. Da ist von Umvolkung die Rede, und die Vortragenden berufen sich auf Luthers „Ich stehe hier und kann nicht anders“. Ob diese Leute ihre Erleuchtung wie der olle Reformator bei der zum Turmerlebnis verbrämten Erleichterung gewonnen haben? Ich weiß es nicht, aber ich habe mir so eine Montagskundgebung gegeben. Da hieß es, dass jeder Pegida-Sympathisant zehnmal so viel wert sei wie die „Nazifresse“ grölenden Leute der Gegendemo. Es sei kein gutes Zeichen, wenn es einem zu gut gehe, sagte der Redner. Um einen endgültigen Sieg zu erringen, müsse man leiden und sich auf einen langen Marsch einstellen. Begriffe wie bürgerkriegsartige Zustände und Flächenbrand waren zu hören… Zumeist ältere Herren mit verbitterten Sauertopfgesichtern und ihren Zwangsverpflichteten – und nicht einmal die waren aus dem Höschen. Ein wütender Mob sieht anders aus. Warum? Weil die ganze Geschichte inszeniert war, um in Ruhe gelassen zu werden.

Alles bezahlte Komparsen?

Die Dresdner haben so einen feinen, hinterfotzigen Humor, dass sie alle an der Nase herumführen. Ganz schön raffiniert.

Sie glauben mir natürlich nicht, dass die Pegida ein Schildbürgerstreich ist, halten das für eine abstruse Dichterphantasie. Sie können sich nicht vorstellen, dass die Kundgebungsteilnehmer bezahlte Komparsen sind, ausgewählt nach verbitterten Schmallippen-Gesichtern? Blödsinn? Können Sie das Gegenteil beweisen? Letztlich ist es egal, denn für Ihr eigenes Leben ändert sich wenig. Es ist wie mit der Mondlandung, dem 11. September, der geheimen Weltregierung und der Ursache von Corona – auf unser Leben haben diese Wahrheiten wenig Einfluss. Wir müssen das Beste daraus machen, versuchen, anständig zu bleiben, und dafür ist Sachsen ein guter Ort, denn Dresden ist schön, das stimmt, Pegida hin oder her, auf alle Fälle.

Sternschnuppen habe ich dann doch gesehen. Meine Freundin hat, nachdem ich ihr meine Enttäuschung mit den Perseiden erzählt habe, schrankengleich den Oberkörper zur Seite gebogen und gesagt: Dann bin ich halt deine Sternschnuppe. Wünsch dir was. Das habe ich getan – aber mit der Pegida hatte es nichts zu tun.

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*Der österreichische Schriftsteller Franzobel (53) heißt eigentlich Franz Stefan Griebl. Er lebt in Wien, Pichlwang, Buenos Aires und derzeit als Stadtschreiber in Dresden. Am 13. September um 18 Uhr liest er beim Buchsalon auf Schloss Albrechtsberg.

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