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Dresden

Das ist Dresdens erste Abstinenz-WG

In der Stadt gibt es jetzt eine Wohngruppe für Familien, die ein drogenfreies Leben wollen. Ein Vater berichtet.  

Sebastian (r.) lebt seit zwei Monaten mit Marcus in einer Wohngemeinschaft. Im „Cleanen Wohnprojekt“ lernen beide Männer, in einem Leben ohne Drogen und Alkohol zurechtzukommen. Für Sebastian auch eine Chance, wieder Vater zu sein,
Sebastian (r.) lebt seit zwei Monaten mit Marcus in einer Wohngemeinschaft. Im „Cleanen Wohnprojekt“ lernen beide Männer, in einem Leben ohne Drogen und Alkohol zurechtzukommen. Für Sebastian auch eine Chance, wieder Vater zu sein, © Marion Doering

In diesem Haus sind Drogen und Alkohol absolut tabu. Zu riskant wäre das für jene Menschen, die hier, in einem Gründerzeithaus in der Waltherstraße, zusammen leben. Denn sie haben eines gemeinsam: Eine Vergangenheit, die bestimmt war von der Sucht nach Rauschmitteln. Das „Cleane Wohnprojekt“ ist das einzige dieser Art in Dresden und wird von der gemeinnützigen Gesellschaft Radebeuler Sozialprojekte betrieben. Es bietet Platz vor allem für Familien, denen hier der Start in ein drogenfreies Leben gelingen soll.

Und das geht oft nur mit Hilfe, sagt Geschäftsführer und Firmengründer Eckard Mann. Das kann Sebastian bestätigen. Seit März lebt er in der WG, er war der erste Bewohner. Nun teilt er sich seit zwei Monaten eine Dreiraumwohnung mit dem 22-jährigen Marcus. Sebastian ist 39, hat einen sechsjährigen Sohn und ein Problem mit Alkohol. Mit einer Wasserflasche in der Hand – aus ihr nimmt er alle paar Minuten einen Schluck – erzählt Sebastian ganz offen, wie er mit 17 angefangen hat, Drogen zu nehmen. Haschisch, später Crystal. Kiffen, das war seine Leidenschaft – und sein Verderben. Dazu kamen Bier und Schnaps, davon nicht zu wenig, jeden Tag. Die Wirkung von Rauschmitteln ist bekannt, sie funktionierte auch bei Sebastian: „Es lässt dich vergessen“, sagt er. „Wenn du Probleme hast, ist das wie ein Kopfschmerz, der immer da ist. Nur mit Alkohol, wenn du berauscht bist, verschwindet er.“

Ohne Ausbildung schlägt sich Sebastian jahrelang mit Gelegenheitsjobs durch, auf dem Bau. Die Arbeit ist körperlich anstrengend. „Ich habe es – trotz der Sucht – immer geschafft, mein Geld zu verdienen.“ Immerhin, er wird nicht zum Sozialfall, damals in seiner schlimmen Zeit. „Ich habe auch immer gewusst, dass es nicht okay ist, so viel zu trinken und ständig zu kiffen.“ Die Erkenntnis ist zwar da, immer wieder schafft er es, sich von seiner Sucht zu lösen, lebt zwei bis drei Jahre zwischendurch abstinent. Bis er dann doch wieder schwach wird. „Saufkumpels“, schwierige Beziehungen, Stress auf Arbeit – Gründe gibt es genug. „Da hilft nur ein harter Bruch mit allem, was dein Leben bis dahin ausmachte.“

Sebastian kommt aus Meißen, bis 2015 hat er dort gelebt. Dann verstand er, dass er weg muss aus seinem Umfeld, raus aus den Gewohnheiten – um eine echte Chance zu haben, drogenfrei zu bleiben. Er kommt nach Dresden, macht ein dreiviertel Jahr eine erste Langzeittherapie, danach lebt er in Großenhain, wird wieder rückfällig. Das war 2017. „Ich hatte mir damals einfach zu viel aufgehalst, war selbstständig, musste extrem viel arbeiten.“ Schon vor der zweiten Langzeittherapie weiß er: Allein werde ich den Weg in ein geregeltes Leben nicht schaffen. Sebastian erfährt vom „Cleanen Wohnprojekt“. Er hat Glück und bekommt einen Platz. „Ich hätte nach der Therapie gar keine Wohnung gehabt.“

Wie wichtig es aber ist, die Stabilität aus der Klinik mit in den Alltag danach zu nehmen, betont Diplom-Pädagogin Katarina Naumann-Lang. Sie ist eine von sieben Betreuern, jeweils zwei kümmern sich um einen Bewohner. Insgesamt zwölf Wohnungen stehen im Wohnhaus an der Waltherstraße für Menschen zur Verfügung, die schon clean sind, also einen Entzug und eine Langzeittherapie hinter sich haben, drogenfrei sind. Fremde Mieter gibt es im Haus nicht, Besuch muss angekündigt werden. Zweimal wöchentlich wird bei den Bewohnern ein Alkohol- und Drogentest gemacht. Wer rückfällig wird, muss ausziehen, erklärt Naumann-Lang. Aber es gebe immer die Perspektive auf Rückkehr.

In der WG werde die Abstinenz gefestigt, schulische und berufliche Wege vorbereitet und begleitet, Lösungen für familiäre Probleme gesucht. Die Pädagogen helfen bei Formularen und Behördengängen, aber auch beim Kochen und Einkaufen, wenn das nötig ist. Seit Sebastian in der Wohngruppe lebt, hat er wieder Kontakt zu seinem Sohn, den er als Zweijährigen verließ. „Er weiß jetzt auch, dass ich sein Vater bin.“ Ein Treffen mit seinem Kind muss gut geplant sein. „Es ist ein großes Risiko für mich, denn er lebt in Meißen, in meinem alten Umfeld.“ In der Wohngruppe profitiere Sebastian aber nicht nur von seinen Betreuern, sondern vor allem auch von Gesprächen mit seinen Mitbewohnern. Vom Erfahrungsaustausch. Es sind Erfahrungen, die sich in allen Biografien hier wiederfinden. „Wir helfen uns gegenseitig, und dabei geht es nicht nur um Zucker und Salz.“

Wie viele Familien mit Kindern in Dresden von Drogen oder Alkoholproblemen betroffen sind, können weder Jugend- noch Gesundheitsamt konkret sagen. Das liege an der hohen Dunkelziffer. „Auch suchtkranke Eltern wollen gute Eltern sein.“ Um den Weg zur Hilfe zu erleichtern, seien Angebote wie die Wohngruppe wichtig.

Sebastian informiert sich zurzeit über die Ausbildung zum Facharbeiter Metall. Seine Chance ist da.

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