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„Deutsch-polnische Ehen halten besser“

Die SZ holt Autor Steffen Möller zu Landskron. Vorab erzählt er von seinen Görlitzer Wurzeln.

Steffen Möllers „Viva Polonia“ war ein Bestseller. Jetzt hat er sein viertes Buch über Deutsche und Polen geschrieben.
Steffen Möllers „Viva Polonia“ war ein Bestseller. Jetzt hat er sein viertes Buch über Deutsche und Polen geschrieben. © Peter von Felbert

Herr Möller, als Kabarettist, Schauspieler und Autor haben Sie Polen und Deutsche einander nähergebracht wie kein anderer. Als Sie 1994 nach Warschau zogen, waren Sie voller Begeisterung für Polen. Ist es dabei geblieben?

Ich bin nach wie vor begeistert. In meinem ersten Buch „Viva Polonia“ habe ich überwiegend Positives und wenig Kritisches erzählt, habe 1 000 Unterschiede zwischen Polen und Deutschen benannt und auch beschrieben, wie exotisch ich das Land empfand. Jetzt lebe ich schon seit 25 Jahren in Polen und würde die Exotik nicht mehr an die erste Stelle setzen. Mit großer Überraschung habe ich festgestellt, dass Polen und Deutsche einander sehr ähnlich sind. Heute frage ich: Passen sie zusammen?

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Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Und?

Im Großen ja, im Kleinen gibt es viele Probleme. Die Scheidungsrate deutsch-polnischer Paare ist um einiges niedriger als die deutsch-deutscher Paare, von anderen binationalen Paar-Konstellationen ganz zu schweigen. Deutsche und Polen haben eine ähnliche Skepsis und Melancholie. Wir haben ähnliche Landschaften, ähnliches Wetter, eine ähnliche Küche. Beide sprechen gern dem Alkohol zu und sind weltweit führend in Schrebergärten. Sowohl Deutsche, in Ost wie West, als auch Polen grillen gern bei gehisster Flagge im Garten, zischen sich ein Bierchen und schimpfen auf die Politik. In England oder Italien gibt es überhaupt keine Schrebergärten!

Und warum klappt es zwischen Deutschen dann weniger gut? Die wären einander ja noch ähnlicher.

Ja, aber das kann auch langweilig werden. Zwischen Deutschen und Polen gibt es eben noch allerlei Unterschiede, die das Geschäft beleben. Die deutsche Rationalität und das polnische Temperament – das ist die ideale Mischung. Für mein neues Buch „Weronika, dein Mann ist da!“ habe ich 70 deutsch-polnische Paare interviewt. Dabei habe ich unzählige Beispiele für die kleinen Unterschiede und großen Ähnlichkeiten erfahren.

Nennen Sie uns eins davon?

Dazu muss ich eine Rückfrage stellen. Duschen Sie abends oder morgens?

Morgens.

Sehen Sie, und Polen duschen angeblich überwiegend abends. Eine Polin hat mir das so erklärt: Die Deutschen duschen für den Arbeitgeber, die Polen für den Partner. Anderes Beispiel: Viele Polen hängen gern Gardinen auf, viele Deutsche haben dazu keine Lust. Viele Polinnen telefonieren gern stundenlang mit ihren Müttern, ihre deutschen Männer macht das wahnsinnig. Überhaupt ist die Überbemutterung bei Polinnen ein großes Thema.

Haben Sie selbst eine polnische Frau?

Wer mein neues Buch liest, erfährt etwas darüber, und wer zu meiner Live-Show bei Landskron kommt, natürlich auch.

Von 2002 bis 2008 waren Sie in ganz Polen als Kabarettist und Schauspieler berühmt. Erkennen die Leute Sie auch heute noch auf der Straße? Und wie hat sich Ihr Leben seitdem verändert?

Die 16- bis 88-Jährigen erkennen mich noch, die Jüngeren nicht mehr. Seit einigen Jahren lebe ich sowohl in Warschau als auch Berlin und bin Kabarettist und Autor, überwiegend in Deutschland. Das deutsch-polnische Thema ist heute einfach in Deutschland präsenter als in Polen.

Woran liegt das?

In der Zeit der EU-Erweiterung 2004 war das Interesse auch in Polen groß. Alles, was Deutschland und ganz Westeuropa betraf, erfreute sich höchster Sympathie. Meine polnische Medienkarriere spielte sich genau in diesem Zeitfenster ab, denn ich traf einen Nerv. 2004 wurde die Grenze geöffnet, inzwischen leben 1,7 Millionen Polen in Deutschland, während man in Polen bekümmert ist, dass so viele junge Menschen das Land verlassen. Das alles hat dazu geführt, dass deutsch-polnische Begegnungen heute meist in Deutschland stattfinden. In Polen hat seit der Auswanderungswelle mittlerweile jeder Verwandtschaft in Deutschland oder Irland.

Wie ist es für Sie seit dem Umbruchsjahr 2015 in Polen, seitdem die PiS-Partei an der Macht ist und Freiheit und Demokratie immer weiter eingeschränkt werden?

Am eigenen Leib erlebe ich keine Einschränkungen, weil ich mich nicht im politischen Kabarett bewege und ja auch seit 2009 nicht mehr in den polnischen Medien präsent bin. Mein Thema sind die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Polen, und die werden sicher auch in den kommenden Jahrzehnten weiter bestehen. Aber zurzeit ist das Interesse an diesen Dingen in Deutschland größer als in Polen, finde ich. Polen ist ein tief gespaltenes Land, und beide Seiten möchten von mir eigentlich lieber etwas über polnisch-polnische Unterschiede hören als über deutsch-polnische. Was mir Sorgen macht, ist die Entfremdung, die in beiden Ländern durch die jeweils negative Berichterstattung stattfindet. In den staatlich gelenkten Medien wird derzeit ein sehr negatives Bild über Deutschland verbreitet – und auch deutsche Medien greifen sich fast immer nur das Negative heraus. Das könnte dazu führen, dass weniger junge Leute Auslandsaufenthalte im jeweils anderen Land verbringen und auch weniger deutsch-polnische Ehen zustande kommen. Deshalb: Jetzt erst recht hinüber ins jeweils andere Land fahren!

Können Sie die Menschen in Polen verstehen, die sich von Europa abwenden?

Ich kann es insofern verstehen, als der Europa-Enthusiasmus in Polen um 2004 herum vielleicht allzu groß war. Es ist normal, dass das Pendel irgendwann zurückschlägt – und sich hoffentlich bald in der Mitte einpendelt. Man sieht übrigens am Beispiel Polens, dass es nicht nur in Ostdeutschland eine starke Wut gibt. Hierzulande wird ja das Erstarken der Rechtspopulisten in Ostdeutschland manchmal auf das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschen zurückführt oder auf Fehler, die bei der Wiedervereinigung gemacht wurden. In Polen haben wir aber die gleiche Spaltung von Rechten und Linken. Es könnte sich also eher um ein generelles postsozialistisches Phänomen handeln.

2013 haben Sie den Brückepreis in Görlitz bekommen, wo Sie nicht nur das Publikum ins Herz schloss, sondern wo auch Ihr Vater herstammt. Welche Rolle spielte Görlitz in den Erinnerungen und Erzählungen Ihrer Familie?

Eine große. Mein Großvater war über 20 Jahre lang Pfarrer an der Kreuzkirche und lebte mit seiner Familie im anliegenden Pfarrhaus. Als er 1964 in den Ruhestand ging und ausreisen durfte, zog er nach Heidelberg, seine Kinder waren alle im Westen, und ging nie wieder zurück. Für meinen Vater, der die Stadt als Zehnjähriger verlassen hatte, waren Görlitz und diese zehn Jahre das Paradies auf Erden. Görlitz war ein ständiges Thema bei uns. Als wir 1983 zum ersten Mal hinfuhren, war mein Vater entsetzt, wie verrottet die Stadt war. Mein ältester Onkel, der Pfarrer in Bonn war, knüpfte damals eine Partnerschaft zwischen der Kreuzkirchen- und seiner Gemeinde an. Als mein Vater 2013 dann Görlitz wiedersah, weil ich den Brückepreis bekam, war er begeistert, wie positiv sich seine Heimatstadt verändert hatte.

In Görlitz ist das Aufeinandertreffen von Polen und Deutschen Alltag. Haben Sie für Ihr neues Buch auch deutsch-polnische Paare aus Görlitz befragt?

Es gibt eine Geschichte, die einem deutsch-polnischen Paar bei einer Grenzkontrolle in Görlitz passiert ist, aber in dem Buch keinen Platz fand. An dem Abend bei Landskron werde ich sie natürlich erzählen.

Live-Show mit Steffen Möller am 28. September, 19 Uhr bei Landskron, Karten: im SZ-Treffpunkt, City-Center, 1. OG

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