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„Das Schlimmste wäre, wenn wir jetzt die Geduld verlieren“

Karsten Günther, Manager des Handball-Erstligisten SC DHfK Leipzig und zudem Sprecher der Initiative Teamsport Sachsen, über die harten Folgen der Krise.

Karsten Günther hat alle Hände voll zu tun. In der Initiative Teamsport Sachsen, deren Sprecher er ist, versammeln sich 22 Vereine.
Karsten Günther hat alle Hände voll zu tun. In der Initiative Teamsport Sachsen, deren Sprecher er ist, versammeln sich 22 Vereine. © PICTURE POINT

Herr Günther, nach turbulenten Wochen waren die vergangenen Tage besonders ereignisreich. Erst der Saisonabbruch der Handball-Bundesliga, dann das 20-Millionen-Euro-Hilfspaket von der Landesregierung für die sächsischen Sportvereine. Hilft das eine, um das andere besser zu bewältigen?

Das sind für mich zwei Dinge, die ich getrennt betrachte. Der Saisonabbruch ist die logische Konsequenz aus allen uns derzeit vorliegenden Fakten. Wir können im Handball nicht einfach auf Geisterspiele umstellen, denn wir sind von den Einnahmen unserer Sponsoren und Fans abhängig. Deshalb konnten wir nur diese Entscheidung treffen, wenn wir nicht wieder schlimmere Infektionsketten oder wirtschaftliche Schieflagen einzelner Vereine in Kauf nehmen wollen. Ich denke, wir haben eine verantwortungsbewusste Entscheidung getroffen, die aber natürlich weitreichende Konsequenzen hat und Sportlern das Herz bricht.

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Wie stellt sich die Situation für den SC DHfK konkret dar?

Wir haben jetzt erst einmal Gewissheit und ein Stück weit auch mehr Planungssicherheit, weil wir jetzt genau wissen, was bis Sommer passiert. Diese Zeit können wir nutzen, um eine Basis zu schaffen für das, was in der nächsten Saison kommt. Doch es bleibt weiter ein Flug im Nebel, um nicht von Blindflug zu sprechen – weil wir wirklich nicht wissen, wann es wieder losgeht und welche Rahmenbedingungen wir dann haben. Wir müssen jetzt weiter von Tag zu Tag, von Woche zu Woche und Monat zu Monat sehr flexibel sein. Und das ist eine riesige Herausforderung. Unsere Mannschaft braucht gerade ein Höchstmaß an Eigenmotivation und Disziplin, um bereit zu sein, wenn wieder Mannschaftstraining möglich ist.

Das heißt, die Bundesliga-Mannschaft trainiert derzeit nicht in Kleingruppen wie die Fußballprofis in Dresden, Leipzig und Aue?

Nein. Der Rahmen, der dafür nötig ist, entspricht fast Laborbedingungen. Das überfordert uns aktuell sowohl finanziell als auch organisatorisch.

Wie sehr hilft Ihrem Verein das diese Woche auf den Weg gebrachte Hilfspaket der Landesregierung?

Das Programm hilft sehr – wenn wir es gut und praktikabel anwendbar hinbekommen. Jetzt ist es erst mal nur beschriebenes Papier. Sobald der Erste das Geld auf dem Konto hat, wissen wir mehr. Die Initiative Teamsport Sachsen war dafür schon maßgeblich. Keiner allein hätte das hingekriegt, das war die Kraft der vielen Vereine und der vielen guten Ideen, die wir hier bündeln können.

Diese Initiative ist insofern bemerkenswert, dass sich so viele verschiedene Vereine zusammengeschlossen haben – von den Fußballprofis bis hin zum Eishockey-Oberligisten. Liegt das daran, dass die Corona-Krise und ihre Folgen alle gleich trifft?

Wir haben schon eine Wichtung vornehmen müssen, konzentriert auf alle in relevanten Profiligen organisierten Vereine mit mindestens einer etwa halben Million Euro Umsatz und einer gewissen Mitarbeiterzahl. Es gibt noch andere Erst- und Zweitligisten in Sachsen, die sich gemeldet haben und nun über den Landessportbund mit uns vernetzen. Die in der Initiative versammelten Vereine stehen allesamt vor den gleichen Herausforderungen. Und so konnten wir uns sehr schnell mit Knowhow und Kontakten unterstützen. Und die Kraft der Masse hat dann auch dazu geführt, dass wir Gehör fanden.

Wie verlaufen denn Gespräche mit politischen Entscheidungsträgern in diesen Corona-Tagen? Oder anders gefragt: Welchen Stellenwert hat der Sport derzeit bei der Landesregierung?

Wir haben schon eine gewisse Priorität als soziale Einrichtungen, die sich um Kinder und Jugendliche kümmern, die vielen Fans eine emotionale Heimat geben und auch Unterhaltung bieten und vor allem sehr viele Mitarbeiter beschäftigen. Und die sich dafür einsetzen, dass Sachsen national und international repräsentiert wird im Bereich Sport. Die Initiative hat im Innenministerium einen festen Ansprechpartner, mit dem wir quasi über Standleitung und manchmal bis tief in die Nacht die Dinge nach und nach vorangetrieben haben.

Mit dem Hilfspaket sei ein erster Punkt umgesetzt, haben Sie am Mittwoch gesagt. Was steht noch auf Ihrer Liste?

Die Corona-Krise trifft ja nicht nur den Sport, sondern schüttelt auch die Wirtschaft kräftig durch. Nur ist Wirtschaft der maßgebliche Finanzier des professionellen Sports. Da geht es jetzt unter anderem darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, die das der Wirtschaft auch zukünftig ermöglichen. Sonst müsste dies jemand anderes übernehmen – oder es gibt Sport in dieser Form nicht mehr. Außerdem soll der Sport an sich ein Stück weit effektiver werden in Sachen Kostenmanagement. Welche Ausgaben haben wir, welche davon sind wirklich sinnvoll. Ich nehme als ein Beispiel nur mal die Berufsgenossenschaften, die mittlerweile über zehn Prozent des Gesamtetats ausmachen. Da müssen wir schauen, dass wir andere Modelle finden, als Sportlern lebenslange Renten auszuschütten und dabei selbst in wirtschaftliche Schwierigkeiten zu kommen.

Ein großes Thema ist die Frage nach der Öffnung von Sportplätzen und Turnhallen. Steht das auch auf der Agenda der Initiative Teamsport Sachsen?

Ja, in Teilen. Aber wir haben in diesem Punkt eine klare Position und möchten die Entscheidungsträger unterstützen, wollen um Besonnenheit werben. Wenn wir jetzt keine Wettkämpfe haben, müssen wir auch nicht zwingend in die Sportstätten, sofern das Risiken darstellt. Ob das so ist, möchte ich gar nicht beurteilen, dafür gibt es Experten. Und da ist mein Vertrauen groß. Das allerschlimmste wäre, wenn wir jetzt die Geduld verlieren und wegen einer oder zwei Wochen früher oder später den Gesamterfolg gefährden. Gesundheit und stabile Gesamtlage gehen jetzt vor.

Wie geht der SC DHfK in die nächsten Wochen?

Bis 30. Juni ist unser kompletter sportlicher Bereich in Kurzarbeit. Wir dürfen nicht spielen, dürfen nicht trainieren. Insofern ist das die folgerichtige Entscheidung. Nur die Geschäftsstelle arbeitet noch, und das soll auch so lange wie möglich so bleiben. Wir wollen und müssen für unsere Fans und Partner da sein, aber auch für die Ansprechpartner in der Politik. Es geht um Kommunikation, um Netzwerke und das Sichern von Arbeitsplätzen. Dafür haben wir selbst auch eine Aktion gestartet mit dem Kauf von Helden-Tickets. Ziel ist es dabei, unseren Rekord von insgesamt 73.287 Heimspiel-Zuschauern aus der Vorsaison zu übertreffen und auf 75.000 auszubauen - trotz Corona und Saisonabbruch. Viele Sporthelden wie Dominic Bösel, David Storl oder Giovane Elber unterstützen uns dabei und innerhalb von zwei Wochen sind schon über 10.000 Helden-Tickets verkauft worden, quasi Halbzeit. Jetzt geht es in die entscheidende Phase, und wir kämpfen bis zum Schluss.

Der Handball-Liga-Chef hat prognostiziert, dass die neue Saison noch schwieriger wird. Teilen Sie seine Meinung?

Definitiv. Durch den Saisonabbruch geht uns der Umsatz von einem viertel Jahr verloren. Aber wir wissen nicht, ob uns nächste Saison ein viertel Jahr, ein halbes Jahr oder noch mehr wegbricht. Das macht die Planung umso schwerer. Deshalb müssen wir auch im Dialog mit den politischen Entscheidungsträgern bleiben, weil die Überbrückungsphase für den Sport auch deutlich länger anhalten kann.

Wie sieht Ihre persönliche Prognose aus, worauf stellen Sie sich ein?

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Ich gebe gar keine Prognosen ab, denn ich bin weder Virologe noch habe ich die gesamtwirtschaftliche Lage im Blick. Ich bin für den SC DHfK aktiv und für die Teamsport-Initiative hier in Sachsen, versuche an guten Lösungen mitzuarbeiten und alles dafür zu tun, dass meine 62 Leute im Verein ihren Arbeitsplatz behalten.

Das Interview führte Tino Meyer.

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