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„Die Wende kam genau richtig“

Kati und Christian Wuttke stammen aus Weinhübel, waren lange im Westen. Heute sind sie vor den Toren von Görlitz glücklich – mit perfektem Bergblick.

Christian und Kati Wuttke sitzen im Wohnzimmer ihres Hauses in Pfaffendorf. Seit 2012 leben sie hier am Fuß des Geudeberges – anfangs mit zwei, inzwischen mit drei gemeinsamen Kindern.
Christian und Kati Wuttke sitzen im Wohnzimmer ihres Hauses in Pfaffendorf. Seit 2012 leben sie hier am Fuß des Geudeberges – anfangs mit zwei, inzwischen mit drei gemeinsamen Kindern. ©  André Schulze

Die Landeskrone ist für Christian Wuttke jeden Tag anders. Das ganze Jahr über. Und er hat sie immer wieder fotografiert. Im Abendlicht, im Gewitter, bei Sonnenschein, im Nebel und mit Schnee. „Ich liebe diesen Blick, er ist immer schön“, sagt der 44-Jährige, der den Berg von seinem Grundstück in Pfaffendorf stets im Blick hat.

Und er ist mit dieser Liebe nicht allein: „Der Nachbar steht manchmal einfach nur am Gartenzaun und schaut auf die Landeskrone.“ Es scheint, als sei der Berg eine Insel der Ruhe in der Hektik des Alltags.

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Wuttke und seine fünf Jahre jüngere Frau Kati hatten diesen Blick nicht immer. Beide sind in Weinhübel aufgewachsen. Wenn sie daran denkt, fallen ihr Altneubauten ein, auch die Plattenbauten am Deutsch-Ossig-Ring, vor allem aber eine unbeschwerte Kindheit mit Freunden, die in Kindergarten, Schule und Freizeit immer die Gleichen waren. „Heute sind die Einzugsradien größer geworden“, sagt sie. Ihre drei Kinder gehen am Nachmittag auch zu Freunden: „Aber das ist ein Dorf weiter.“

Auch Christian Wuttke fand es gut, die ganze Kindheit und Jugend, bis zur zehnten Klasse, im gleichen Umfeld zu bleiben. „Meine Kindheit war Weltklasse, nach der Schule haben wir den Ranzen weggeflaggt und sind im Loenschen Park verschwunden.“ Als die Mauer fiel, war er 14, seine Frau neun. Die fünf Jahre machen einen Riesenunterschied. Während sie einfach Kind war, erinnert er sich, wie er mit 14 heimlich ohne Eltern bei den Friedensgebeten in der Frauenkirche war und bei der Kerzenmahnwache vor der SED-Kreisleitung. „Die Wende kam für mich genau zur richtigen Zeit“, sagt er. Als Christ blieb ihm die Jugendweihe ganz knapp erspart. Und es taten sich Bildungswege auf, die vorher undenkbar waren, denn er war kein Arbeiter- und Bauernkind – und noch dazu schon vor 1989 überzeugt, nicht zur Armee zu gehen. Damit wäre sein Lebensweg in der DDR verbaut gewesen. So aber konnte er Abitur machen, zum Zivildienst gehen und nachher Maschinenbau studieren. Und er konnte mit 18 ein Auto kaufen: „Das wäre in der DDR auch nicht gegangen.“ Er tat es, denn es war auch richtig billig.

Kati Wuttke, die damals noch Deutschmann hieß, kann sich an ganz andere Dinge erinnern: „Unsere West-Tante hat immer so schöne Pakete mit rosafarbenen Pullovern geschickt.“ Ihr Traum vom Westen war damals eher, als Erwachsene mal rosafarbene Strumpfhosen zu haben. Heute lacht sie darüber: „Naja, ich war neun.“ Rosafarbene Strumpfhosen will sie jetzt nicht mehr. Stattdessen hat sie mit 17 ihren Christian kennengelernt und nach dem Abitur in Zittau Architektur studiert.

Dass sie dann beide ganz schnell in den Westen gegangen sind, hatte nichts mit dem ganzen Ost-West-Thema zu tun, sondern ganz pragmatische Gründe. „Ich wollte damals unbedingt konstruieren, am besten Teile für Autos entwickeln“, sagt Christian Wuttke. Das gab es in Ostsachsen nicht – also ging er 2001 im sechsten Semester für ein Praktikum nach Coburg. „Dort haben sie mir schon nach dem Praktikum einen Arbeitsvertrag in die Hand gedrückt“, erinnert er sich. Also schrieb er auch seine Diplomarbeit dort – und blieb.

Bei seiner Frau war es kaum anders. Die Architekturbranche war damals ziemlich am Boden, in Stuttgart hatte sie die Chance, bei einem großen, namhaften Büro ein Praktikum zu machen. „Nur als Praktikantin kam man damals überhaupt in die Branche rein“, sagt sie. 2004 folgte sie ihrem späteren Mann nach Coburg.

Als „Ossis“ haben sie sich dort nie gefühlt. „Klar“, sagt er, „manchmal kamen schon solche Sprüche.“ Aber Coburg liegt nah an der früheren innerdeutschen Grenze, Thüringer und Oberfranken seien der gleiche Menschenschlag. „Wenn hier einer ein Ossi ist, dann bin ich das“, hat er dann zum Scherz gesagt. Er kam schließlich am Weitesten aus dem Osten. Beide haben sich in Coburg wohlgefühlt, Freunde gefunden. „Aber das Herz war hier“, sagt sie.

Eigentlich haben die beiden schon immer gewusst, dass sie zurückkehren wollen. Aber nicht, weil es ihnen „im Westen“ nicht gefallen hätte, sondern weil Eltern und Geschwister alle in Görlitz sind. Anderthalb oder zwei Jahre lang haben sie im Internet geschaut, was Häuser hier kosten. 2011/12 ging es dann ganz schnell. Er bekam ein Jobangebot als Büroleiter für ein Ingenieurbüro in Görlitz, unterschrieb im November 2011 den Vertrag und fing im Februar 2012 an. Im gleichen Monat hat die Familie das Haus in Pfaffendorf gekauft. Lage und Preis stimmten, seine Schwester wohnt sogar im gleichen Dorf. „Das Haus hat auf uns gewartet“, sagt Kati Wuttke.

Sie hat 2013, gleich nach ihrer Elternzeit, eine Stelle beim Görlitzer Architekten Christian Weise bekommen. Dort arbeitet sie bis heute, während ihr Mann 2017 beruflich nach Bautzen gewechselt ist. „Mein früherer Coburger Arbeitgeber hat ein Büro in Bautzen eröffnet, brauchte einen Niederlassungsleiter und hat mich angesprochen“, sagt er. So ist sein Chef vom ersten Praktikum heute wieder sein Chef.

Ab und an fährt er jetzt dienstlich nach Coburg – und bringt dann immer fränkisches Bier und Coburger Bratwürste mit nach Görlitz. „Früher habe ich Landskron-Bier nach Coburg exportiert“, sagt er und lacht. Ihm schmeckt beides und er trinkt bis heute beides. Aber ist das Leben hier und dort heute anders? „Kaum“, sagt Christian Wuttke. Eigentlich sind ihm nur zwei Unterschiede aufgefallen. „Die Menschen drüben sind konsumorientierter, sitzen zum Beispiel mehr in Cafés“, sagt er. Seine Frau glaubt, dass das Finanzielle dort einfach stimmt: „Dann haben die Leute mehr Lust, Geld auszugeben.“ Der zweite Unterschied ist ein politischer. „Was mich hier stört, sind die nationalistischen Tendenzen“, sagt er. Von der AfD hält er nichts: „Hier wählen die Leute diese Heinis, die auf nichts eine Antwort haben.“ Das Weltoffene, was Görlitz haben sollte, werde dadurch total kaputt gemacht.

Aber trotzdem: Ihre Rückkehr in die Heimat haben sie nie bereut, da sind sich beide einig. „Uns geht´s super hier, wir sind gesund, die Familie ist da und nach sieben Jahren auch ein Freundeskreis“, sagt Kati Wuttke. Ihr Mann lobt auch den Zusammenhalt unter den Nachbarn. Und zwar nicht nur beim Landeskrone-Gucken.

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