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Ist Dresdens Kleingarten-Wettbewerb eine "Farce"?

Nach dem Sieg des Vereins "Am Waldrand" regte sich Kritik an der Juryentscheidung. Es geht vor allem um die Frage: Wie naturnah kann noch "schön" sein?

Die Vertreter des Kleingartenvereins "Freudenberg" stellen den Wettbewerb in seiner aktuellen Form infrage.
Die Vertreter des Kleingartenvereins "Freudenberg" stellen den Wettbewerb in seiner aktuellen Form infrage. © René Meinig

Dresden. Auf seinem Rundgang durch die Kleingartenanlage "Am Waldrand" verlor Gunter Jork jüngst den Glauben an die gute alte Kleingartenwelt. Einigermaßen schockiert machte er Fotos von meterhohen Koniferen, zwischen den einen Toilettensitz steht. Zudem dokumentierte er Unkraut auf den Wegen, den Anbau von Getreide und allerlei weitere Dinge, die es in seinem Kleingartenverein in Strehlen so nicht geben würde. Zumindest würden sie in der Anlage "Freudenberg" nicht akzeptiert werden.

Dass eben jener Verein "Am Waldrand", der so etwas durchgehen lässt und teilweise sogar fördere, sich nun in diesem Jahr mit dem Titel "Schönste Kleingartenanlage Dresdens" schmücken darf, hinterlässt die Vorstandsmitglieder vom "Freudenberg" fassungslos. Die Vorsitzende Simone Paul spricht von einer "totalen Fehlentscheidung", ja einer "Farce".

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Natürlich hätte man den Wanderpokal "Flora" und die 1.000 Euro Preisgeld am liebsten selbst gewonnen. Doch auch einen anderen würdiger Sieger hätte man klaglos akzeptiert. 

Doch was ist eigentlich würdig? Und was ist schön? Das liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Mit inzwischen 16 Preisträgern hat der Wettbewerb, hinter dem das Rathaus und der Stadtverband "Dresdner Gartenfreunde" stehen, schon so etwas wie Tradition. Um die Motivation zu erhöhen, gibt es seit einigen Jahren auch Mottos. Das lautete in diesem Jahr: "Kreative Gärten – bunte Vielfalt". Begriffe, die man nicht sofort mit dem traditionellen Image von Kleingärten in Verbindung bringt.

Und genau diesen Widerspruch haben man aufzeigen wollen, sagt Frank Hoffmann vom Stadtverband der Kleingärtner. Die Sächsische Rahmenkleingartenordnung werde immer noch von vielen, die noch nie einen Blick hinein geworfen hätten, pauschal als überbürokratisiertes Monster angesehen, dabei widerspreche sie beispielsweise keineswegs dem naturnahem Gärtnern, sondern wolle diesen Trend fördern. 

Ein gewisser Generationskonflikt im Kleingartenwesen sei nicht zu bestreiten. Die älteren Gärtner sehen das Unkraut auf den Wegen - die Jüngeren sehen Pflanzen, die den oftmals sandigen Boden vor Erosion schützen. Wie soll man da darüber urteilen? 

Hoffmann ist eines von fünf Mitgliedern der Jury, die alljährlich die "schönste" Kleingartenanlage der Stadt kürt. Den Vorsitz dieser Jury hat Detlef Thiel, Leiter des Amtes für Stadtgrün. Außerdem gehören zwei Mitglieder des Kleingartenbeirats und ein Landschaftsarchitekt zur Gruppe. Jedes dieser Jurymitglieder hat für jeden Verein unter den Bewerbern Punkte in mehreren Kategorien vergeben.

Jury-Mitglied Frank Hoffmann würde künftig gern mehr Vereine für den Wettbewerb gewinnen.
Jury-Mitglied Frank Hoffmann würde künftig gern mehr Vereine für den Wettbewerb gewinnen. © René Meinig

"Unsere Kriterien sind öffentlich, genauso wie die maximale Zahl der Punkte pro Kategorie", sagt Hoffmann. Bis zu fünf Punkte gebe es zum Beispiel schon für die öffentliche Zugänglichkeit der Anlage, sechs Punkte für Fachberatung sowie den Schutz von Umwelt und Natur und bis zu vier Punkte für ein lebendiges Vereinsleben. 

Insgesamt können bis zu 40 Punkte erzielt werden, wobei nur die zehn besten Vereine in einer ersten Auswahlrunde auch von den Jurymitgliedern besucht werden. Spätestens dann gilt es, sich von seiner Schokoladenseite zu zeigen: Da werden nochmal die Wege gekehrt, die Rosen verschnitten und die Fenster des Vereinsheims geputzt.

Diesen Aufwand scheint allerdings ein Großteil der Vereine zu scheuen. Nur 18 von 360 Dresdner Anlagen bewarben sich in diesem Jahr - für die Vorstandsmitglieder des Vereins "Freudenberg" ein klares Zeichen für die wachsende Frustration, angesichts von Siegern wie in diesem Jahr.

Ronny Richter vom siegreichen Kleingartenverein "Am Waldrand" hat kein Interesse an kleingärtnerischen Konfrontationen.
Ronny Richter vom siegreichen Kleingartenverein "Am Waldrand" hat kein Interesse an kleingärtnerischen Konfrontationen. © Christian Juppe

Doch auf Konfrontationskurs hat Ronny Richter, der offenen Aufforderung zum Trost, keine Lust. Der Chef des Vereins "Am Waldrand", der den Wettbewerb 2020 mit ungewöhnlich großem Vorsprung für sich entschied, bleibt entspannt. "Die Kritik von außen finde ich völlig okay", sagt der 43-Jährige. "Natürlich ist die Jury auch bei uns an kritikwürdigen Gärten vorbeigekommen, räumt er ein und nennt beispielhaft diverse Zypressen und zu übergroße Pools. 

Die Diskussion um einzelne Verfehlungen geht für ihn allerdings am Sinn des Wettbewerbs vorbei. Der Kriterienkatalog zeige doch eindeutig, dass ein guter Kleingartenverein viel mehr als die Summe seiner Parzellen sei.

Auch "Am Waldrand" akzeptiere man selbstverständlich die Rahmenkleingartenordnung, "aber wir lassen der Natur den Raum, denn sie braucht und gestalten mit Maß" sagt Richter. Letztlich gehe es doch auch gar nicht darum, wer den Wettbewerb gewinnt, sondern vielmehr darum, zu zeigen, wie vielfältig die Dresdner Kleingartenwelt ist. 

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Womöglich kann der Wettbewerb 2021 ja helfen, die Gräben ein wenig zu schließen. Das Motto im kommenden Jahr: "Kleingartenwesen im Wandel - gemeinschaftlich und generationsübergreifend".

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