merken
PLUS

Sachsen

Wie es ist, Corona zu haben - ein Dresdner erzählt

Gerd Adler ist 47 Jahre alt und gehört nicht zur Risikogruppe. Trotzdem erkrankte er an Covid-19. Wie er die Krankheit vorerst besiegte.

Der Patient hat ein Foto seines Covid-19-Krankenbetts gemacht.
Der Patient hat ein Foto seines Covid-19-Krankenbetts gemacht. © privat

Gerd Adlers* Stimme klingt noch matt. Er spricht langsam, macht Pausen zwischen den Sätzen. Die richtige Atmung ist wichtig. Er hat dazu in der Klinik ein paar Übungen in den vergangenen Tagen gelernt. Damit seine Lunge wieder „laufen lernt“. Die Lunge eines 47-jährigen Familienvaters aus Dresden, der schwer an Covid-19 erkrankte, obwohl er weder Allergien noch Vorerkrankungen hatte. Der als geübter Marathonläufer gerade noch für den Rennsteiglauf trainiert hatte. Sein echter Name und das Dresdner Krankenhaus, in dem Gerd Adler behandelt wurde, sollen ungenannt bleiben. Um die Familie zu schützen und keine falschen Reaktionen auszulösen.

Adler ist noch keine 24 Stunden wieder daheim, als er am Telefon versucht zu schildern, wie er durch die Fieberhölle ging. Er sei immer noch krank und infektiös, aber die Blutwerte seien nun so gut gewesen, dass er nach Hause durfte. Dort lebe er nun unter Quarantäne, erzählt er. Freitag habe er das erste Mal wieder Normaltemperatur gespürt. „Das war wie eine kleine persönliche Mondlandung, als feststand, dass ich fieberfrei bin“, sagt Adler. „Dabei hatte ich eigentlich gedacht, dass ich nicht zur Risikogruppe gehöre.“

Anzeige
Gemeinsam allem gewachsen

Die Sparkassen-Versicherung Sachsen ist auch in dieser außergewöhnlichen Situation für ihre Kunden da.

Vor allem Ältere, Hochbetagte und Menschen mit Vorerkrankungen können in Lebensgefahr geraten, wenn sie mit dem Virus in Kontakt kommen.

Mit Adler hat es ausgerechnet einen topfitten Sportler erwischt. Hohes Fieber, eine heftige Lungenentzündung und es gibt keine Medikamente. Als er positiv auf das Corona-Virus getestet wird, geht es dem Ingenieur schon tagelang dreckig. „Das Ergebnis war erst mal ein Hammer, ich hatte nicht damit gerechnet und immer gehofft, dass es nicht Corona ist.“

Kandidat für die Corona-Ambulanz

„Es hat mich in Berlin erwischt.“ Am Mittwoch, dem 4. März, hatte er dort einen Kollegen getroffen. Das Gespräch ging eine halbe Stunde, erinnert sich Adler. Das Wochenende darauf geht er wie immer laufen. Am 16. Mai will er in Thüringen an den Start gehen. Den leichten Husten ignoriert Gerd Adler zunächst, auch als er stärker wird.

Eine Woche nach dem Termin in Berlin hat er erste Grippe-Symptome, Fieber und Gliederschmerzen. Seine letzte echte Grippe ist gut 20 Jahre her. Adler geht nicht mehr zur Arbeit, will es auskurieren. Bis er erfährt, dass sein Kollege positiv auf Corona getestet wurde. Er misst 38 Grad auf dem Fieberthermometer.

Adler liest im Internet, dann ruft er die Kassenärztliche Vereinigung an. Es ist Samstag, der 14. März. „Der Arzt am Telefon meinte, ich bin ein Kandidat für die Corona-Ambulanz.“ Er solle gleich am Montag im Uniklinikum vorbei kommen. Adlers Frau sei immer optimistisch gewesen. „Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ich Corona-positiv bin.“

500 Menschen stehen in einer langen Schlange, nur rund die Hälfte wird am Ende getestet. Gerd Adler ist einer von ihnen. In Sachsen gibt es zu diesem Zeitpunkt 134 Infektionen mit dem Corona-Virus. Die Ärztin in der Ambulanz hat schnell den richtigen Verdacht.

Adler hat inzwischen hohes Fieber, 39,5 Grad und starken Husten. Gerd Adler muss sich in einer Klinik melden, wird sofort aufgenommen. Am nächsten Morgen bekommt er die Diagnose Covid-19. Gerd Adler hat die Lage in Italien beobachtet, er weiß, dass dort 31.000 Menschen infiziert und 2.500 schon tot sind. „Italien übertrifft alles Vorstellbare, das macht mich unheimlich traurig und lässt mich erschaudern.“

Malariamittel verabreicht

Adlers Familie muss in häusliche Quarantäne. Seine Frau, die 13-jährige Tochter und der zehnjährige Sohn bangen um den Familienvater. Er fragt sich im Krankenhaus: „Warum trifft es mich so stark?“ Die Lunge ist durch den Sport trainiert, er habe nie geraucht, es gibt keinen Grund. „Es kann einfach jeden treffen.“ Egal welchen Alters. Egal welchen Fitnesszustands.

Im Krankenhaus kämpft er mit gemischten Gefühlen. Es gibt keine Impfung und kein Medikament gegen die Krankheit, nicht einmal irgendein Mittel in der Testphase, nur Erfahrungswerte aus Asien. „Am Schlimmsten war das Fieber, das von Tag zu Tag höher ging.“ Infusionen sollen das Fieber in Schach halten, ein Malariamittel die Lungenentzündung bekämpfen.

Gerd Adler kämpft jeden Tag mit der Ungewissheit. Wie lange bleibt das, wann geht die Temperatur endlich runter? „Das hat mir am meisten Angst gemacht.“ Der Mann, der sonst sogenannte Ultraläufe mit 50 und mehr Kilometern absolviert, hat nicht einmal mehr genug Puste, um zur Toilette zu gehen. „Jeder Weg dahin kostet viel Zeit und Kraft.“

Atemübungen mit den Zimmergenossen

Seine Kinder schicken per WhatsApp Videobotschaften zur Aufmunterung, Lauffreunde widmen ihm Kilometer – natürlich allein. Ein Netzwerk von Familie, Freunden, Kollegen und Nachbarn kümmert sich nun um die Familie, die in Quarantäne ausharren muss. All das hilft Gerd Adler, die Tage im Krankenhaus zu überstehen, sagt er hinterher. „Ich bin dankbar für so viel Hilfsbereitschaft und Solidarität.“

Er sei Gott sei Dank nicht isoliert gewesen. Mit dem Zimmergenossen, auch positiv auf Covid-19 getestet, macht er Atemübungen. „Uns war klar, dass wir großes Glück hatten, dass wir zu den Ersten gehören.“ Das Klinikpersonal habe sich liebevoll um die beiden Kranken gekümmert. „Ich danke den Ärzten, Schwestern und Pflegern“, sagt Adler. „Ich will mir nicht vorstellen, was da jetzt alles auf sie zukommt.“

Die Blutwerte stabilisieren sich im Laufe der Woche, aber das Fieber geht nur langsam zurück und die Lungenentzündung fordert Geduld. „Ich habe immer gehofft, dass es am nächsten Tag weg ist.“ Eine Woche lang geht das so. Gerd Adler hilft am Ende sein Trainingszustand, sein kräftiges Herz und die trainierte Lunge, die keine künstliche Beatmung braucht.

Zu Hause wird getrennt gegessen

In der heimischen Vier-Zimmer-Wohnung hat er nun eine Art Extra-Quarantäne-Raum in der Quarantäne-Station und ein Gäste-WC für sich allein. „Ich trage zu Hause Mundschutz und ich versuche zu meiner Familie größtmöglichen Abstand zu halten, was sehr, sehr schwer fällt.“ Gegessen wird getrennt, sämtliche Oberflächen und der Telefonhörer nach jedem Gespräch desinfiziert.

Frau und Kinder sind noch sechs Tage in Quarantäne, Gerd Adler muss so lange in Quarantäne bleiben, bis er genesen ist. Daran sei noch nicht zu denken. Er hofft auf eine Aussage vom Gesundheitsamt, wie es weitergeht. Adler weiß aber auch, dass die Behörde an der Lastgrenze arbeite. „Ich hoffe, dass ich niemanden infiziere.“

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

Ich hatte Corona - eine Unternehmerin erzählt

Katja von der Burg wurde positiv auf Corona getestet. Die Leipzigerin spricht über ihren Krankheitsverlauf und mahnt, Covid-19 ernst zu nehmen.

Symbolbild verwandter Artikel

Verschoben, abgesagt, ausgesetzt

Schulen sind zu, Universitäten im Notbetrieb, Betriebe in Kurzarbeit: Corona bringt die Pläne von jungen Leuten durcheinander. Ein Überblick.

Symbolbild verwandter Artikel

„Kein Grund, das Land in Quarantäne zu schicken“

Charité-Experte Stefan Willich hält Ausgangssperren für falsch. Auch die gesundheitlichen Kosten der Isolation können enorm sein, sagt er. Ein Interview.

Symbolbild verwandter Artikel

"Dieses Virus verschwindet nicht mehr"

Gesund – infiziert – infektiös – krank – hoffentlich geheilt: Wer ist ansteckend, wer ist immun? Ein Dresdner Virologe erklärt es uns.

Er hat im Krankenhaus mitbekommen, dass sich manche nicht an die Regeln gehalten haben, sich in großen Gruppen auf den Elbwiesen oder in der Stadt getroffen haben. „Über die Ignoranz einiger Mitbürger habe ich mich sehr geärgert, die das alles herunterspielen und nicht so ernst nehmen.“ Er sei zwar noch nicht ganz genesen, aber wolle an jeden appellieren, der es bisher auf die leichte Schulter genommen hat. „Ich hoffe inständig, dass möglichst viele negativ bleiben und sich nirgendwo infizieren.“

*Name geändert

Aktuelle Informationen rund um das Coronavirus in Sachsen, Deutschland und der Welt lesen Sie in unserem Newsblog.