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Erleichtert nach Bombardier-Entscheidung

Die Görlitzer Reaktionen zur Alstom-Übernahme sind durchweg positiv. Doch schwingt noch Vorsicht und Skepsis mit.

Produktion eines Doppelstockzuges für die Schweiz im Görlitzer Bombardierwerk.
Produktion eines Doppelstockzuges für die Schweiz im Görlitzer Bombardierwerk. © nikolaischmidt.de

Endlich Klarheit, endlich eine Entscheidung. In Görlitz ist die Meldung, dass die EU der Hochzeit von Alstom und Bombardier zugestimmt hat, erleichtert aufgenommen worden.

„Ich bewerte das ganz klar positiv“, sagt Oberbürgermeister Octavian Ursu. Zugleich lobt er die Kommunikation des Alstom-Konzerns. Schon vor einiger Zeit habe sich Alstom-Deutschlandchef Jörg Nikutta bei ihm gemeldet, inzwischen gab es einige Telefonate mit dem OB. „Das Interesse an Görlitz scheint groß.“

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Ein gutes Vorgefühl hatte auch Rolf Weidle von den Bürgern für Görlitz. Er sei in den letzten Wochen sehr optimistisch gewesen, dass die zuständige Europäische Kommission den Kauf von Alstom genehmigen werde und sagt jetzt: „Eine sehr gute Nachricht für Görlitz“. Für die Region sei es sehr wichtig, dass beide Standorte in Görlitz und Bautzen erhalten bleiben. „Wichtig ist, dass möglichst viele Arbeitsplätze nachhaltig erhalten bleiben“, so Weidle. Die Signale, die Alstom bisher gesendet hat, dürfte die Belegschaft von Görlitz nach langer Zeit des Hinhaltens und falscher Versprechungen durch die Bombardier-Spitze endlich ein Stück positiver stimmen. Der französische Konzern wolle weder Bautzen noch Görlitz antasten, heißt es bislang. Konzernchef Henri Poupart-Lafarge spricht von zahlreichen Aufträgen, für die man alle brauchen werde.

Hält seit Jahren die Fäden im Görlitzer Bombardier-Werk zusammen: Carsten Liebig
Hält seit Jahren die Fäden im Görlitzer Bombardier-Werk zusammen: Carsten Liebig © nikolaischmidt.de

Carsten Liebig, Site General Manager am Görlitzer Standort, freut sich noch verhalten. Die Bündelung der Kräfte im Schienenfahrzeugbau findet er begrüßenswert. In der Verschmelzung der beiden Unternehmen sieht er „große wirtschaftliche Chancen, die auch dem Görlitzer Werk und der Region sehr gute Perspektiven bieten würden.“ Allerdings befinde man sich in einem frühen Stadium der Übernahme, noch lägen viele Meilensteine auf dem Weg. „Die Transaktion unterliegt noch weiteren behördlichen Genehmigungen in mehreren Ländern und den üblichen Abschlussbedingungen. Bis zum Abschluss dieser Transaktion bleiben Alstom und Bombardier zwei getrennte Unternehmen“, sagt Liebig.

Auch von der Görlitzer Linksfraktion kommt ein vorsichtiges Urteil. Mirko Schultze schätzt die Übernahme als zunächst erst einmal guten Schritt ein. Doch müsse man abwarten, wie sich die Übernahme auf die Beschäftigten und die Standorte auswirke. „Dass Bürgschaften nicht an Standortzusagen und Arbeitsplatzgarantien gekoppelt werden konnten, könnte einen skeptisch machen. Es wird also darauf ankommen, wie sehr der politische Druck auf den neuen Eigentümer aufrechterhalten wird.“

Bei der Jubiläumsveranstaltung anlässlich 170 Jahre Waggonbau Görlitz ließen sich Bombardier-Deutschlandchef Michael Fohrer (links), der Görlitzer OB Octavian Ursu (M.) und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer die angespannte Stimmung nicht anmer
Bei der Jubiläumsveranstaltung anlässlich 170 Jahre Waggonbau Görlitz ließen sich Bombardier-Deutschlandchef Michael Fohrer (links), der Görlitzer OB Octavian Ursu (M.) und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer die angespannte Stimmung nicht anmer © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Die AfD äußert sich erleichtert darüber, dass eine beunruhigende Zeit für die gesamte Stadt jetzt zu Ende gehen kann. Der Wegfall dieses Traditionsbetriebes wäre für die Stadt kaum zu verkraften, sagt Fraktionschef Lutz Jankus. Die Unsicherheit sei überall spürbar gewesen. „Wir hoffen, dass nun die Zeit der Sorge um die Arbeitsplätze vorbei ist und die Waggonbauer, ihre Familien sowie die Stadt eine Zukunft haben. Wir erwarten von Alstom eine gute Unternehmenspolitik.“ Sollten tatsächlich Stellen wegfallen müssen, wünsche man sich eine sozialverträgliche Lösung mit Augenmaß. Fraktionskollege Sebastian Wippel ergänzt: „Ich habe die Hoffnung, dass man dem Werk in Görlitz so viel Freiheit lässt, dass es seine Stärken zur Geltung bringen und die Selbstorganisation wieder übernehmen kann. Wünschenswert wäre es, wenn langfristig in Ostsachsen wieder neue Technik entwickelt werden würde.“

Großdemonstration auf dem Görlitzer Obermarkt im Januar 2018: Damals war die Protestbewegung auf dem Höhepunkt, es ging nicht nur um den Erhalt des Görlitzer Bombardier-Standortes, sondern auch um die Jobs bei Siemens.
Großdemonstration auf dem Görlitzer Obermarkt im Januar 2018: Damals war die Protestbewegung auf dem Höhepunkt, es ging nicht nur um den Erhalt des Görlitzer Bombardier-Standortes, sondern auch um die Jobs bei Siemens. © nikolaischmidt.de

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