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Erste Schiffstour trotz Zukunftssorgen

Am Freitag startet die Dampfschifffahrt in Dresden in die Saison nach Corona. Die drohende Insolvenz ist dabei ständig Thema.

Das ist kein Abschiedsspalier. Die Mitarbeiter der Flotte machen damit am Freitag auf ihre Notlage aufmerksam.
Das ist kein Abschiedsspalier. Die Mitarbeiter der Flotte machen damit am Freitag auf ihre Notlage aufmerksam. © SZ/Christoph Springer

Dresden. Eigentlich ein schöner Tag: Die Sonne strahlt, die ersten Passagiere stehen schon eine halbe Stunde vor Abfahrt am Anleger, das Schiff ist präpariert. Es kann endlich wieder losgehen mit den Ausflugsfahrten auf der Elbe. Das Ende der Corona-Zwangspause ist gekommen. Kapitän Robert Lemke steht in seinem Steuerhaus, sein weißes Hemd mit den Schulterstücken, die ihn als Chef an Bord ausweisen, strahlt mit den weißen Fotowolken über Dresden um die Wette.

Doch etwas ist anders. Am Ufer stehen viel mehr Leute, als mitfahren wollen. Und auch auf dem Salonschiff "Gräfin Cosel" ist eine Stunde vor Abfahrt schon ordentlich Betrieb. Es wird diskutiert, Wortfetzen sind zu hören: "Arbeitsagentur", "Gehalt", "Familie". Sie lassen nichts Gutes erahnen und so ist es auch, schließlich geht es um die neuen Probleme der Flotte, die eigentlich die alten aus dem vergangenen Jahr sind: Das Geld ist knapp, eine sechsstellige Überweisung ausgeblieben, jetzt droht die Zahlungsunfähigkeit. 

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Eigentlich sollte an diesem Freitag das Monatsgehalt überwiesen werden. Kapitän Robert Lemke hat noch nicht auf sein Konto geschaut. Er hofft, dass am Ende doch alles gut wird. "Ich mache meine Arbeit und vertraue darauf, dass die Geschäftsführung ihre Arbeit macht", sagt der 48-Jährige, der seit vier Jahren Chef auf dem Salonschiff ist. Eigentlich sei das ein schöner Tag für ihn, sagt Lemke, "aber entspannt bin ich nicht."

Alle warten auf ein Signal. Aus der Geschäftsführung der Flotte am Georg-Treu-Platz. Aus dem Finanzministerium gleich auf der anderen Seite der Elbe. Aus dem Rathaus. Doch Neuigkeiten gibt es an diesem Morgen noch nicht. Letzter Stand ist das, was Marketingleiter Robert Körner am Abend zuvor weitergeleitet hat. Das war eine Stellungnahme von Geschäftsführerin Karin Hildebrand. 

Sie teilte den Kollegen mit, dass die Lohnzahlungen für den Mai verschoben werden müssen, weil der zweite Teil eines Darlehens von der Sächsischen Aufbaubank nicht ausgezahlt werden kann. Jetzt werde der Verwaltungsrat des Unternehmens informiert, dann sollen Gespräche mit dem Freistaat, der Aufbaubank, der Ostsächsischen Sparkasse und der Stadt stattfinden. Die nächste Woche werde entscheidend. Das heißt: Findet sich keine Lösung, dann muss das Unternehmen Ende nächster Woche Insolvenz anmelden.

Godwal Montano würde das auch treffen. Der 59-Jährige stammt aus Kuba, als Vertragsarbeiter kam er einst in die DDR, seit zehn Jahren arbeitet er als Kellner auf dem Dampfer "Pillnitz". Monti, wie er von Freunden und Kollegen genannt wird, verdient nicht nur für sich selbst Geld. Einen Teil davon schickt er jeden Monat nach Havanna an seinen Bruder und dessen Familie. "Oh, ich hoffe, dass es irgendeine Lösung gibt", sagt er. Ein Aus der Flotte kann er sich nicht vorstellen. Die Dampfschifffahrt sei "ein Politikum", ist der 59-Jährige überzeugt und genau das macht ihm Hoffnung. Keiner könne ein Interesse daran haben, dass sie Insolvenz anmelden muss.

Godwal Montano zeigt mit seinem Daumen, wie er die aktuelle Lage der Dampfschifffahrt einschätzt.
Godwal Montano zeigt mit seinem Daumen, wie er die aktuelle Lage der Dampfschifffahrt einschätzt. © SZ/Christoph Springer

Es gibt auch andere Meinungen. Dirk Ebersbach ist Musiker. Regelmäßig spielt er auf den Dampfern. Und er ist Mitglied im 2019 gegründeten Verein "Weiße Flotte Dresden - Freunde der Sächsischen Dampfschiffahrt". Der Verein wurde gegründet, als es dem Unternehmen im vergangenen Jahr schlecht ging. Er will helfen, die Flotte zu erhalten. 

Auch Ebersbach, der Pressesprecher des Vereins, ist an diesem Freitagmorgen auf der "Cosel". Man könne mit öffentlichem Geld kein privates Unternehmen retten, meint er. Mit den Strukturveränderungen, die 2019 im Sanierungskonzept festgeschrieben wurden, könne auch eine ganz neue Zusammensetzung des Unternehmens gemeint sein. Wie bei der Porzellanmanufaktur Meißen mit dem Freistaat als einzigem Gesellschafter. Ebersbach weiß, dass die Kommanditisten, die einst die Schiffe mit ihrem Geld gekauft haben, das nicht wollen. Aber bei einer Insolvenz wären sie aus dem Rennen, ist er überzeugt.

Vorschlag aus dem Rathaus

Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) gibt mit seiner Position beiden ein wenig Recht. Mit Godwal Montano ist er sich einig, dass Dresden ohne Dampfer undenkbar ist. Das Unternehmen sei "ein Kulturgut mit besonders hohem Stellenwert", stellte er am Freitagnachmittag in einer Pressemitteilung fest. Er sei unter anderem mit dem Unternehmen selbst "immer wieder im Gespräch darüber gewesen, wie die Zukunft gestaltet werden könne". Dann kommt aber ein Satz, der Geschäftsführerin Karin Hildebrand, die im vergangenen Jahr das Sanierungskonzept auf den Weg gebracht hat, gar nicht gefallen dürfte. "Leider hat es aber bisher keine sichtbaren Bemühungen gegeben, das Unternehmen langfristig zu sichern", stellt der OB fest.

Und wie Vereinssprecher Ebersbach vertritt der OB die Ansicht, dass die Flotte ganz anders gesteuert werden muss. Er schlägt vor, dass der Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) ähnlich wie bei der Sächsischen Dampfeisenbahngesellschaft ein Mitspracherecht bekommt. Dort ist er Mehrheitsgesellschafter. Der Betrieb der Flotte müsste dann vom Freistaat finanziert werden, schlägt der OB vor. 

So könnte der VVO auf der Elbe "den Erhalt der Streckenverbindung zwischen Meißen und dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge absichern". Entscheidend sei dann auch, dass der Freistaat Investitionen in die Flotte ermöglicht. Dabei denkt Hilbert sogar an neue Schiffe: "Es braucht dringend Schiffe, die auch bei Niedrigwasser einsetzbar sind und Umsätze generieren."

Zum Schluss lässt der OB eine Idee wiederauferstehen, die vor fast 20 Jahren schon einmal in Dresden Thema war. Damals wurde sie schnell als Spinnerei eines nach Aufmerksamkeit heischenden jungen Stadtrats abgetan, jetzt wird sie vom Stadtoberhaupt wieder ins Spiel gebracht. "Auch einen Linienverkehr im Sinne des öffentlichen Nahverkehrs auf der Elbe halte ich für eine Option zum Erhalt der Dampfschifffahrt selbst", sagt Hilbert. André Schollbach (Linke) lag 2003 mit der Vorstellung, auf der Elbe könnten "Wasserbusse" mit festen Stationen fahren, vielleicht doch nicht so falsch. 

Oben auf dem Sonnendeck der "Cosel" kämen diese Überlegungen bei der Dresdnerin Ingrid Bartel an diesem Freitag gut an. Sie wird heute 85 und kann sich kein schöneres Geschenk vorstellen, als eine Schiffstour auf der Elbe. "Wir waren früher immer Wandern und haben für Zwischenabschnitte die Schiffe genutzt", erzählt sie und zeigt stolz ihr Ticket von einer solchen Tour. Das hat sie heute extra eingesteckt. Eine Linienverbindung, wie sie der OB vorschlägt, wäre dafür genau das Richtige. Vorerst ist die Jubilarin zufrieden damit, dass sie heute Schiff fahren kann und sie hofft, dass das auch in Zukunft möglich ist. "Ich mache mir Sogen, die Schiffe gehören zu Dresden", sagt die 85-Jährige. 

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