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Darum brauchen wir Reisefreiheit

Es geht um die Tourismuswirtschaft, um das Miteinander in Europa, vor allem aber um ein Lebensgefühl, das prägend war und ist für uns Ostdeutsche. Ein Leitartikel.

Nora Miethke ist stellvertretende Leiterin im Ressort Wirtschaft.
Nora Miethke ist stellvertretende Leiterin im Ressort Wirtschaft. © María José López/EUROPA PRESS/dpa/SZ

Der Sommer vor dreißig Jahren war mein erster nach dem Mauerfall. Ich gehörte zu den 1.000 Jugendlichen aus der DDR, die Francois Mitterand im Überschwang der Gefühle nach Frankreich eingeladen hatte. Wir fuhren über Brüssel und Paris bis an die Normandie-Küste, kurz vor der Währungsunion. An den ersten Tagen in Bayeux schafften wir DDR-Kinder die vier Essensgänge zum Mittag in 45 Minuten, nach zwei Wochen saßen wir fast drei Stunden am Tisch. In diesem Sommer lernte ich die schönsten, aber auch chaotischsten Seiten französischer Lebenskultur kennen. Ich genoss die Reisefreiheit. Schnell gewöhnte ich mich an sie.

Badeurlaub auf Mallorca oder Wandern in Südtirol war für Deutsche Normalität. Bis zu diesem Frühjahr, als der deutsche Außenminister wegen der Corona-Pandemie eine weltweite Reisewarnung aussprach. Die Freizügigkeit in Europa war plötzlich wieder massiv eingeschränkt. Die fehlende Reise- und Bewegungsfreiheit war wohl auch der Punkt, der einige Ostdeutsche zu dem Vergleich hinreißen ließ: „Das hatten wir doch alles schon einmal“. Die Maßnahmen eines autoritären Regimes, um das eigene System zu schützen, und die Entscheidungen zum Schutz der Gesundheit von Millionen Menschen lassen sich nicht gleichsetzen. Fakt ist jedoch: Das Coronavirus hat dafür gesorgt, dass dieser Sommer nicht wie geplant verläuft.

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27 Millionen Jobs stehen auf dem Spiel

Neben dem Problem der persönlichen Einschränkung gibt es noch ein anderes: Europa kann sich das nicht leisten.

27 Millionen Arbeitsplätze im Tourismus stehen auf dem Spiel. Der Sektor macht zehn Prozent der Wirtschaftsleistung auf dem Kontinent aus, in Spanien, Griechenland und Italien sogar 15 bis 20 Prozent. Die Angst besteht, diesen immens wichtigen Wirtschaftsbereich zu verlieren und dadurch die finanziellen Ungleichgewichte zwischen dem reichen Norden Europas und dem ärmeren Süden Europas zu verschärfen. Das veranlasst viele Regierungen, ihre Länder wieder für Urlaubsgäste zu öffnen. Noch vor wenigen Wochen schimpften die Italiener auf die herzlosen Deutschen, jetzt werben sie flehentlich um sie als Touristen.

Eine Angestellte steht in Athen vor einem Restaurant. Der Tourismus macht in Griechenland und Italien 15 bis 20 Prozent der Wirtschaftsleistung aus.
Eine Angestellte steht in Athen vor einem Restaurant. Der Tourismus macht in Griechenland und Italien 15 bis 20 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. © Petros Giannakouris/AP/dpa

„Die Sommersaison ist die Lunge Europas“ sagt Margrethe Vestager, die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission. Es sei eine Zeit, in der man die Energie für den Rest des Jahres schöpft, aber auch eine Zeit, in der Europa sich selbst kennenlernt. Viele Menschen fühlen sich erst beim Reisen als Europäer. Sie lernen die Nachbarn in der für sie besten Zeit des Jahres kennen und schätzen.

Gerade jetzt kommt es auf dieses kulturelle Element europäischer Lebensweise an. Denn die Europäische Union ist schlecht in die Pandemie-Krise gestartet. EU-Staaten haben die Grenzen zu ihren Nachbarn ohne Absprache dichtgemacht und teils den Verkauf von medizinischer Schutzausrüstung an andere Mitgliedsländer verboten. Nordeuropäer streiten mit den Südeuropäern über Finanzhilfen. In Italien sagen 70 Prozent, dass sie kein Zutrauen mehr zur EU haben. Die Corona-Krise hat die durch die Flüchtlingskrise entstandenen Risse noch vertieft. Die Aufhebung der Reisewarnung innerhalb Europas und die Wiederherstellung des Tourismus ist daher nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine kulturelle Notwendigkeit, um den Zusammenhalt des Kontinents zu stärken.

Touristen und Einheimische nehmen am Strand von Riva del Garda ein Sonnenbad. Reisen ist gut – für die Wirtschaft, aber vor allem für einen selbst.
Touristen und Einheimische nehmen am Strand von Riva del Garda ein Sonnenbad. Reisen ist gut – für die Wirtschaft, aber vor allem für einen selbst. © Archivbild/dpa

Es braucht wieder persönliche Begegnungen. Deshalb müssen die Europäer gemeinsam Wege finden, damit wir sicher Urlaub machen können, auch wenn es noch keine Impfung oder Heilmittel gegen Covid19 gibt. Zu verkünden, dass die Länder bereit sind, Touristen willkommen zu heißen, ist einfach. Schwieriger ist es, zu gewährleisten, dass Reisen machbar und sicher sein werden. In den europäischen Hauptstädten werden viele Vorschläge diskutiert, etwa das Konzept der „Reiseblasen“, also Allianzen zwischen Ländern mit ähnlich niedrigen Infektionsraten. Auch eine Kategorisierung von Regionen danach, wie gut sie das Virus eingedämmt haben, ist im Gespräch.

Letztendlich ist die Rückkehr zum normalen Reisen keine Entscheidung von Regierungen oder EU-Beamten, sondern eine persönliche. Kein noch so ausgeklügeltes Konzept und verbesserte Hygienestandards können verhindern, dass dieser Sommer anders sein wird als jeder andere. Reisen ist gut – für die Wirtschaft, aber vor allem für einen selbst. Wer Angst hat, sollte darauf verzichten. Wer es sich zutraut, kann es wieder tun. Ob man zu Hause bleibt oder nicht, die meisten werden froh sein über das Gefühl der Freiheit, reisen zu können. So wie ich vor 30 Jahren in Frankreich.

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