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„Das Produkt Profifußball wird so unglaubwürdig“

Das Ansehen der Bundesliga leidet, meint der Fanforscher Harald Lange. Er kritisiert den Umgang mit Dynamo und nimmt die aktive Fanszene in Schutz.

Geisterspiele könnten zu einem Imageverlust der Fußball-Bundesliga führen, meint der Fanforscher.
Geisterspiele könnten zu einem Imageverlust der Fußball-Bundesliga führen, meint der Fanforscher. © dpa/Hannibal Hanschke

Herr Lange, Sie als Fanforscher müssten es wissen: Haben sich die Fans über die Geisterspiele der Bundesliga gefreut?

Laut Umfragen werden sie von mehr als 50 Prozent abgelehnt. Es ist schon ein krasser Einschnitt in unsere Fußball- und Fankultur. Ich bin mal gespannt, ob es dem Profifußball nach den neun Spieltagen gelingt, wieder mehr gesellschaftlichen Rückhalt zu bekommen.

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Der Rückhalt ist vor allem bei den organisierten Fans und den Ultras verloren gegangen. Sie sind gegen Geisterspiele, obwohl oft nur so das Überleben ihres Lieblingsvereins gesichert wird.

Ein Dilemma, sicher. Die Fans sind zwiegespalten, weil sie einerseits natürlich wissen, wie wichtig die Fernsehgelder für ihren Verein sind. Andererseits lehnen sie Fußball ohne Zuschauer kategorisch ab, das geht für sie nicht. Und dann kommt hinzu, dass der Profifußball, wie er sich in den vergangenen zehn, 15 Jahren entwickelt hat, Gefahr läuft zu implodieren. Vonseiten der Vereine heißt es, dass beinahe die halbe Liga Insolvenz anmelden müsste, falls die letzte TV-Rate nicht gezahlt wird.

Dass die Vereine vor allem Wirtschaftsunternehmen sind, sollte doch nicht überraschen.

Nein, aber die wirtschaftliche Schieflage der Liga wird jetzt gerade überdeutlich. Vereine, die üppige Einnahmen aus der Champions League und aus den TV-Verträgen generieren, kommen vergleichsweise ungeschoren durch diese Krise, während andere Klubs um ihre Existenz bangen müssen. Das sind Indizien für eine Chancen-Ungleichheit – und die lässt die Fanseele hochkochen. Das führt letztlich zu Frustration und Ablehnung.

Das bedeutet, durch Corona wird die Schere in der Liga noch größer?

Eindeutig. Der FC Bayern hat vor einigen Wochen damit sogar kokettiert, als er die Verpflichtung eines Superstars ankündigte. Die Botschaft sollte wohl lauten: Uns kann die Krise nichts anhaben.

Die Geisterspiele, da besteht breiter Konsens, sind kurzfristig wirtschaftlich absolut sinnvoll. Aber können sie langfristig dem Ansehen der Bundesliga schaden?

Die Diskussionen, die darüber gerade geführt werden, sind hoch emotional. Und jeder hat auch irgendwie recht. Natürlich kann man das gesellschaftliche Ereignis Fußball auf die wirtschaftliche Dimension reduzieren und sich dann wundern, warum an Geisterspielen Kritik geübt wird. Man kann aber auch argumentieren, dass die ganzen Gelder von Sponsoren, Mäzenen und Fernsehanstalten allein deshalb ins System Fußball fließen, weil Fans dieses Ereignis seit Jahrzehnten mit Emotionen und Leidenschaft aufladen. Nur deshalb ist es so interessant, dort zu investieren. Anders formuliert: Ohne Fans ist das Produkt Fußball nichts wert.

Harald Lange (50) ist Professor für Sportwissenschaft an der Uni Würzburg, Gründer des Instituts für Fankultur e.V. und Dozent der Trainerakademie des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).
Harald Lange (50) ist Professor für Sportwissenschaft an der Uni Würzburg, Gründer des Instituts für Fankultur e.V. und Dozent der Trainerakademie des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). © Universität Würzburg

Und deshalb sind Geisterspiele nicht gut fürs Image?

Es kommt noch ein weiterer Punkt hinzu: Gesellschaftliche Krisen wie eine Pandemie führen eigentlich dazu, dass man näher zusammenrückt und gemeinsam an einem Strang zieht. Über den Fußball könnten sich viele Menschen identifizieren, Zugehörigkeit empfinden. Die Voraussetzungen wären also nicht schlecht, Imagepunkte zu sammeln. Doch seit Jahren gibt es immer wieder Protestwellen gegen Fußballbund und Fußballliga, die alle eins gemeinsam haben: Sie hatten keinerlei Konsequenzen, verliefen im Sand. Und das rächt sich jetzt. In einer Situation, in der man Solidarität erwarten könnte, gibt es eine Spaltung und eine Haltung nach dem Motto: Das wollen wir nicht mehr.

Die Vereine wiederum wollen nicht, dass sich Spieler kritisch zur Situation äußern. Einige wurden sofort abgestraft.

Es stößt vielen auf, dass offensichtlich nur noch opportune Meinungen öffentlich vertreten werden dürfen. Allenfalls ehemalige Profis haben noch eine starke Meinung, kritisieren oder tadeln. Die aktiven Stars dagegen sind meist sprachlos. Wenn dann doch einer mal eine Position vertritt, wird er sofort zurückgepfiffen und ein Maulkorb verteilt. Ein Produkt, das von Öffentlichkeit und auch von Gegensätzen lebt, wird so unglaubwürdig.

Dynamo Dresden musste am Wochenende zuschauen, die Mannschaft steckt nach zwei positiven Tests in einer zweiwöchigen Quarantäne. Wird ein Wettbewerb unter diesen Bedingungen von den Fans noch als fair wahrgenommen?

Nein. Der Reiz des Fußballs ist doch, dass man beim Anpfiff einer Partie oder einer Saison nie weiß, wie es ausgehen wird. Wenn das Prinzip der Chancengleichheit wie im Fall Dynamo jetzt überhaupt nicht mehr beachtet wird, verliert der Fußball an Dramatik und Spannung. Da gehen nicht nur Werte verloren, es schwindet auch das Interesse, selbst bei den Anhängern von Dynamos Konkurrenten.

Auch wenn es zum Auftakt am vergangenen Wochenende keinerlei Zwischenfälle gab: Einige Politiker, darunter auch der sächsische Innenminister, fürchten, dass sich Fans vor den Stadien versammeln, um ihre Mannschaft anzufeuern oder aber zu protestieren. Glauben Sie das auch?

Es gibt keine belastbaren Indizien, die dafür sprechen, dass so was eintritt. Die aktiven Fanszenen wissen um die Problematik der Ansteckungsgefahr und sind mit den Beschränkungen in den letzten Wochen sehr verantwortungsvoll umgegangen.

Wie wird sich der Profifußball verändert haben, wenn Geisterspiele nicht mehr nötig sind und Fans wieder in die Stadien dürfen?

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Man könnte alles aussitzen – genauso wie man die Fanproteste und kritischen Strömungen der vergangenen Jahre ignoriert hat. Neue bunte Bilder und Geschichten lassen alles schnell wieder vergessen. Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass man einfach so weitermacht wie bisher. Allerdings hat die Deutsche Fußball-Liga angekündigt, dass man über die Fußballkultur nachdenken will. Die Gefahr ist nur, dass man mit Verweis auf den europäischen Wettbewerb, also die Ligen in England, Spanien, Italien und Frankreich, die Diskussionen gleich wieder erstickt. Dabei geht es gar nicht nur um Gehaltsobergrenzen, sondern um viele kleine Punkte. Fans sollten nicht als Kunden betrachtet werden, sondern Teil des Systems sein. Man muss ihnen das ehrliche Gefühl geben, dass der Fußball auch ihnen gehört, sie mitbestimmen dürfen.

Das Gespräch führte Daniel Klein.

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