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Herbert Köfer: 99 und kein bisschen leise

Herbert Köfer, der älteste aktive Schauspieler der Welt, wird 99. In einem neuen Buch verrät er, was ihm Kraft gibt.

Von Rainer Kasselt
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Bis vor Kurzem stand Herbert Köfer in Dresden noch auf der Bühne. Derzeit ist er bei Lesungen und anderen Veranstaltungen zu erleben. Der 99-Jährige findet: Solange es ihm gut geht, wieso sollte er nicht weiter arbeiten?
Bis vor Kurzem stand Herbert Köfer in Dresden noch auf der Bühne. Derzeit ist er bei Lesungen und anderen Veranstaltungen zu erleben. Der 99-Jährige findet: Solange es ihm gut geht, wieso sollte er nicht weiter arbeiten? © Manfred Thomas

Was macht ein 16-jähriger Spund mit abstehenden Ohren, der berühmt werden und klassische Rollen spielen will? Er klebt die Ohren mit Mastix an und bewirbt sich an der Schauspielschule des Deutschen Theaters. Mitten im Vorspiel reißt das Band und gibt den Ohren ihre schräge Schönheit zurück. Der Direktor kann sich das Lachen nicht verkneifen und sagt: „Köfer, Köfer, Sie werden bestimmt Komiker.“

Die Prophezeiung erfüllt sich. Aus dem Eleven wird ein vielseitiger Volksschauspieler, achtfacher Fernsehliebling der DDR. Seit 80 Jahren steht der Urberliner auf der Bühne, an diesem Montag wird Herbert Köfer 99 Jahre alt. Oft wird er mit Johannes Heesters verglichen, der noch mit 107 Jahren spielte. Will er es ihm gleichtun? In seinem neuen Buch „99 und kein bisschen leise“ weicht der Jubilar dieser Frage nicht aus. „Ich gedenke nicht, in einen Alterswettbewerb mit ihm zu treten.“ Aber von Aufhören ist keine Rede. Er hat nach wie vor gut zu tun, ist mit Lesungen und anderen Veranstaltungen im Land unterwegs. „Ich kann doch jetzt noch nicht Schluss machen: Meine Frau braucht mich, mein Hund braucht mich!“

Bei diesem Mann voller Frohsinn, Energie und Unternehmenslust weiß man nie, was noch kommt. Mit 82 erfüllt er sich einen Traum und gründet „Köfers Komödiantenbühne“. Ein privates Tourneetheater, mit dem er 15 Jahre lang bis 2018 höchst erfolgreich durch die Bundesrepublik reist. An seiner Seite Kollegen wie Ingeborg Krabbe, Angelika Mann, Dorit Gäbler, Günter Junghans, Wolfgang Lippert und viele andere. Mit 92 baut er für sich und seine vierzig Jahre jüngere Frau Heike Köfer, die auch seine Managerin ist, ein Haus am Seddiner See nahe Potsdam. Was wohl wird er demnächst anfangen? Für Überraschungen ist der „älteste aktive Schauspieler der Welt“, so das deutsche Institut des Guinnessbuches der Rekorde, immer gut.

Eine solche Überraschung ist 1952 seine Kündigung am Deutschen Theater, dem er zwei Jahre angehörte. Er wechselt aus Neugier zum Deutschen Fernsehfunk, dem späteren Fernsehen der DDR, und wird beim Start des Senders am 21. Dezember 1952 der erste Nachrichtensprecher der „Aktuellen Kamera“. Diese Position füllt er nur wenige Wochen aus. Der Intendant meint kopfschüttelnd: „Du sprichst die Nachrichten nicht, du spielst sie.“

Im Sendezentrum gilt der Tausendsassa bald als „Mann für alle Fälle“. Spielt Sketche, Kabarett, Flohzirkus, moderiert den „Treffpunkt Kino“. Unterhält ein Millionenpublikum in Shows wie „Da lacht der Bär“ und „Ein Kessel Buntes“. Bis zum Aus am 31. Dezember 1991 gehört Herbert Köfer zum festen Ensemble des Adlerhofer Fernsehens.

Die großen klassischen Rollen sind es nicht geworden. Seine besondere Begabung liegt auf dem weiten Feld der Unterhaltung. Schwänke und Fernsehlustspiele machen ihn populär. TV-Serien wie „Rentner haben niemals Zeit“ oder „Geschichten übern Gartenzaun“ erhöhen seine Bekanntheit. „Doch leider war ich festgelegt auf die heiteren Rollen“, bedauert Köfer. Ausnahmen bestätigen die Regel. Er überzeugt er als brutaler Lagerführer Kluttig in Frank Beyers Defa-Film „Nackt unter Wölfen“. Und als fieser Verkäufer in der Fallada-Verfilmung „Kleiner Mann – was nun?“. An diesem Dienstag strahlt der MDR den „Polizeiruf 110 – Ein Schritt zu weit“ von 1985 aus. Köfer verkörpert einen älteren Musiker, der eine junge Frau beinahe vergewaltigt. Eine ungewöhnliche, differenzierte Rolle, die ihm Regisseur Hans-Joachim Hildebrandt auf den Leib schreibt.

Mal Tollpatsch, mal Held, mal mutig, mal feige

Bei allem Fernsehruhm: Theater ist für das Bühnen-Urgestein das Größte. Davon konnten sich auch die Dresdner überzeugen. Regelmäßig gastierte Herbert Köfer in der Comödie, spielt in Klassikern wie „Pension Schöller“ oder „Sonny Boys“. 2015 übernimmt er im Lustspiel „Opa ist die beste Oma“ erstmals eine Doppelrolle. Zwei Stunden steht er ununterbrochen auf den Brettern, ist als kinderlieber Opa ebenso hinreißend wie als perfekte Aushilfsoma mit Stöckelschuhen und Perücke.

Das neue Buch ist eine Fortsetzung seiner Autobiografie „Nie war es so verrückt wie immer …“ von 2008. Mit fröhlicher Gelassenheit lässt der Autor seine Zeit Revue passieren. „Mal war ich Tollpatsch, mal war ich Held, mal mutig, mal feige.“ Er erzählt Episoden und Anekdoten, erinnert an Kollegen, windet berühmten Mimen wie Curt Bois oder Viktor de Kowa Kränze. Die erste Begegnung mit der blutjungen Gisela May vergisst er nicht. „Sie waren dieser Lackaffe aus der Kosmetikwerbung“, knallt sie ihm vor den Latz. Er hatte aus Geldnöten für einen Cremehersteller einen Werbetrailer gedreht. Seitdem nie wieder. Als Köfer 2002 bei der Verleihung der „Goldenen Henne“ die Auszeichnung für sein Lebenswerk bekommt, hält Ursula Karusseit die Laudatio, mit der er oft zusammen agierte. Besonders freute ihn ein Geburtsgeschenk von Kollegen. Auf die Rückseite eines Porzellantellers ließen sie gravieren: „Herbert ist eine Quelle der Heiterkeit.“

Buchtipp: Herbert Köfer, 99 und kein bisschen leise, Eulenspiegel-Verlag, 176 Seiten, 14,99 Euro.

Köfer-Filme im MDR: 17.2., 20.15 Uhr „Rentner haben niemals Zeit“; 18.2., 22.50 Uhr „Polizeiruf 110 – Ein Schritt zu weit“; 20.2., 23.35 Uhr: „König Karl“; 24. 2., 23.35 Uhr „Krach im Hochhaus“