merken
PLUS

Leben und Stil

Ich, ich, ich – und dann lange nichts

Eine Chemnitzer Psychologin erklärt im Interview den Unterschied zwischen Egoismus und Selbstliebe. Und warum die so wichtig ist.

Selbstliebe erhält die psychische Gesundheit.
Selbstliebe erhält die psychische Gesundheit. © 123rf

Selbstverwirklichung, Selbstliebe und Selbstoptimierung: Unsere Gegenwart steckt voller ich-bezogener Lebensstrategien. Ziel dieser Egoismen: das persönliche Glück und Wohlbefinden steigern. Für die Mehrheit der Deutschen scheint das jedoch zu viel des Guten. Fast drei Viertel der 30- bis 59-Jährigen beklagen in einer repräsentativen Allensbach-Umfrage von 2019 den wachsenden Egoismus in der Gesellschaft. Eva Henschke forscht an der TU Chemnitz zum Thema Selbstliebe und erklärt im Interview, warum es nicht automatisch selbstsüchtig ist, an sich zu denken.

Frau Henschke, Buchläden und Onlineshops sind voll mit Ratgebern zum Thema Achtsamkeit und Selbstliebe: „Gib dir die Liebe, die du verdienst“, „Heirate dich selbst“ oder „Sei dir selbst der Partner, den du dir wünschst“, um drei Titel zu nennen. Woher rührt dieser Trend?

365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Die Fülle an Achtsamkeitsliteratur, der Boom von Yoga und Meditation hat meiner Meinung nach mit einer Entfremdungserfahrung zu tun. Wir fühlen eine Distanz zur Natur, zu unserer Arbeit, in zwischenmenschlichen Beziehungen und eben auch zu uns selbst. Denken Sie an ein einfaches Beispiel wie das Bezahlen im Supermarkt mit Selbstzahler-Kassen. Ganz alltägliche Vorgänge werden rationalisiert und technisiert, der Kontakt zu anderen Menschen nimmt ab. 

Wann hatten Sie zuletzt die Füße im Gras? Wann haben Sie mal flüchtig mit einer fremden Person ein Lächeln ausgetauscht? Aber jeder Trend ruft eine Gegenbewegung hervor. Die Erfahrung von Entfremdung wird mit dem Wunsch nach Begegnung kompensiert. Achtsamkeit und Selbstliebe sind mögliche Wege, sich liebevoll im Alltag zu begegnen.

Wie definieren Sie Selbstliebe, und warum ist sie überhaupt wichtig?

In einer Studie, die dieses Jahr veröffentlicht wird, habe ich untersucht, was Selbstliebe bedeutet. Ich verstehe sie als eine wohlwollende Haltung sich selbst gegenüber. Zentral ist die Frage, wie gehe ich mit mir um? Es gibt drei Säulen der Begegnung mit sich selbst: 

  • Erstens der Selbstkontakt. Das heißt, man nimmt sich, seine Gefühle, seinen Körper wahr. 
  • Zweitens die Selbstakzeptanz. Was ist, wird als gegeben angenommen. 
  • Drittens die Selbstfürsorge. Das bedeutet, man handelt konkret und sagt zum Beispiel eine Verabredung ab, wenn sie einem zu viel wird. Oder man gönnt sich etwas, kauft seinen Lieblingskuchen oder geht an einen Ort, der guttut. 

So erhält Selbstliebe die psychische Gesundheit. Sie macht uns widerstandsfähig gegen diverse Belastungen und Stress im Alltag.

Mit anderen Worten: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht?

Das ist ein Trugschluss. Selbstliebe wird oft als Ich-Bezogenheit und Egoismus missverstanden. Aber sie ist durchaus eine potenzialorientierte Lebensstrategie und kann positive Aspekte für das Gemeinwohl bringen. Wenn Sie mit sich im Reinen sind, haben Sie Ressourcen, anderen zu helfen und Empathie aufzubringen. Das können Kleinigkeiten sein, wie etwa einer Frau mit Kinderwagen in die Bahn zu helfen. 

Ich würde Selbstliebe daher als Chance für die Gesellschaft begreifen. Gerade heute, wo oft vom fehlenden Mitgefühl, verrohten Sitten und mangelnder Hilfsbereitschaft die Rede ist. Manchmal wird Selbstliebe auch als positiver Egoismus bezeichnet. Ich halte von dieser sprachlichen Diskussion nicht viel. Für mich besteht der Unterschied darin: Selbstliebe ist ein Wohlwollen sich selbst gegenüber, das Potenzial freisetzt, Egoismus hingegen eine reine Ich-Orientierung, bei der es ausschließlich um das Erfüllen der eigenen Wünsche geht. Das geschieht im Zweifel auf Kosten anderer.

Bedeutet der aktuelle Trend, dass unsere Gesellschaft unglücklich ist?

Da würde ich keinen unmittelbaren Rückschluss ziehen. Die Menschen haben eine Sehnsucht nach Begegnung, Gemeinschaft und Verbundenheit. Daher ist das Thema präsent. Das Konzept der Selbstliebe wird schnell dem Vorwurf ausgesetzt, andere außen vor zu lassen. Aber es ist wichtig, zu unterscheiden, dass ein „Ja“ zu mir kein „Nein“ zu dir bedeutet. Wir müssen täglich einem großen Leistungsanspruch gerecht werden und diverse Rollen bedienen. Dabei kann man schnell das Bewusstsein für sich selbst verlieren. Das kann unglücklich machen und dazu führen, keinerlei Ressourcen für andere zur Verfügung zu haben.

Die einen setzen Selbstliebe mit Egoismus gleich, andere meinen, nur wer sich selbst liebt, kann andere lieben und ist überhaupt erst kooperationsfähig. Warum polarisiert Selbstliebe so?

Rein sprachlich ist der Begriff eine Gratwanderung: Mit Selbstliebe assoziiert man schnell Selbstverliebtheit, und von dort ist es nicht weit zu Egoismus und Narzissmus. Ich denke, es ist wichtig, den Begriff zu entgiften. Egoismus und Narzissmus stehen konträr zur Selbstliebe. Sie sind sogar ein Ausdruck mangelnder Selbstliebe. Ab einem gewissen Maß kann Narzissmus eine psychische Störung sein. Kernelement ist das ausgeprägte Bedürfnis nach Bewunderung. Eigene Fähigkeiten werden deutlich besser bewertet als die anderer, Beziehungen werden manipulativ genutzt, um gewisse Ziele zu erreichen.

Sie selbst sind 30 Jahre alt. Inwiefern ist die Sinnsuche durch Selbstliebe ein Thema Ihrer Generation?

Sicher ist es so, dass ein Großteil der Menschen materiell gut versorgt ist. Das erlaubt es uns, uns mit diesen Themen zu beschäftigen. Der Begriff „First-World-Problem“ (Luxusproblem, Anm. d. Red.) ist deshalb nicht unzutreffend. Dennoch würde ich sagen, dass Selbstliebe kein rosaroter Lifestyle ist, bei dem immer die Sonne scheint und alles in Watte gepackt ist. Es bedarf einer Menge Mut, sich selbst zu begegnen. Es kann durchaus sehr tough sein, tief in sich hinein zu hören und auch negative Gefühle wie Neid, Wut oder auch Traurigkeit auszuhalten.

Wie sollte man das Selbstliebe-Experiment am besten angehen?

Sogar beim Thema Entspannung und Stressabbau dominiert heute der Optimierungsgedanke: „Ich muss noch schnell zum Yoga, dann geht’s mir besser.“ Zunächst würde ich raten, Selbstliebe nicht als Leistung zu begreifen. Generell sollte man sich auch keine Deadline setzen, ab wann man ein glückliches Leben führen will. Wenn man unzufrieden ist und sich von sich selbst entfremdet fühlt, kann man immer Familie, Freunde oder professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Ein Anfang kann sein, sich einfach mal die Frage zu stellen, welche Dinge einem wirklich guttun. Viele können das gar nicht artikulieren, weil sie allein die Frage überfordert.

Und wie verhalte ich mich nun das nächste Mal, wenn meine Freunde wieder ein Treffen spontan absagen, weil sie erst einmal an sich denken müssen?

Dann kann es helfen, sich zu fragen, was genau an der Absage für Sie problematisch ist. Fühlen Sie sich nicht wertgeschätzt oder nicht gesehen? Benennen Sie klar, dass Sie sich alleingelassen fühlen und Ihnen die Beziehung wichtig ist. Das schafft Verständnis, und so ist es wahrscheinlicher, dass der andere empathisch reagiert.

Würden Sie zustimmen, dass das Prinzip Selbstliebe Menschen mehr Verantwortung für ihre eigene Zufriedenheit aufbürdet? Wenn jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, inwiefern entlässt das auch Gesellschaft und Politik aus der Verantwortung?

Verantwortung wird heute oft als Last empfunden. Vielleicht hilft hier ein Umdenken: Verantwortung ist die Möglichkeit, sich selbst zu ermächtigen, zu gestalten, zu wachsen. Ich glaube, dass die gesunde Beziehung zu uns entscheidend für unser Wohlbefinden ist und sich auf Beziehungen und alle anderen Lebensbereiche auswirkt. Das kann ein Transformationskeim sein, um nicht nur individuell glücklich zu werden, sondern auch zu einer zufriedenen Gesellschaft beizutragen.