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Jenseits der besseren Adressen

Das Stadt Berlin an der Hohe Straße war über 100 Jahre lang Gasthaus. 1990 speiste hier Helmut Kohl.

© nikolaischmidt.de

Von Ines Eifler

Görlitz. Das „Stadt Berlin“ sieht schon lange nicht mehr einladend aus. Durchgehend beliebt ist es wohl ohnehin nie gewesen, dieses Gebäude mit Gasthof, das jetzt kaputt und verloren an der Ecke zur Hohen Straße steht, als sei es einst die Einladung zu einer Rast gewesen, bevor man in Richtung Ölberggarten, Friedhof oder des Heiligen Grabes zum Spaziergang aufbrach. Heute sind die Fenster mit Brettern vernagelt, die Räume haben kaum Flair, aber zum Glück ist das Haus so repariert, dass es nicht weiter verfällt. Viele Görlitzer erinnern sich vor allem an die Rosen, die bis vor Kurzem in den Sommern üppig im Vorgarten blühten.

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Im Erdgeschoss konnte man noch bis Anfang der 1990er Jahre einkehren. Aber fast jeder, der nach dem Stadt Berlin gefragt wird, sagt: „Da bin ich einmal drin gewesen, aber nicht öfter.“ Schnitzel gab’s da, Bier, Bockwurst und Brot, einfache Kost. Preisstufe zwei hieß das in der DDR. Der letzte Wirt, Hans Peter Kluge, hatte sich zwar hohen Besuchs rühmen können: Helmut Kohl kehrte 1990 im Stadt Berlin ein, nachdem er auf dem Obermarkt seine Wahlkampfrede vor Tausenden Görlitzern gehalten hatte. Er nahm einen kleinen Imbiss, Mineralwasser und Kaffee zu sich. In der Presse festgehalten ist das nirgends, denn Journalisten war es ausdrücklich untersagt, Helmut Kohl beim Essen zu fotografieren oder zu filmen. Hans Peter Kluge, der das Restaurant mit seiner Familie führte, sagte später, auch Sachsens erster Ministerpräsident Kurt Biedenkopf habe bei ihm mal Kaffee getrunken.

Viel geholfen hat es leider nicht. Zwar hätte der letzte Wirt das Gebäude gern wieder zum Hotel gemacht. Er erhoffte sich wie viele Unternehmer nach der Wende einen baldigen Aufschwung und dachte, das Heilige Grab werde so viele Touristen anziehen, dass sich eine Zimmervermietung in der Nähe lohnen könnte. Inzwischen aber ist das Stadt Berlin schon lange geschlossen.

Ein richtiges Hotel ist es eigentlich nie gewesen. Es gab eine Zeit, in der einige Räume über dem Gasthof als Fremdenzimmer vermietet wurden, aber hauptsächlich diente das 1863 erbaute Gründerzeithaus als Wohngebäude. Im Görlitzer Adressbuch von 1864 hat die damalige Hohegasse noch neun Hausnummern, vier Jahre später bereits 36, einige sind noch als Baustellen ausgewiesen. Von Beginn an findet sich unter den Bewohnern des Eckhauses ein Schankwirt namens Bretschneider. Eine Restauration von Karl August Wiesenhütter taucht ab 1880 auf, da hieß die Hohegasse bereits Hohestraße. Als „Stadt Berlin“ ist das Eckhaus ab 1889 näher bezeichnet, zunächst als Hausnummer 36, ab der Jahrhundertwende so wie heute als Nummer 34. In den Adressbüchern lässt sich sehr genau nachvollziehen, welche Familien in welchen Häusern wohnten und welchen Berufen sie nachgingen. Über dem Stadt Berlin wohnten dauerhaft rund zehn Mietparteien, ebenso viele im Hinterhaus. Das existiert heute nicht mehr. Mieter waren vor allem Handwerker und Arbeiter, aber auch mal ein Wundarzt oder ein Lehrer.

Von 1891 an bis in die 1940er war auch eine der über 100 Görlitzer Fleischereien im Erdgeschoss untergebracht. Die Familien des Wirtes August Wiesenhütter und des Fleischermeisters Julius Reimann kamen bis kurz vor der Jahrhundertwende miteinander aus, nach dem Tod des Gastwirtes führte dessen Witwe ab 1902 das Stadt Berlin weiter. Damals gab es einige Konkurrenz im Viertel. In der Teichstraße 12, relativ nahe am Demianiplatz, gab es das Restaurant Stadt Muskau, das sich bis nach dem Zweiten Weltkrieg mit Unterbrechungen hielt und zumindest durch seine Beschriftung auch in der DDR noch ein Begriff war. In der Hohestraße, nur vier Häuser neben dem Stadt Berlin, gab es ab 1901 die Wilhelmshöhe, ein Restaurant, das ab den 1920ern unter seinem neuen Inhaber Emil Liebehenschel auch Zimmer anbot und nach dem Zweiten Weltkrieg „Zur Höhe“ hieß. Das heutige gleichnamige Restaurant übernahm den Namen. Das nächste Gasthaus war der Berliner Hof in der Heilige-Grab-Straße 21.

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs erfuhr der Gasthof Stadt Berlin seinen ersten echten Inhaberwechsel nach fast vier Jahrzehnten. Auf August Wiesenhütter folgte der Koch und Gastwirt Artur Neumann, Anfang der 1920er Jahre der Wirt Bruno Döring. Die Fleischerei hatte schon 1910 Hermann Farak übernommen. Mit dem Gastwirt Paul Nerger erscheint 1927 der Hinweis auf Fremdenzimmer und eine Ausspanne im Zusammenhang mit dem Stadt Berlin, die Zahl der Dauermieter war allerdings schon einige Jahre zuvor auf vier bis sechs von zehn bis zwölf gesunken. Ende der 1920er kamen im Hinterhaus eine Schmiedewerkstatt und eine Schilder- und Schablonenhandlung hinzu, später auch eine Tischlerei und eine Viehhandlung. Anfang der 1930er stieg die Zahl der Mieter wieder, folglich verschwindet in den Büchern der Hinweis auf eine Zimmervermietung. Danach wechseln die Inhaber von Fleischerei und Gastwirtschaft häufiger, vermutlich kriegsbedingt. Nach 1945 teilten sich die Spinnerin Paula Mühle und die Witwe des Gastwirts Gustav Reinhold das Erdgeschoss. Im Hinterhaus finden sich eine Tischlerei, eine Maschinen-Reparaturwerkstatt und eine Galvanische Anstalt.

In Publikationen über Görlitz und auch in Zeitungsanzeigen spielt das Stadt Berlin nahezu nie eine Rolle. In der DDR gehörte es zur Handelsorganisation HO, zu deren Bedingungen es Hans Peter Kluge 1988 auch übernahm.

Der Görlitzer Architekt Frank-Ernest Nitzsche erinnert sich, dass der Immobilieninvestor Uwe Reppegather das Gebäude später kaufte und ihn Ende der 1990er mit einem einfachen Umbauprojekt beauftragte. Weil die Auflagen des Denkmalschutzes extrem hoch waren, habe Reppegather jedoch wieder Abstand genommen. Nitzsche sagt, das Haus sei damals einsturzgefährdet gewesen, man habe es nur unter Lebensgefahr betreten können.

Das ist heute nicht mehr so, denn die Stadt Görlitz hat zwischenzeitlich das Dach repariert und neue Decken eingezogen. Der Immobilienunternehmer Torsten Launer kaufte das Gebäude im vergangenen Jahr und hat konkrete Pläne. „Als Wohnhaus oder Hotel ist das Haus heute nicht mehr geeignet, so dicht an der Straße“, sagt er. Stattdessen sollen eine Tagespflege für ältere Menschen und das Büro eines Pflegedienstes hier einziehen. „Dafür ist das Gebäude ideal, weil es zentral gelegen ist.“ Noch 2018 sollen die Bauarbeiten beginnen. Und der Name Stadt Berlin soll in Zukunft auch wieder eine Rolle spielen.