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"Manche Vertriebene fühlen sich bis heute benachteiligt"

Mit dem Kriegsende 1945 begann das Leid der Heimatvertriebenen. Jens Baumann ist deren Ansprechpartner in Sachsen und erinnert daran, wie schwer sie es hatten.

Jens Baumann, Sachsens Beauftragter für Vertriebene und Spätaussiedler.
Jens Baumann, Sachsens Beauftragter für Vertriebene und Spätaussiedler. © privat

Erlebten viele Völker das Ende des Zweiten Weltkriegs als Befreiung, ging für andere das Elend erst richtig los – mit der Vertreibung aus ihren Heimatregionen, die nun jenseits des „Eisernen Vorhangs“ lagen. Kilometerlang waren die Kolonnen der Vertriebenen, die im Sommer 1945 durch Görlitz zogen. Viele blieben hier, weil sie auf eine Rückkehr hofften. Die erfüllte sich zwar nicht, aber die Vertriebenen haben viel geleistet für den Aufbau in Deutschland, aber auch für die Versöhnung mit Polen. Nun rufen die Beauftragten für Vertriebene und Spätaussiedler auf, dieses Erbe wachzuhalten.  

Herr Baumann, Sie sind Beauftragter für Vertriebene und Spätaussiedler in Sachsen. An wen richtet sich Ihr Aufruf?

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Er richtet sich zum einen an die Generation der Betroffenen, aber von ihnen leben nur noch wenige. Vor allem möchten wir mit dem Aufruf die ganze Bevölkerung daran erinnern, welcher kultureller Schatz in den ehemaligen Heimatgebieten liegt – ich sage nur Kant und Eichendorff – und wie nachhaltig die Vertriebenen unser Land geprägt haben. Wir denken, man kann Deutschland in seiner Gänze nur verstehen, wenn man sich die Leistungen etwa der Schlesier, Ostpreußen oder Sudetendeutschen vor Augen hält. Ohne ihren Anteil, den sie für den Wiederaufbau Deutschlands geleistet haben, wäre unser Land heute ein anderes. Und ihre Erfahrungen sind ein Fundus, aus dem man für Gegenwart und Zukunft lernen kann. 

Einen Bundesbeauftragten für die Vertriebenen und Spätaussiedler gibt es erst seit 2018. Warum wurde er für Sachsen ernannt?

Allein unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg kam mehr als eine Million Heimatvertriebener und Aussiedler nach Sachsen. Über 350.000 Sachsen hatten nach 1990 ein Anrecht auf die "Vertriebenenzuwendung" in Höhe von 4.000 DM. Bei etwa fünf Prozent liegt ihr Bevölkerungsanteil noch heute. Die noch leben, sind inzwischen alt, aber gerade im Alter erinnert man sich oft an lange verdrängte Erlebnisse und kann darüber sprechen. 

Als Beauftragter für Vertriebene und Spätaussiedler begleitet Jens Baumann viele Projekte über die Grenzen hinweg. Hier bei einer Ausstellungseröffnung.
Als Beauftragter für Vertriebene und Spätaussiedler begleitet Jens Baumann viele Projekte über die Grenzen hinweg. Hier bei einer Ausstellungseröffnung. © privat

Manche Heimatvertriebene fühlen sich bis heute teilweise benachteiligt, zumal es immer wieder Stimmen gibt, die das Bedauern um den Heimatverlust in die rechte Ecke schieben und meinen, die Vertreibung sei der gerechte Preis dafür, was Hitler etwa den Polen und Russen angetan hat. Hier ist es wichtig, das Leid der Vertriebenen anzuerkennen, Stellung zu beziehen und ihre Kultur, die auch unsere ist, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.  

Welche Rolle spielen dabei die Spätaussiedler?

Es hat sich gezeigt, dass die Vertriebenen als Gruppe öffentlich wahrgenommen werden, aber dass die Spätaussiedler, die vor allem aus den Teilen der früheren Sowjetunion nach Deutschland kamen, keinen echten Ansprechpartner hatten. Sie werden häufig als "Russen" abgetan, obwohl sie Deutsche nach Artikel 116 des Grundgesetzes sind. In der Sowjetunion hatten sie nur keine Möglichkeit, Deutsch zu sprechen, oder es war ihnen sogar verboten. 

Sie sagten, aus den Erfahrungen der Vertriebenen lasse sich etwas lernen. Sind Vertriebene besonders tolerant gegenüber heutigen Flüchtlingen?

Was Vertriebene sicher eint, ist die Ablehnung von Krieg und prekären Situationen in Flüchtlingslagern und Massentransporten. Sie wissen auch, dass man als Neuankömmling erst einmal scheel angesehen wird. Sie sind hilfsbereit in Notsituationen, genau wie andere auch. Aber sie wissen ebenso, dass man erst Teil einer Gemeinschaft wird, wenn man sich für sie interessiert und sich einbringt. Für die Heimatvertriebenen damals war es aufgrund der deutschen Sprache und ihrer Religionszugehörigkeit sicher oft einfacher, sich zu integrieren als für heutige Flüchtlinge etwa aus arabischen Ländern. 

Jens Baumann (3. v. l.) mit dem ungarischen Botschafter (2. v. l.) und Ungarndeutschen beim Gedenken an die Vertreibung von Deutschen aus Ungarn im November 2018 in Pirna.
Jens Baumann (3. v. l.) mit dem ungarischen Botschafter (2. v. l.) und Ungarndeutschen beim Gedenken an die Vertreibung von Deutschen aus Ungarn im November 2018 in Pirna. © Daniel Förster

Aber sie hatten es auch schwer, in ihren neuen Orten anzukommen.

Sie haben an ihren neuen Lebensorten enorme Anpassungsleistungen vollbracht. Und sie einte der Wille, dazuzugehören – die sich neu formierende Gesellschaft aktiv mitzugestalten und dabei Eigenes zu bewahren, ohne eine Parallelgesellschaft auszubilden. Viele haben berichtet, dass sie erst begannen, sich heimisch zu fühlen und angenommen zu werden, als sie zusammen mit den Einheimischen Fußball spielten, in Chören sangen oder sich in Kirchengemeinden engagierten. Und dass es eine Zeit dauerte, bis sie ganz akzeptiert wurden. 

Ist diese Anpassung im Osten Deutschlands anders verlaufen als im Westen, wo Neuankömmlinge erst skeptisch betrachtet wurden, dann aber teilweise große Karrieren machten?

Das gibt es im Osten auch. Hier durfte ja von Vertreibung nicht gesprochen werden, die Betroffenen galten als „Umsiedler“. Aber wenn man nicht auf seiner Biografie bestand, konnte man sogar in der SED hohe Positionen bekleiden. Viele Oberschlesier fanden im Bergbau im Erzgebirge Arbeit, andere wurden zu Neubauern, die nach der Bodenreform ein Stück Land erhielten und es bewirtschaften konnten, zumindest solange, bis bei der Gründung der LPGs die meisten Bauern wieder enteignet wurden. Tausende Textilarbeiter stammten aus Nordböhmen, ebenso Spezialisten aus der Glasindustrie, Musikinstrumentenmacher und Metallarbeiter. 

Besonders Männer waren nach dem Krieg rar. Die Vertriebenen konnten also einen Ausgleich schaffen? 

Flüchtlinge und Vertriebene haben in jedem Fall einen wichtigen Beitrag geleistet, indem sie fehlende Arbeitskräfte ersetzten oder halfen, neue Industriezweige aufzubauen, zu erweitern oder zu modernisieren. Das haben wir in den Wanderausstellungen "Unsere neue Heimat – Sachsen" und "Integration durch Leistung" ausführlich dargestellt. Natürlich konnte man in der DDR als Unternehmer nicht so groß werden wie im Westen, aber in Führungspositionen waren Vertriebene durchaus. Betriebe mit Wurzeln in Schlesien, die bis heute existieren, gibt es auch in Görlitz, etwa die Seilerei Goltz und das Modehaus Schwind's Erben. 

Genau wie Wanderausstellungen unterstützen Sie eine ganze Reihe deutsch-polnischer Projekte. Ist das Ihre Hauptaufgabe?

Die Projektförderung ist ein Schwerpunkt – neben der Außenwirkung und der Funktion als Ansprechpartner. Der Freistaat Sachsen stellt im Jahr 500.000 Euro für Vorhaben zur Verfügung, die der Bewahrung des kulturellen Erbes der Vertreibungs- und Aussiedlungsgebiete dienen. Ich verstehe darunter besonders Projekte, die einen landesweiten oder bildungspolitischen Ansatz haben und solche, die mit der Verständigung über die Grenzen hinweg zu tun haben. Das sind nicht nur sächsisch-polnische, sondern auch sächsisch-tschechische oder sächsisch-ungarische Vorhaben, obwohl der Anteil da geringer ist. 

Und immer geht es um Vertreibung?

Darum muss es nicht immer gehen. Wichtig sind uns auch Projekte, in denen Minderheiten eine Rolle spielen. Schließlich leben in den Heimatregionen der Vertriebenen bis heute deutsche Minderheiten, deren Nachkommen einen besonderen Kontakt zu unserem Land haben. Minderheiten sehe ich als Mehrwert für die Gesellschaft und deshalb ist der Austausch zwischen verschiedenen Minderheiten wichtig. 

Nennen Sie uns einige Partner aus der Nähe, die Sie unterstützt haben?

Wir haben zum Beispiel schon das Schlesische Museum, die Stiftung Evangelisches Schlesien oder den Verein Ars-Augusta unterstützt, der im Grenzgebiet Konzerte deutscher und polnischer Musiker organisiert, um auf die musikalischen Traditionen der Region oder auch deren Schlösser aufmerksam zu machen. Wir bewilligen aber nicht nur Fördergelder, sondern entwickeln auch Projekte mit, so etwa für Schulen oder indem wir in Knappenrode das außerschulische Begegnungszentrum "Transferraum Heimat" aufbauen, in dem über die Geschichte von Flucht, Vertreibung und Aussiedlung informiert werden soll. 

Sind in Zeiten stärkerer Nationalisierung in den östlichen Staaten grenzüberschreitende Projekte schwieriger zu bewerkstelligen?

Die große Politik, in der jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird, ist das eine. Die Verbindung zwischen Gemeinden, Städten und Menschen das andere. Globalisierung und die Bewusstseinsstärkung von Heimat, die überhaupt erst kommunales Engagement möglich macht, sind kein Widerspruch, sie ergänzen sich. Ich habe hier wie auch in unseren Nachbarländern das Gefühl, dass die persönlichen Kontakte und Verbindungen besser und enger werden. 

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