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"Prag ohne Menschen ist gespenstisch"

Marius Winzeler lebt in Prag und Görlitz. Wie schwierig pendeln bei geschlossenen Grenzen ist und ob man die Menschenleere genießen kann, erzählt er im SZ-Interview.

Der Kunsthistoriker Marius Winzeler leitet die Abteilung Alte Meister der Prager Nationalgalerie und pendelt nach Görlitz. In Tschechien herrscht seit Anfang März Mundschutzpflicht.
Der Kunsthistoriker Marius Winzeler leitet die Abteilung Alte Meister der Prager Nationalgalerie und pendelt nach Görlitz. In Tschechien herrscht seit Anfang März Mundschutzpflicht. © André Schulze

Herr Winzeler, Sie leiten die Abteilung Alte Meister der Nationalgalerie in Prag, sind aber über Ostern für zehn Tage zu Hause in Görlitz gewesen. Wie ist es, in diesen Zeiten zwischen Tschechien und Deutschland zu pendeln?

Pendeln konnte ich gar nicht. Sonst komme ich mehrmals im Monat heim nach Görlitz, aber jetzt war ich vor Ostern sechs Wochen lang in Prag. Seit Tschechien Mitte März die Grenzen zu Deutschland geschlossen hat, dürfen tschechische Staatsbürger nicht mehr das Land verlassen. Als Ausländer hätte ich zwar ausreisen dürfen, aber ich hätte nicht gewusst, ob ich auch wieder zurückkehren kann. Da ich in Prag arbeite, wollte ich das nicht riskieren. Am 20. April konnte ich nun problemlos einreisen, muss aber 14 Tage im Homeoffice in häuslicher Quarantäne bleiben.

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Sind die Regelungen in Tschechien ähnlich wie in Deutschland?

So langsam werden die Regeln auch etwas gelockert, es gibt nur wenige Corona-Fälle, aber die Regelungen sind ähnlich wie in Deutschland, nur strenger. Das sieht man am Ausreiseverbot und daran, dass von Beginn an jeder einen Mundschutz tragen muss, sogar beim Joggen, was sicherlich nicht wirksam ist. Die Polizei ist überall sehr präsent und die Strafen sind sehr hoch, wenn man gegen die Regeln verstößt. Wer ohne Mundschutz erwischt wird, zahlt umgerechnet 400 Euro. 

Und alle Einrichtungen sind zu?

Seit 10. März sind bis auf Lebensmittelgeschäfte und Drogerien alle Läden, Restaurants, Schulen und Kultureinrichtungen zu, Tschechien hat etwas eher angefangen, auf Covid-19 zu reagieren. Auch die Nationalgalerie ist geschlossen. Das Burggelände ist abgesperrt und die Burgwache, die sonst unter vielen Blicken zum Hradschin marschiert, ist für andere Aufgaben eingesetzt. Viele Menschen arbeiten zurzeit im Homeoffice, aber da ich nahe der Nationalgalerie wohne, bin ich bisher weiter ins Büro gegangen. 

Durch das menschenleere Prag. Wie ist das ohne Tausende Touristen aus aller Welt?

Man könnte es natürlich wunderbar finden, bei schönstem Wetter unbedrängt über die Karlsbrücke, den Altstädter Ring oder die Kleinseite zu spazieren. Die Touristen verschwanden, die Vögel kehrten zurück. Aber es ist auch gespenstisch, beinahe apokalyptisch, weil niemand auf den Straßen ist. Diejenigen, die noch unterwegs sind, fahren mit dem Auto. Die Fußgänger fehlen. 

Der Prager Burgplatz, sonst voller Touristen, derzeit menschenleer. Eine Nonne betet vor dem Erzbischöflichen Palais, das wegen eines Covid-19-Falls ebenfalls geschlossen ist. Das Restaurant Kuchyn im Palais Salm rechts hat wegen fehlender Besucher Insolv
Der Prager Burgplatz, sonst voller Touristen, derzeit menschenleer. Eine Nonne betet vor dem Erzbischöflichen Palais, das wegen eines Covid-19-Falls ebenfalls geschlossen ist. Das Restaurant Kuchyn im Palais Salm rechts hat wegen fehlender Besucher Insolv © Marius Winzeler

Eines der eindrücklichsten Erlebnisse für mich war, als ich eines Morgens zur Arbeit ging: Der sonst so volle Platz vor der Burg war menschenleer, doch vor dem Erzbischöflichen Palais, das wegen eines Corona-Falls ebenfalls geschlossen war, stand eine einzelne Nonne, die hinaufschaute und betete. Das war ein surrealistisches Bild. 

Sieht man in dieser Leere denn jetzt, wie viele Tschechen tatsächlich noch in der Prager Innenstadt wohnen?

Auch deshalb ist es unheimlich. Nach der Grenzschließung leerte sich Prag binnen weniger Tage, nachdem Touristen zunächst noch in kleinen Grüppchen unterwegs gewesen waren. In den ersten Tagen versuchten sich die Gastronomen noch mit Straßenverkauf über Wasser zu halten, aber das funktionierte nicht ohne Touristen. Im historischen Zentrum beiderseits der Moldau wohnen kaum noch Menschen, die in Prag leben. Die meisten Häuser sind Hotels, Pensionen, enthalten Ferienwohnungen oder werden per Airbnb an Gäste vermietet. Jetzt steht natürlich alles leer. 

Stimmt es, dass wegen der Corona-Krise viele Airbnb-Vermieter ihre Wohnung oder Häuser verkaufen mussten und Prager deshalb jetzt wieder in der Innenstadt mieten können?

Tatsächlich hatte die Airbnb-Vermietung problematische Formen angenommen, weil Vermieter im großen Stil Wohnungen ausschließlich für diesen Zweck gemietet hatten. Jetzt ist das Gerücht im Umlauf, dass diese Wohnungen eventuell wieder auf den Markt kommen, aber ob das eintrifft und ob sie dann wirklich von Einheimischen gemietet werden, ist spekulativ. Der Mietspiegel in Prag soll aber in den vergangenen Wochen bereits gesunken sein. 

Bekommen Unternehmen, Restaurants und Geschäfte in Tschechien auch staatliche Unterstützungen?

Es gibt ebenfalls einen Rettungsschirm und verschiedene Hilfsangebote, unter anderem hilft der deutsch-tschechische Zukunftsfond ganz gezielt und konkret, aber das alles wirkt nicht so umfangreich wie in Deutschland. Einige Branchen, etwa die Buchhandlungen und Verlage, sind ganz davon ausgenommen. Erste Restaurants haben bereits Insolvenz angemeldet, so das prominente Restaurant Kuchyň im Palais Salm auf der Prager Burg, in dem etwa der tschechische Premierminister mit Präsident Macron getafelt hat. Auch das Café Louvre, in dem schon Franz Kafka zu Gast war, in der Nähe des Nationaltheaters, hat so etwas angedeutet. Gerade die großen alten, berühmten Kaffeehäuser und Restaurants, die besonders auf viel Personal und auf ständigen Betrieb angewiesen sind, haben es jetzt sehr schwer. 

Wie sieht es in der Nationalgalerie aus?

Wir wollten ab Freitag nach Ostern die erste große Rembrandt-Ausstellung in Tschechien zeigen, die Leben und Werk des Künstlers umfänglich darstellt: ein Projekt in enger Zusammenarbeit mit dem Wallraf-Richartz-Museum Köln, das fast eine Million Euro kostet und in Köln schon sehr erfolgreich war. Die Prager Eröffnung mussten wir nun leider verschieben und mit den zahlreichen Leihgebern vereinbaren, wie es weitergeht. Wirtschaftlich wirkt sich das natürlich aus. Unsere Grundkosten zahlt zwar der Staat, aber für so eine Ausstellung ist die Nationalgalerie sehr stark auf Einnahmen angewiesen.

Rembrandts "Gelehrter in seinem Studierzimmer" aus dem Jahr 1634 sollte ab 17. April 2020 in der Ausstellung "Rembrandt. Porträt des Menschen" in der Prager Nationalgalerie zu sehen sein. Wegen Covid-19 wurde die Eröffnung zunächst auf den 19. Juni versch
Rembrandts "Gelehrter in seinem Studierzimmer" aus dem Jahr 1634 sollte ab 17. April 2020 in der Ausstellung "Rembrandt. Porträt des Menschen" in der Prager Nationalgalerie zu sehen sein. Wegen Covid-19 wurde die Eröffnung zunächst auf den 19. Juni versch © Montage: Nationalgalerie Prag

Zeigt die Nationalgalerie auch eigene Werke von Rembrandt?

In der Ausstellung „Rembrandt. Bildnis des Menschen“ werden neben eigenen Werken der Nationalgalerie, wie dem „Gelehrten in seinem Studierzimmer“ sowie Zeichnungen und Grafiken, hochkarätige Leihgaben etwa aus den großen Kunstmuseen in New York, Washington, Antwerpen, München, London, Wien, Budapest sowie von privaten Sammlern zu sehen sein, darunter bisher nur selten gezeigte Meisterwerke. Diese Rembrandt-Hommage entstand im vergangenen Jahr zum 350. Todestag des Künstlers. In Prag ist alles fertig aufgebaut, auch der Katalog ist im Druck, nur die Bilder fehlen noch.

Wann rechnen Sie damit, die Ausstellung eröffnen zu können?

Wir hoffen auf den 19. Juni. Es wäre zu schade, wenn wir sie in der Prager Nationalgalerie nicht zeigen könnten.

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