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Als die Flut Rothenburg erreichte

Der Deich in Rothenburg hielt dem Hochwasser 2010 stand. Trotzdem wurde der Martinshof zweimal evakuiert. Heute hat vor allem Lodenau ein Flut-Problem.

Sandsäcke aus Beton. Das Kunstwerk vor der Enoiteca Martini erinnert an die dramatischen Stunden vor zehn Jahren, als die Bewohner des Martinshofes evakuiert werden mussten. Bärbel Schuster und Achim Trobisch waren damals dabei.
Sandsäcke aus Beton. Das Kunstwerk vor der Enoiteca Martini erinnert an die dramatischen Stunden vor zehn Jahren, als die Bewohner des Martinshofes evakuiert werden mussten. Bärbel Schuster und Achim Trobisch waren damals dabei. © André Schulze

Als die Flutwelle des Witka-Stausees Görlitz erreicht hatte, dämmerte es den Rothenburgern, dass auch auf sie noch schlimme Stunden zukommen würden. Der 7. August 2010 und die Folgetage sind vielen deshalb noch gut in Erinnerung geblieben.

Als Achim Trobischs Söhne an jenem Tag zur Feuerwehr gerufen wurden, schwante ihm nichts Gutes. Und tatsächlich: "Einer schrieb mir kurz danach eine SMS, wir müssten uns auf eine Hochwasserwelle einstellen." Was dann folgte, hat der Bereichsleiter für heilpädagogische Einrichtungen im Martinshof nicht vergessen: Krisenstab, Lagebesprechungen, Evakuierungen. "Wir wussten ja nicht, wie hoch die Welle werden und vor allem ob der Damm halten würde, mussten deshalb auf das Schlimmste vorbereitet sein." Und das Wasser, weiß er noch genau, "stieg ziemlich schnell."

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Ähnlich erging es Bärbel Schuster. Heute koordiniert sie für die Diakonie St. Martin Zukunftsprojekte, vor zehn Jahren leitete sie die Altenhilfe am Martinshof. "Meine Tochter war damals beruflich im Begegnungszentrum St. Marienthal in Ostritz unterwegs. Sie rief mich an, die Wassermassen dort seien unheimlich. Da konnte ich mir natürlich ausmalen, dass wir nicht verschont bleiben würden."

Auf einmal herrschte Panik in den Häusern direkt hinter der Neiße. Alte und behinderte Menschen waren nicht darauf eingestellt, ihre vertraute Umgebung von jetzt auf gleich verlassen zu müssen. "Ich bin froh, dass viele meiner Mitarbeiter postwendend aus dem Urlaub zurückgekommen sind. Sonst hätten wir es vielleicht nicht geschafft."

Gleich zweimal mussten die Bewohner des Martinshofes vor zehn Jahren evakuiert werden: Im August und im September.
Gleich zweimal mussten die Bewohner des Martinshofes vor zehn Jahren evakuiert werden: Im August und im September. © Archiv/Rolf Ullmann

Unkompliziert packten auch Soldaten vom nahen Truppenübungsplatz und Kräfte verschiedener Hilfsorganisationen mit an. Denn nicht nur in Rothenburg musste evakuiert werden, auch in den anderen Einrichtungen des Martinshofes entlang der Neiße stand dieses Prozedere an. So wurden die Bewohner aus dem Pflegeheim Klein Priebus vorübergehend in einer Kaserne untergebracht. In Rothenburg richteten die Polizeihochschule, der Wilhelmshof und das damalige Hotel Krone Notunterkünfte ein. Bettlägerige Fälle kamen im Orthopädischen Zentrum unter.

Hochwasser im August und im September

"Der Martinshof war komplett leergeräumt", sagt Achim Trobisch und staunt fast ein bisschen über diese Leistung. "Eine solche Evakuierung kann man ja nicht üben. Es hat wirklich ein Rad ins andere gegriffen." Der aufgeweichte Damm brach dank vieler hunderter Sandsäcke auch nach Tagen nicht. Ein paar Wochen später, im September, kam allerdings schon die nächste Flut. "Das Jahr 2010 hat uns sehr viel abverlangt. Im Rückblick können wir auf die Leistung aller Beteiligten deshalb richtig stolz sein", resümiert Bärbel Schuster.

In den Nachtstunden des 7. August 2010 gab es für die Helfer keine Verschnaufpause. Permanent wurden gefüllte Sandsäcke herantransportiert, um den Deich zu stabilisieren.
In den Nachtstunden des 7. August 2010 gab es für die Helfer keine Verschnaufpause. Permanent wurden gefüllte Sandsäcke herantransportiert, um den Deich zu stabilisieren. © Archiv/Rolf Ullmann

Einer, der das steigende Wasser stets im Blick hatte, war Torsten Juckel. Für ihn ist es noch heute "die größte Sache, die ich je erlebt habe." Als Ortswehrleiter von Rothenburg hatte er den gesamten Einsatz in der Neißestadt unter sich. "Vor mir standen auf einmal 150 Leute. Bundeswehr, THW, DRK, Wasserwacht, auch die eigenen Kameraden. Die erwarteten, dass es los geht. Und dass ich die richtigen Entscheidungen treffe." Doch die Lage am Damm war gefährlich. "Die Landestalsperrenverwaltung hatte uns mitgeteilt, dass er durch den Regen der vergangenen Tage ziemlich aufgeweicht sei und brechen könne. Deshalb habe ich aus Sicherheitsgründen alle Kräfte abgezogen und die Leute erst nach reiflicher Überlegung weiterarbeiten lassen." Nach zwei Tagen entspannte sich die Lage. Die Mühe hatte sich gelohnt, der Damm gehalten.

Schießplatz in Steinbach steht unter Wasser

Dramatisch ging es auch ein paar Kilometer flussabwärts in Lodenau zu. "Der Informationsfluss nach dem Witka-Dammbruch war völlig außer Kontrolle geraten", erzählt Ortswehrleiter Clemens Ringe. "Keiner wusste, was auf uns zukommt." Deshalb wurden eifrig Sandsäcke befüllt. Dass die Celltechnik gleich neben der Neiße später teilweise unter Wasser stand, konnten die Einsatzkräfte jedoch nicht verhindern. Dies war aber nicht der einzige Schaden. Das Vereinsgebäude am Schießplatz Steinbach wurde komplett unterspült, viele Keller der Anwohner in Lodenau liefen voll. Und es sollte nicht die letzte Katastrophe in diesem Jahr gewesen sein. "Es gibt ja so eine Redensart: Wenn die Sonne ins Hochwasser scheint, kommt es in sieben Wochen wieder. Wer das nicht glauben wollte: Im September hatten wir die ganze Geschichte das nächste Mal", erinnert sich der Ortswehrleiter.

Das August-Hochwasser 2010 sorgte auch auf dem Schießplatz Steinbach für erheblichen Schaden. Das komplette Vereinshaus wurde unterspült.
Das August-Hochwasser 2010 sorgte auch auf dem Schießplatz Steinbach für erheblichen Schaden. Das komplette Vereinshaus wurde unterspült. © Archiv/Rolf Ullmann

Im Gegensatz zu Torsten Juckel ist er aber nicht zufrieden mit dem, was in den Folgejahren passierte. "In Rothenburg wurde der Deich saniert und eine zehn Meter tiefe Dichtwand eingezogen. Die Deichkrone liegt jetzt noch höher", erklärt er die Sicherheitsvorkehrungen. In Lodenau sei das Problem dagegen noch immer ungelöst, meint Clemens Ringe und nennt den wunden Punkt: "Wir brauchen einen Nord- und Süddeich, oberhalb unseres Ortes und unterhalb der Celltechnik." Dies zu bauen, habe man den Lodenauern nach der Katastrophe 2010 zugesagt. Doch passiert sei bisher fast nichts. Immerhin soll es in Kürze eine öffentliche Informationsveranstaltung geben. "Am 31. August lädt die Landestalsperrenverwaltung um 17 Uhr ins Haus der Vereine am Sportplatz ein." Dass der Deichbau danach schnell über die Bühne geht, glaubt er nicht. "Da ist Flächenerwerb nötig. Und das kann dauern."

Digitalfunk an der Neiße funktioniert nicht

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Ein zweites Problem nehmen die Feuerwehrleute aus Rothenburg, Lodenau und Nieder-Neundorf inzwischen schon mit Galgenhumor: Der Digitalfunk lässt weiterhin zu wünschen übrig. Torsten Juckel: "Alles was östlich der S127 liegt, hat Pech. Da gibt es einfach keinen Empfang. Für uns ist das bitter, weil der Martinshof dadurch nur eingeschränkt erreichbar ist." Immerhin gibt es inzwischen eine sogenannte ortsfeste Landfunkstelle. "Damit können wir die Leitstelle Hoyerswerda entlasten und die Kräfte im Einsatzfall von hier aus führen", sagt der Stadtwehrleiter. Zudem wurden die Ortswehren seit 2010 technisch aufgerüstet: Die Stadt investierte mithilfe von Fördergeldern in Mannschaftstransportwagen, Schmutzwasserpumpen und Stromerzeuger.

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