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"Mein Sohn wird in der Schule gemobbt"

Torsten Reitz sorgt sich, weil sein Junge und andere Dresdner Grundschulkinder bedroht, beleidigt und angegriffen werden. Er gründete sogar eine Initiative.

Der Sohn von Torsten Reitz wird bedroht und angegriffen. Nun geht der Vater an die Öffentlichkeit, weil Schule und Hort aus seiner Sicht zu wenig unternehmen.
Der Sohn von Torsten Reitz wird bedroht und angegriffen. Nun geht der Vater an die Öffentlichkeit, weil Schule und Hort aus seiner Sicht zu wenig unternehmen. © Sven Ellger

Dresden. Wann ist es eine harmlose Rauferei unter Kindern - und wann sollte ich als Vater oder Mutter einschreiten? Diese Frage stellen sich Eltern wohl immer wieder. Für den Dresdner Vater Torsten Reitz steht mittlerweile fest: Sein Sohn wird systematisch attackiert, von Schülern, die dieselbe Schule besuchen. Regelmäßig gebe es Stress in der vierten Klasse der Grundschule Naußlitz im Dresdner Westen. 

Doch nicht nur dort: Auch eine Mutter, deren Tochter die dritte Klasse besucht, berichtet, dass es immer wieder zu Gewalt unter den Kindern kommt. Das, was mit den "Angreifern" passiert, geht beiden Eltern nicht weit genug. "Meine Tochter hat Kratzspuren, ihr Freund blaue Flecken", erzählt die Mutter. "Und das an einer Grundschule." Beide machen sich Sorgen um ihre Kinder, fühlen sich allein gelassen von der Schul- und Hortleitung, sagen sie.

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Was dazu bekannt ist, was die Behörden tun und was ein Kinderexperte Eltern rät, deren Kinder von Gewalt und Mobbing in der Schule betroffen sind.

Was berichten die Eltern von den Übergriffen an der Grundschule?

An der Grundschule gibt es offenbar mehrere Kinder, die anderen gegenüber handgreiflich werden. Torsten Reitz betont, dass es deutsche Kinder seien, die gewalttätig sind. Immer wieder. Neben verbalen Attacken und Beschimpfungen wie "Du Fettsack", wurde ein Junge aus der ersten Klasse an der Bushaltestelle verprügelt, ein Mädchen sei so stark gewürgt worden, dass der Notarzt kommen musste. Dieser habe dann auch die Polizei rufen müssen.

Torsten Reitz berichtet, dass unter anderem sein Sohn letztes Jahr Opfer eines bestimmten Jungen wurde, der auch ihn mehrfach beleidigte und körperlich attackiert. "Im November vergangenen Jahres saß mein Sohn im Hort auf dem Fußboden im Klassenzimmer und las ein Buch. Da kam der Junge, riss ihm das Buch aus den Händen, zog ihn hoch, schupste ihn hin und sprang ihm mehrfach mit seinen Knien in den Rücken, auf die Wirbelsäule", erzählt Reitz. Der Vater macht sich Sorgen, man spürt, dass ihm das Thema nicht egal ist, dass er seinen Jungen schützen will. Er fühlte sich in dieser Situation etwas orientierungslos.

"Ich habe das Gefühl, dass diese Vorfälle nicht richtig ernst genommen werden", sagt auch die Mutter, deren Tochter betroffen ist. Wer übergriffig wird, müsse kaum Konsequenzen befürchten. "Deshalb ändern die Kinder auch ihr Verhalten nicht." Nur reden würde da nicht ausreichen, es müssten deutlich Grenzen aufgezeigt werden. Auch mit entsprechenden Strafen. Sie fordert spürbare Konsequenzen - "wie den Schulhof kehren vielleicht." Und sie wünscht sich mehr Personal an den Schulen, Schulsozialarbeiter und -psychologen. 

Warum das Klima an den Schulen so rau sei, könne sie sich nicht erklären. "Vielleicht liegt es an der falschen Erziehung. Die Kinder haben zu viele Freiheiten." Ihrer Tochter mache die Situation echt zu schaffen, sie wollte nicht mehr zur Schule gehen. "Mittlerweile sagen wir ihr, dass sie sich verteidigen soll. Und verletzen damit eigentlich unsere eigene Regel - nämlich Probleme nicht mit Gewalt zu lösen."

Was haben die Eltern bislang unternommen?

Mehrere Eltern hätten bei Vorfällen mit ihren Kindern bereits Strafanzeige gestellt, wurde Torsten Reitz berichtet. Gebracht habe das bislang allerdings nichts - die Situation mit den einzelnen Kindern, die andere mobben, sei unverändert. Das bestätigt auch die Mutter, die ebenfalls Anzeige erstattet hat.

Bevor Torsten Reitz mit dem Problem jetzt an die Öffentlichkeit geht, habe er außerdem Kontakt zur Schul- und Hortleitung, zum Landesamt für Schule und Bildung (Lasub) und zum Eigenbetrieb Kindertagesstätten, der für den Hort zuständig ist, gesucht.

Was sagen die Behörden zu den Vorfällen?

Die Behörden bestätigen, dass ihnen die Fälle an der Grundschule bekannt sind. "Es gab an der Grundschule einige Fälle von Gewaltanwendung", räumt Lasub-Sprecherin Petra Nikolov ein. Diese seien durch die Schule und den Hort aber umgehend aufgearbeitet worden. "Entsprechende Belehrungen sind erfolgt, präventive Maßnahmen sind ein regelmäßiger Bestandteil an allen Schulen." Dazu gehören Streitschlichter, Sozialtrainings, Projektwochen gegen Gewalt, regelmäßige Besuche der Präventionsstelle der Polizei. Die Beamten hätten die Schule bei Gesprächen mit allen Beteiligten auch beraten.

Schulen würden immer prüfen, wie die Stufen der Gewalt zu bewerten sind, so Nikolov weiter. Gewalt sei in der Kindesentwicklung kein unbekanntes Phänomen. "Unsere Pädagogen können aufgrund ihrer Erfahrung aber relativ gut einschätzen, ob es sich um eine 'Rangelei' oder um ein schwerwiegenderes Problem handelt." Sind pädagogische und erzieherische Maßnahmen erschöpft, könnten Schulleitungen mit Ordnungsmaßnahmen reagieren. 

Das genaue Vorgehen ist im Gesetz beschrieben. Wenn das alles nichts bringt, kann ein Schulausschluss die letzte aller Maßnahmen sein, erklärt die Lasub-Sprecherin. Das alles sei an der besagten Grundschule aber wohl nicht nötig: Selbst die Polizei habe festgestellt, dass die Vorfälle der Gewalt an dieser Grundschule nicht anders als an anderen Grundschule sind.

Zu konkreten Fällen könne man sich aus Datenschutzgründen zwar nicht äußern, teilt Marco Fiedler, Fachbereichsleiter im Eigenbetrieb Kindertagesstätten auf SZ-Anfrage mit. Allerdings habe sich beim Eigenbetrieb ein Standard etabliert, wie bei solchen Vorfällen vorgegangen wird. So werde der Fall mit allen Beteiligten ausgewertet sowie die Eltern und Leitung informiert. Wenn nötig, wird ein Schutzkonzept erstellt - etwa, wie betroffene Kinder sich verbal verteidigen und Hilfe holen können. 

"Dass Eltern sich besorgt zeigen, können wir gut nachvollziehen", so Fiedler. Neben den Eltern würden aber auch die Erzieher dazu beitragen, dass die Kinder befähigt werden, Konflikte ohne verbale oder körperliche Gewalt zu lösen. "Das kann in Einzelfällen durchaus schwierig sein", räumt er ein. 

Was rät ein Kinderpsychiater?

Auch Veit Roessner, Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum meint: "Gewalt unter Kindern gab es schon immer, ohne das schönreden oder verharmlosen zu wollen." Der Experte rät den Eltern: "Wir Erwachsenen sollten Sicherheit, Zuversicht und Ruhe vermitteln." Auf jeden Fall sollten Eltern versuchen, dass die Schule sofort und nachdrücklich die Sorgeberechtigten des gewalttätigen Kindes - egal was wirklich vorgefallen ist - zu einem gemeinsamen Gespräch mit Lehrern und Elternsprechern einlädt. Dort sollte eine Lösung für alle Kinder gesucht werden.

"Dabei sollten klare Aufgaben und Zeitlinien besprochen werden, also was machen die Lehrer, was die Sorgeberechtigten des Kindes und was besprechen die anderen Eltern mit ihrem Kind bis wann." Danach sollten alle Eltern möglichst dasselbe sachliche Gespräch mit ihrem Kind führen. Und erklären, dass das andere Kind derzeit Probleme habe, um die sich die Erwachsenen aber kümmern. Sollte es Anzeichen geben, dass wieder etwas passiert, muss das Kind Hilfe vom Lehrer holen. 

Kinder- und Jugendpsychiater würden schon lange dafür werben, dass auch Schulsozialarbeiter besser auf solche Situationen vorbereitet sind. Denn ein Großteil der Probleme erfordere entsprechende Kompetenzen. Zwar werde erkannt, dass ein Kind aggressiv ist, aber dann passiere häufig nichts Zielführendes. Deshalb hofft Roessner, dass ein neues Projekt in Sachsen, bei dem Kinderpsychiater Lehramtsstudenten und Referandaren, aber auch Lehrern in Weiterbildung entsprechende Fähigkeiten vermitteln, weiter gefördert wird. Denn es werde sehr sehr gut angenommen.   

Was unternehmen die Eltern jetzt?

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Mit der Initiative "Schule ohne Gewalt" will Torsten Reitz nun Eltern, deren Kinder ebenfalls Opfer von Gewalt sind, eine Plattform bieten. Zum Austausch und um Unterstützung zu finden. "Ich war anfangs selbst orientierungslos, wusste nicht, wohin ich mich mit meinem Problem wenden muss", sagt Reitz. Seine Erfahrung will er weitergeben, will anderen Eltern in Gesprächen mit Schulen und Behörden helfen. Und er fordert: "Wegsehen, unter den Tisch kehren und totschweigen müssen aufhören. Die Schul- und Hortleitung sollen endlich klare Position gegen Gewalt und Mobbing beziehen – Null Toleranz gegen Gewalt mit Konsequenzen, so wie es auch die Landeshauptstadt Dresden in ihrer Grundsatzerklärung niedergeschrieben hat."

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