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Bleibt der Mohr der Görlitzer Apotheke erhalten?

Bundesweit ist der Name Mohr wieder umstritten, in Berlin wird gar eine Straße umbenannt. In Görlitz würde eine Tradition nach 130 Jahren enden.

Der Kopf über dem Eingang der Görlitzer Mohren-Apotheke erinnert an die Heilkunst aus dem Orient.
Der Kopf über dem Eingang der Görlitzer Mohren-Apotheke erinnert an die Heilkunst aus dem Orient. © Nikolai Schmidt

Zigeunerschnitzel begannen schon vor einigen Jahren aus den Speisekarten zu verschwinden, jetzt sind auch die Tage der Zigeunersauce gezählt. Aus Mohrenküssen wurden Schaumküsse, die Mohrenstraße in Berlin-Mitte wird gerade umbenannt und der gleichnamige Berliner U-Bahnhof würde schon wie die nahe Glinkastraße heißen, hätte man nicht rechtzeitig bemerkt, dass der russische Komponist Michail Glinka ein überzeugter Antisemit war.

Mohren-Apotheken erinnern an biblischen Weisen

Wer vor allem unter der aktuell wieder aufgeflammten "Mohren-Diskussion" zu leiden hat, sind die Mohren-Apotheken. Rund 100 gibt es davon in Deutschland, teilweise reicht ihre Tradition bis ins 17. Jahrhundert oder noch länger zurück. Eine davon ist die Görlitzer Mohren-Apotheke, gegründet vor fast 130 Jahren. Im historischen Adressbuch ist sie erstmals 1891 Ecke Luisenstraße, Mittelplatz nachgewiesen. 1902 zog sie auf den damaligen Dresdner Platz um, der heute Lutherplatz heißt. Seit den 1970ern wird sie von der Görlitzer Apothekerin Gisela Steckel geführt, die seit 1991 Inhaberin ist. 

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Bis heute ist die Mohren-Apotheke auf dem Görlitzer Lutherplatz in der Innenstadt West geöffnet. Mohren-Apotheken gibt es in Görlitz seit 130 Jahren.
Bis heute ist die Mohren-Apotheke auf dem Görlitzer Lutherplatz in der Innenstadt West geöffnet. Mohren-Apotheken gibt es in Görlitz seit 130 Jahren. © Nikolai Schmidt

Ob in Frankfurt, Ulm, Wien, Coburg, Berlin – überall kennt man die Diskussion: Die einen sagen, der Name der Mohren-Apotheken diskriminiere Menschen mit dunkler Hautfarbe und gehöre geändert. Die anderen berufen sich auf die gute Absicht von einst. In Coburg, wo der "Mohr" sogar Teil des Stadtwappens ist, verehrte man früher den Heiligen Mauritius, der aus Oberägypten stammte und im dritten Jahrhundert ein christlicher Märtyrer war. Auch die Mohren-Apotheken berufen sich auf einen christlichen, nicht diskriminierenden Hintergrund: Einer der Heiligen drei Könige, die das Jesus-Kind beschenkten, wird meist als dunkelhäutig angenommen: ein Weiser aus dem Morgenland, der heilsame Myrrhe bringt – ein Arzt. 

Mittelalterliche Heilkunst aus dem Orient

Der Nürnberger Mohren-Apotheker Wilhelm Bouhon begründet so, warum er keine Veranlassung sieht, den Namen seines Geschäfts zu ändern. Er wurde auch noch nie dafür angegriffen. Die Mohren-Apothekerin Teresa Marosi in Wien hingegen wurde so oft wegen des vermeintlich diffamierenden Namens beschimpft, dass sie über eine Änderung nachdenkt. 

Auch sie beruft sich auf die Wertschätzung der Heilkunst hinter dem Namen der Mohren-Apotheken: "In Europa zur Zeit des Mittelalters war die Medizin noch völlig unentwickelt. Wirksame Heilmittel kamen aus Afrika und dem Orient", schreibt sie auf ihrer Homepage. Es sei wichtig, die Erinnerung an diese Heiler am Leben zu erhalten. "Wir sind uns aber bewusst, dass der Begriff für viele Menschen diskriminierend und verletzend ist, und arbeiten an einer Neugestaltung."

"Mohr" mit Turban über dem Eingang

Die Görlitzer Mohren-Apothekerin hatte der Erinnerung an die Heilkunst aus dem Morgenland neuen Ausdruck verliehen, als sie in den frühen 1990ern den Kopf des historischen "Mohren" mit Turban wieder über dem Eingang ihrer Apotheke anbringen ließ. In der DDR war die Figur weiß übertüncht, entfernt und schließlich fast entsorgt worden. Nur durch einen glücklichen Zufall erhielt die Apothekerin ihn zurück und konnte ihn liebevoll restaurieren lassen. 

Jemand hat der Görlitzer Mohren-Apotheke Ö-Strichchen aufgesetzt.
Jemand hat der Görlitzer Mohren-Apotheke Ö-Strichchen aufgesetzt. © Ines Eifler

Und die andere, kritische Seite? Für die Änderung des Namens hat bereits jemand Fremdes gesorgt. Doch Gisela Steckel nahm es gelassen, als vor einiger Zeit jemand den Schriftzug per Graffiti-Spray zur „Möhren-Apotheke“ änderte. Sie zieht es vor, zu diesem Thema öffentlich keine Aussage zu treffen.

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