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Leben und Stil

Müssen Zweijährige schon Sport treiben?

In Sachsens Krippen und Kindergärten gibt es viele Bewegungsangebote. Aber die reichen nicht, sagen Sportpädagogen.

Jeden Dienstag gehen Magdalena und ihre Mama Dörthe Uhlmann in Dresden zum Kindersport. Die Mutti macht mit.
Jeden Dienstag gehen Magdalena und ihre Mama Dörthe Uhlmann in Dresden zum Kindersport. Die Mutti macht mit. © Thomas Kretschel

Magdalena flitzt zu einem Haufen bunter Seile, greift sich ein rotes heraus, rennt zurück und übergibt es an ihre Mama. Dörthe Uhlmann legt es zu einem Kreis. Nun wird abwechselnd hinein- und herausgesprungen. Magdalena ist zweieinhalb Jahre alt. Jeden Dienstag besucht sie mit ihrer Mutter einen Kindersportverein in einer Dresdner Turnhalle. „Das ist ein fester Termin, den wir beide zusammen haben“, sagt Mama Dörthe. Ihr Mann und sie sind in der Freizeit sportlich aktiv, fahren Rad, spielen Volleyball. Sie möchten, dass Sport für ihre Tochter genauso selbstverständlich zum Leben dazugehört. Aber muss das schon mit zwei Jahren sein?

Ab wann ist Sport für Kinder sinnvoll?

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Bewegung ist für die geistige und körperliche Entwicklung essenziell wichtig. Sie hilft, synaptische Verknüpfungen im Gehirn anzulegen, Muskeln aufzubauen und Knochen zu stabilisieren. Wer körperlich fit ist, ist es meist auch geistig. Zahlreiche Studien belegen das. „Man kann gar nicht zu zeitig damit beginnen“, sagt Sportwissenschaftler Andreas Marschner. Er hat vor fünf Jahren den Kindersportverein Kidds gegründet, in dem Magdalena Sport treibt. Gibt es in der Kindheit zu wenig Bewegungsanreize, kann das später zu Übergewicht, Gleichgewichtsproblemen, Stürzen und Koordinierungsschwierigkeiten führen, sagt Bärbel Haine vom Landessportbund Sachsen.

Wie viel Bewegung brauchen Kinder eigentlich?

„Es gibt kaum Kinder, die keine Lust haben, sich zu bewegen“, sagt Sabine Zubrägel, Sportpädagogin beim Portal „Junge Sachsen in Bewegung“. Im Normalfall tun sie das in ausreichendem Maß. Sie hopsen, rennen, drehen sich, balancieren bei jeder Gelegenheit. „Wichtig ist, dass dieser Drang nicht ausgebremst wird“, sagt Bärbel Haine. Im Alltag, wenn Familien in Hektik sind, ist das allerdings nicht immer leicht. Werden Kinder älter, lässt ihr Bewegungsdrang nach. Mindestens 90 Minuten sollten sich Kinder ab vier Jahren pro Tag in mittlerer bis höherer Intensität bewegen, also zum Beispiel gehen, rennen, hüpfen, Rad fahren. Das empfiehlt eine nationale Expertenkommission für das Kindesalter. „Diese Minuten können über den Tag hinweg in verschiedenen spontanen oder angeleiteten Bewegungsphasen gesammelt werden. Sitzzeiten sind auf maximal zwei Stunden täglich zu begrenzen“, heißt es in einer Studie des Sozialministeriums, in der die motorische Leistungsfähigkeit von vier- bis sechsjährigen Kindergartenkindern in Sachsen untersucht worden ist.

Wie viel Sport wird im Kindergarten gemacht?

Das bleibt den Erziehern selbst überlassen, denn der sächsische Bildungsplan für Kitas legt keine bestimmte Anzahl von Sportstunden pro Woche fest. Die Bewegung wird in den ganz normalen Kita-Alltag eingebaut. „Sei es bei einem Spaziergang mit einem Wettrennen auf einer Wiese oder durch das Spielen im Außenbereich mit Klettergerüsten, Rutschen, Seilspringen, Hüpfen auf einem Bein“, sagt Susann Meerheim vom Kultusministerium. In Sporträumen wird gezielt geübt.

Reicht das Sportangebot in Kindergärten aus?

Nein, sagt Haine. „Ideal wäre es, wenn es täglich eine Bewegungsstunde unter Anleitung gäbe – in einem dafür vorgesehenen Raum.“ Denn dort lernen Kinder viel mehr als die sportlichen Aufgaben: Sie hören auf Anweisungen, stellen sich in einer Reihe auf, warten, bis sie dran sind, schreien nicht laut durcheinander, bilden Teams. „Turnhallendisziplin“ nennt das Andreas Marschner. Ein zusätzliches Sportangebot kann daher sinnvoll sein. „Ich rate vor dem Schulanfang dazu“, so Haine. Denn viele Kinder kämen schon mit koordinativen oder motorischen Defiziten in die Schule, die nur schwer aufzuholen seien.

Welcher Sport ist ab welchem Alter geeignet?

„Bei Kindern zwischen drei und sechs Jahren geht es vorrangig um die Bewegungsfreude“, sagt Zubrägel. Dass sie Sport mit Spaß und nicht mit Zwang verbinden, sei das Wichtigste. Eltern sollten sie deshalb ausprobieren lassen, worauf sie Lust haben. Eine bestimmte Sportart zu trainieren, mache in dem jungen Alter noch keinen Sinn, so Marschner. Wichtig sei, viele verschiedene Bewegungsarten anzubieten. Das schule spezifische motorische Fähigkeiten und sportartspezifische Grundfertigkeiten wie fangen und werfen, die auf den Schulsport vorbereiten.

Wie führe ich mein Kind am besten an Sport heran?

Am besten so wie Familie Uhlmann. „Vor allem kleine Kinder orientieren sich sehr an dem, was ihre Eltern machen, sie sind ein wichtiges Vorbild“, sagt Marschner. Bauen Eltern sportliche Aktivitäten ganz selbstverständlich in den Alltag ein, wachsen ihre Kinder damit auf. „Das schult fürs Leben“, so Zubrägel. Günstig sind Vereine oder Sportgruppen, bei denen gemeinsam trainiert wird, ohne sich auf eine bestimmte Sportart festlegen zu müssen. So handhabt es zum Beispiel der Verein Chemnitzer Wiesel. „Wir sehen Bewegung als familiäres Erlebnis. Es ist für die Kinder toll, wenn sie sehen, wie ihre Eltern sich bewegen“, sagt René Jäntsch vom Verein. Wichtig seien nicht nur Spaß und Abwechslung, sondern auch Lob und Anerkennung.

Wie viele Vorschulkinder treiben in sächsischen Vereinen Sport?

Im Landessportbund Sachsen sind zurzeit 37.793 Kinder im Alter von null bis sechs Jahren organisiert. Die meisten von ihnen starten kurz vor der Einschulung mit dem Vereinssport. „Viele Vereine suchen aber auch schon sportliche Talente im Vorschulalter ab fünf Jahren“, sagt Annegret Müller vom Landessportbund. „Für die Altersgruppe zwischen anderthalb und fünf bis sechs wird es aber schwierig, etwas zu finden“, sagt Marschner. Meist scheitere es an geeigneten Übungsleitern für den Kleinkindbereich. „Das müssen Sportler und Pädagogen sein, sonst sind sie schnell überfordert.“ Auch beim Chemnitzer Wiesel gibt es für die Altersklasse kein eigenes Angebot. „Das können wir im Moment noch nicht abdecken“, so Jäntsch.

Magdalenas Wangen sind gerötet, ihr Zöpfchen wackelt bei jedem Sprung. Der Sport ist für sie ein Höhepunkt in der Woche. „Sie freut sich darauf“, sagt ihre Mama, die ihr extra Turnschuhe und ein Dress gekauft hat. Geht es zum Kinderturnen, läuft Magdalena mit wichtiger Miene zur Garderobe und nimmt stolz ihren Beutel.

Für Vorschulkinder von drei bis sechs Jahren gibt es das Sportabzeichen des Landessportbundes, „Flizzy“. Hier können sich Kindergärten und Vereine anmelden.


Fünf Bewegungstipps für den Alltag

Zähneputzen auf einem Bein: Dabei muss das Kind balancieren. Das fördert komplexe Hirnfunktionen wie Reaktionsschnelligkeit und Aufmerksamkeit.

Gehwegplatten überspringen: Hüpft das Kind zum Beispiel auf dem Weg zur Kita über Platten und Steine, schüttet sein Gehirn den Botenstoff BDNF aus. Er regt das Wachstum von Nervenzellen und ihre Vernetzung an.

Radio laut aufdrehen und lostanzen: Dreht sich das Kind und wackelt richtig mit den Hüften, hat das Gehirn viel zu tun. Die vielen optischen Eindrücke aktivieren es optimal. Das ist gut für Orientierungssinn, räumliches Vorstellungsvermögen und logisches Denken.

Für den Weg zum Bäcker schnell aufs Rad: Dass sich beim Radeln Arme und Beine koordiniert bewegen, hilft dem Hirn, Informationen im Arbeitsgedächtnis effizienter zu verarbeiten. Das schult unter anderem die Erinnerungsfähigkeit.

Ball spielen: Fangen und Werfen aktiviert beide Gehirnhälften – und den ganzen Körper. Das trainiert das räumliche Vorstellungsvermögen, Reaktionsschnelligkeit und Wahrnehmung – und schult, die Strategie der anderen zu verstehen.

Quelle: Magazin Eltern family, Heft April 2019

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