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Pflege allein zu Haus

Tageseinrichtungen sind wegen Corona geschlossen. Ein Fall aus Freital zeigt, welche Herausforderungen das für Angehörige und Beschäftigte bedeutet.

Mehrmals täglich schaut Kerstin Sobe bei ihrer demenzkranken Mutter vorbei, übernimmt die Körperpflege und versucht, Rituale beizubehalten.
Mehrmals täglich schaut Kerstin Sobe bei ihrer demenzkranken Mutter vorbei, übernimmt die Körperpflege und versucht, Rituale beizubehalten. © Ronald Bonß

Von Kornelia Noack

Es sind die ständigen Sorgen, die Kerstin Sobe derzeit kaum schlafen lassen. Jede Nacht wird die Bannewitzerin wach, dann kreisen die Gedanken um ihre Mutter Helga Winkler. Seit vier Jahren leidet die 85-Jährige an Demenz, hat Pflegegrad drei. Sie lebt noch allein in ihrem Haus in der Nachbarschaft des kleinen Ortes, braucht aber Betreuung für die ganz alltäglichen Handgriffe. Oft fehle die Orientierung, mit dem regelmäßigen Essen sei es schwierig, und manchmal erkenne sie die eigene Familie nicht, sagt Kerstin Sobe.

Besser sei es erst geworden, als sie ihre Mutter in einer Tagespflege im nahen Freital angemeldet habe. In der Einrichtung „Zur alten Feile“ des Deutschen Roten Kreuzes wusste sie sie fünfmal pro Woche bis zum Nachmittag gut aufgehoben. Gemeinsam mit den Pflegekräften sei es gelungen, einen strukturierten Tagesrhythmus zu finden. „Dazu kam das Erlebnis der täglichen Busfahrt, die Beschäftigung in der Gruppe, die Betreuerinnen, die sich liebevoll kümmern“, erzählt Sobe.

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Die Corona-Krise hat nun nicht nur ihr Leben durcheinandergewirbelt, sondern auch das der pflegebedürftigen Mutter. Denn seit dem 20. März sind alle Tagespflegeeinrichtungen in Sachsen geschlossen. Wann sie wieder öffnen dürfen, ist noch fraglich. „Das ist für die Pflegebranche eine extreme Situation“, sagt Igor Ratzenberger, Landesvorsitzender des Verbandes privater Anbieter sozialer Dienst, der rund 700 Betreuungseinrichtungen im Freistaat vertritt. 

Es dürfe zwar eine Notfallversorgung angeboten werden, jedoch nur für Menschen, deren Angehörige in einem Bereich arbeiten, der „zur Aufrechterhaltung der wichtigen Infrastruktur notwendig“ ist – wie es offiziell heißt. Selbst dann sei die Tagespflege aber geschlossen und Mitarbeiter würden zu den Betroffenen nach Hause fahren, sagt Ratzenberger.

Fast genau drei Wochen ist es her, dass Kerstin Sobe den Anruf aus Freital erhielt. „Ich habe erst am Wochenende erfahren, dass ab Montag die Einrichtung zu ist“, erinnert sie sich. Von einem Moment auf den anderen musste sie, wie auch Tausende andere Angehörige, umdenken, war nun mit der Betreuung ihrer Mutter auf sich gestellt. 

„Ich bin bereits Rentnerin. Wie sollen das aber nur Angehörige schaffen, die noch im Berufsleben stehen?“, sagt Kerstin Sobe. Für sie sei es vor allem eine große mentale Belastung. „Ich bin sonst eher eine Macherin, aber jetzt fühle ich mich oft hilflos“, sagt sie, obwohl sie vorher schon viel über Demenz gelesen habe.

Papierkram statt Beschäftigung

Sobe fährt jetzt jeden Morgen um 7 Uhr herüber, weckt ihre Mutter, macht ihr das Frühstück, hilft bei der Körperpflege. Nachmittags gehen sie meist eine Runde im Ort spazieren, in dem sie ihr Leben lang schon leben, in dem fast jeder jeden kennt. Für Kerstin Sobe ist das in der jetzigen Situation ein Glücksfall. Als ihre Mutter einmal allein nicht zurückfand, riefen Bekannte sie zu Hilfe. Gemeinsam brachten sie sie nach Hause. 

Auch sonst schauen die Nachbarn nun einmal mehr hin, wenn die rüstige alte Dame rund um ihr Grundstück unterwegs ist. Am späten Nachmittag dann sind es wieder feste Rituale: Essen, Waschen, Zubettbringen. Das alles hilft Helga Winkler dabei, sich in ihrer Welt besser zurechtzufinden. Doch die Frage, was ihre Mutter in den Stunden, in denen sie allein im Haus ist, macht, lässt Kerstin Sobe nie los.

„Genau das ist unser Anliegen: Den Angehörigen entlasten und ihnen das Gefühl geben, dass ihre kranken Eltern gut umsorgt sind“, sagt Carola Lorenz. Sie ist Fachbereichsleiterin der DRK Freital Soziale Dienste gGmbH und zuständig für drei Tagespflegen mit rund 75 Betreuungsplätzen. Derzeit herrscht Ausnahmezustand – wie in allen der rund 2.200 Pflegeeinrichtungen in Sachsen. Als Lorenz von der Schließung erfuhr, hat sie ihre Pflegedienstleiter zusammengeholt und jeden einzelnen Angehörigen angerufen und informiert. 

Hilfe für Pflegende:

Für berufstätige pflegende Angehörige besteht die Möglichkeit, die sogenannte Pflegezeit zu nutzen. Das bedeutet, sie können für die Betreuung eines nahen Angehörigen mit Pflegegrad bis zu sechs Monate vollständig oder teilweise aus dem Job aussteigen. 

Voraussetzung ist, dass der Betrieb mindestens 15 weitere Personen beschäftigt. Das Gehalt wird nicht weiter gezahlt. Es besteht jedoch auch kein Anspruch auf eine Lohnfortzahlung vom Arbeitgeber oder eine Lohnersatzleistung von der Pflegekasse.

Online lernen: Das Deutsche Rote Kreuz bietet Online-Schulungen für Angehörige und Helfer zum Umgang mit pflegebedürftigen Menschen und Infektionsgefahren an. Ein Lernangebot der Johanniter aus Dresden gibt es ebenso.

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Jetzt sitzt sie in ihrem Büro in Freital direkt an der „Alten Feile“ und erledigt Papierkram. In dem Gebäude und auf dem gesamten Gelände ist es bis auf ein wenig Baulärm totenstill. Die Gruppenräume, allesamt in freundlichen Pastellfarben, sind leer, die Tische und Stühle stehen ordentlich aufgeräumt da. Die großen Küchenzeilen, in denen sonst gemeinsam mit den Tagespflegegästen gekocht wird, sind verwaist.

Für Carola Lorenz ein ungewohnter Anblick. Die rund 40 Mitarbeiter – vom Fahrer bis zur Pflegefachkraft – sind zu Hause oder wurden auf andere Bereiche aufgeteilt. Einige helfen in der ambulanten Pflege der Sozialen Dienste mit, andere im Pflegeheim des DRK. Lorenz hat das alles koordiniert. Ab und zu rufe sie auch mal betroffene Familien an und frage, ob denn zu Hause alles gut klappe. „Eine enge Zusammenarbeit mit den Angehörigen steht für mich an erster Stelle“, betont sie. 

Und die geben es ihr zurück, selbst Tagespflegegäste melden sich und lassen sie wissen: Wir vermissen euch. Wann und wie die Einrichtung wieder öffnen wird – Carola Lorenz hat keinerlei Vorstellung. Durch die Schließung fehlen die Einnahmen für die Tagespflege. Lorenz arbeitet an dem Antrag auf Entschädigung, die die Bundesregierung für betroffene Pflegeeinrichtungen zugesagt hat.

Neue Leistungen beantragen

Und die Pflegebedürftigen? Üblicherweise haben sie, wenn ein Pflegegrad zwei bis fünf vorliegt, einen monatlichen Anspruch auf die Leistung für die Tagespflege zusätzlich zum Pflegegeld. Die Höhe unterscheidet sich dabei je nach Pflegegrad. Das Geld statt für die Tagespflege für einen medizinischen Leistungserbringer zu verwenden, der nach Hause kommt, ist so einfach nicht möglich und würde eine Änderung gesetzlicher Regelungen voraussetzen. 

„Die Leistung der Tagespflege als teilstationäre Leistung kann nicht für ambulante Pflegleistungen in Anspruch genommen werden. Stattdessen erhalten Pflegebedürftige Leistungen zur häuslichen Pflege“, heißt es dazu von der IKK classic Sachsen. Dass bedeutet, die Versorgung der zu Hause lebenden, tagsüber aber betreuten Menschen muss entsprechend umgestellt werden. Hinzu kommt: Die ambulanten Pflegedienste arbeiten bereits an der Kapazitätsgrenze.

Auch Carola Lorenz rät zu einem Antrag auf Leistungsumstellung bei der Pflegekasse, wenn vorübergehend ein dritter Anbieter ins Boot geholt wird. „Bei der sogenannten Kombileistung erhalten Pflegebedürftige die sogenannte Sachleistung, also Geld für einen ambulanten Pflegedienst, sowie dazu anteilig Pflegegeld“, erklärt sie. Dies könne nach der Corona-Krise, wenn die Tageseinrichtungen wieder öffnen, jederzeit rückgängig gemacht werden.

Pflegegeld gibt es, wenn mindestens Pflegegrad zwei vorliegt Alle Beträge in €. Die Leistungen zahlt die Pflegekasse des Pflegebedürftigen auf Antrag. Pflegegeld kann mit ambulanten Pflegesachleistungen kombiniert werden; dann werden Pflegegeld und -sachl
Pflegegeld gibt es, wenn mindestens Pflegegrad zwei vorliegt Alle Beträge in €. Die Leistungen zahlt die Pflegekasse des Pflegebedürftigen auf Antrag. Pflegegeld kann mit ambulanten Pflegesachleistungen kombiniert werden; dann werden Pflegegeld und -sachl © Quelle: Bundesgesundheitsministerium

In Anspruch nehmen können Pflegebedürftige, bei denen mindestens der Pflegegrad zwei vorliegt, auch die Verhinderungspflege: Wird die häusliche Pflege stunden- oder tageweise bis maximal sechs Wochen im Jahr von einem Bekannten, Nachbarn oder einer Pflegehilfskraft übernommen, kann die Pflegekasse nachgewiesene Kosten bis 1.612 Euro erstatten. Voraussetzung ist, dass der Pflegebedürftige bereits mindestens sechs Monate in seiner häuslichen Umgebung gepflegt wurde.

Auch die sogenannten Entlastungsleistungen können weiterhelfen. Dazu zählen verschiedene, niedrigschwellige Angebote zugelassener Anbieter – beispielsweise Bewegungstraining, Betreuung von Menschen mit Demenz, Begleitung für Spaziergänge oder Unterstützung im Haushalt. Dafür steht allen Pflegebedürftigen mit Pflegegrad eins bis fünf pro Monat ein Budget von 125 Euro zur Verfügung. Allerdings: Wird das Geld nicht ausgeschöpft, können die Restbeträge in der Folgezeit „gesammelt“ werden. Wer die Leistung also bisher nicht in Anspruch genommen hat, kann jetzt darauf zurückgreifen. Betroffene sollten sich bei ihrer Pflegekasse erkundigen.

Kurzzeitpflege prüfen

Auch die Möglichkeit von Kurzzeitpflege kann geprüft werden, empfiehlt die IKK classic. Um die Kapazitäten zu erhöhen, hat der Gesetzgeber die Möglichkeit geschaffen, dass bis 30. September auch Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen Kurzzeitpflege erbringen dürfen. Für Kerstin Sobe aus Bannewitz kommen diese Alternativen nicht infrage. Zusätzlich einen ambulanten Pflegedienst zu engagieren, mache wenig Sinn.

Ihre Mutter Helga Winkler sei körperlich fit, nehme kaum Medikamente ein. Eine Kurzzeitpflege schließt sie auch wegen Corona aus. Der Sohn aus Dresden bleibt momentan aufgrund der Ansteckungsgefahr lieber fern. Die Tochter lebt weit weg in Hannover. „Meine Mutter sagt mir auch, dass sie gern mal für sich ist“, so Kerstin Sobe. Dennoch plage sie oft ein schlechtes Gewissen, wenn sie nicht immer für sie da ist. 

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Ihre Hoffnung ist, dass die Tagespflege in Freital bald wieder öffnen darf. Dann wird die große Herausforderung sein, ihre Mutter erneut an den täglichen Rhythmus zu gewöhnen, der ihr in den vergangenen Monaten so guttat. „Im Prinzip fangen wir dann wieder ganz von vorn an“, sagt Kerstin Sobe.

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