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Wer Dresdens Dampfer antreibt

Frank Hempel faszinieren historische Industrieantriebe. Spät – aber nicht zu spät – hat er sein Hobby auch zu seinem Beruf gemacht.

Schiffsmechaniker Frank Hempel in seinem Element: Im Maschinenraum eines Elbdampfers – hier auf der Schiffswerft in Laubegast.
Schiffsmechaniker Frank Hempel in seinem Element: Im Maschinenraum eines Elbdampfers – hier auf der Schiffswerft in Laubegast. © Jürgen Lösel

Ein ohrenbetäubendes Klingeln im Maschinenraum des Dampfers „Dresden“ läutet das Manöver ein. Ein kurzer Zug am Steuerhebel und die blank polierten Kolbenstangen schieben sich mit halber Kraft langsam in den Zylinder hinein. Tsch, tack, tsch, tack, tsch, tack. Die Dampfmaschine zischt, das Gestänge klackert. Immer im Takt. 

Im Nebenraum dröhnt der Schiffsdiesel für die Stromversorgung. Frank Hempel wirft einen prüfenden Blick. Jetzt muss alles schnell gehen. Noch während der kräftige Mann mit dem grauen Bürstenhaarschnitt auf das nächste Kommando von der Brücke wartet, dreht er den Wasserhahn zu, damit die Maschine nicht in Elbewasser ersäuft.

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Er dreht den Steuerhebel auf rückwärts, abermals ertönt die Klingel. Oben hat der Kapitän den Maschinentelegrafen auf „Stopp“ geschaltet. Hempel gibt Gegendampf bis die Maschine mit einem langen Zischen stehen bleibt und drückt die Bestätigungstaste. Draußen bewegen sich die großen Schaufelräder keinen Zentimeter mehr. 

Schon als Kind Schiffsmodelle gebaut

Hempel atmet durch. Die Kolbenstangen schieben wieder los, nun in die Gegenrichtung, dann trudeln sie langsam aus. Noch ein Klingelton und der 55-Jährige stoppt die Maschine. Ohne es zu sehen weiß er, dass der Raddampfer jetzt an der Anlegestelle neben dem Blauen Wunder in Dresden-Blasewitz angelegt hat.

Hempel kann die Minuten zählen, die es dauert, bis neue Passagiere an Bord gekommen sind und einige bisherige entschwunden sind. Die Haltestellen erkennt er auch im Maschinenraum, in dem er quasi blind die Kommandos seines Kapitäns umsetzt. 

Auf dem alten Raddampfer „Dresden“ steht Frank Hempel gerne unter Deck. Ohne nach draußen schauen zu können, weiß er trotzdem immer genau, wo sich das Schiff gerade befindet.
Auf dem alten Raddampfer „Dresden“ steht Frank Hempel gerne unter Deck. Ohne nach draußen schauen zu können, weiß er trotzdem immer genau, wo sich das Schiff gerade befindet. © Matthias Rietschel

Jeder Anleger hat seinen eigenen Charakter, obwohl die Manöver fast immer die gleichen sind. Präzision ist wichtig. Und Vertrauen zwischen Kapitän und Maschinist. Nicht jeder kann so eine alte Dampfmaschine auf einem der schwimmenden Dresdner Denkmale bedienen. Der gelernte Klempnermeister hat sich diesen Traum erst mit über 50 erfüllt, als er 2018 zur Sächsischen Dampfschiffahrt kam. Zurzeit wird für die GmbH & Co. KG ein neuer Investor gesucht, nachdem sie Ende Mai Insolvenz angemeldet hat.

Seit der Kindheit sind die antiken Industrieantriebe seine Welt. „Ich hatte einen guten Werklehrer, mit dem wir schöne Sachen für unsere Eltern gebaut haben“, sagt Hempel. Er wischt mit einem dicken Lappen Öl von der Kolbenstange, checkt noch mal das messinggerahmte Manometer für das Dampfvakuum. „Das wurde von Jahr zu Jahr anspruchsvoller.“ Handwerk, Technik, Präzision begeistern ihn schon als Schüler. In den Ferien baute er Schiffsmodelle, die er in der Kiesgrube hinterm Elternhaus in Dresden-Meußlitz testen konnte. Einige stellt er in seiner Schule bei der „Messe der Meister von Morgen“ aus.

Eine Drehbank und eine Spielzeug-Dampfmaschine

as Hobby hängt er damals nicht an die große Glocke. „Als Jugendlicher war das ja ein bisschen peinlich, davon zu erzählen, weil so was sonst ja keiner gemacht hat“, sagt Hempel und schmunzelt. Er setzt einen 70 Zentimeter langen Dreimast-Segler ins Wasser, der sogar ein kleines Stückchen vom Wind davongetrieben wird.

Irgendwann bekommt Hempel ein Praktikus-Magazin in die Hand, in dem der Bauplan für eine Dampfmaschine ist. „Da wollte ich so etwas selber bauen.“ Der Vater besitzt eine Mechaniker-Drehbank und lässt den Jungen gewähren. Als die Kiesgrube mit den Jahren immer mehr zur Schutthalde wird, findet Hempel eine Spielzeugdampfmaschine, die jemand weggeworfen hat, Marke Gebrüder Bing aus den 1940er-Jahren, ein Glücksfund.

Damit das Schiff sich so bewegt, wie der Kapitän es steuert, braucht es einige Arbeit im Hintergrund.
Damit das Schiff sich so bewegt, wie der Kapitän es steuert, braucht es einige Arbeit im Hintergrund. © Matthias Rietschel

Die Maschine der „Dresden“ ist bereit zum Ablegen. Hempel hat die Kolbenstange mit der Kurbel schon nach oben wandern lassen, als der Klingelton ertönt und die Stimme des Kapitäns hörbar wird: „Halbe Kraft voraus.“ Der Maschinist schiebt den Dampfregler auf die schwächere Stufe „Hilfsdampf“, ein Zischen, und die Kolbenstangen setzen sich in Bewegung. Hempel sieht nicht, wie das Schiff zur Flussmitte strebt und unter dem Blauen Wunder hindurchgleitet. Er weiß es.

Tropische Temperaturen

Dann klingelt es wieder, aus dem Rohr kommt: „Volle Kraft voraus.“ Oben gleiten die Elbschlösser und die Blasewitzer Elbwiesen vorbei, Unten rumort der alte Dampfkoloss vor sich hin. Tsch, tack, tsch, tack, tsch, tack.

Hempels Traumarbeitsplatz hat etwas museales und ist nach oben offen. Hier geht es nicht nur um Funktion. Immer wieder kommen Väter mit ihren Söhnen, Großväter mit ihren Enkeln, um die strahlend polierte Maschine vom Deck aus zu bewundern. Leuchtend grün und schwarz gestrichene Maschinenteile mit Messing-Ölventilen, glänzende Edelstahlfedern, Kolbenstangen und Dampfrohre, golden glänzende Anzeigen.

Die mechanische Ölschmierung aus Kupferrohren und Messingabnehmern mit Jutegurten ist ein Hingucker für Dampfmaschinenfans, Ingenieurskunst aus dem vorvergangen Jahrhundert. Bei jedem Takt tropft ein bisschen Öl durchs Röhrchen auf die Jute, die es in der Bewegung an die Kolbenstangen abgibt.

Im Maschinenraum herrschen tropisch anmutende Temperaturen. Eine Mischung aus Luftfeuchtigkeit und Maschinenölgeruch hängt in der Luft. Die Maschine läuft jetzt mit Volldampf und das Schiff elbabwärts Richtung Stadtzentrum. Für ein paar Minuten Pause klettert er aus dem heißen Maschinenraum und lässt sich den Fahrtwind um die Nase wehen.

Als Klempner war die Situation besser

Zu DDR-Zeiten hat er nach der Schule Klempner gelernt und seinen Wehrdienst im Stab der Grenztruppen verbracht. „An die Grenze selbst durfte ich nicht, weil meine Schwester 1985 die Ausreise beantragt hatte“, sagt er. „Ich hatte in der DDR nichts auszustehen, wäre selber nie auf den Gedanken gekommen, abzuhauen.“ Klempner seien damals „Gold“ gewesen, die Auftragsbücher waren dick. Erst arbeitete er beim VEB Technische Gebäudeausrüstung mit an großen Interhotels. Weil er etwas Kleineres wollte, ging er zu einer privaten Klempnerei in Heidenau.

Als er einem Kunden von seiner Leidenschaft erzählt, zeigt der ihm seine Dampfmaschinen-Sammlung, aber es gibt kaum Material in der DDR für dieses spezielle Hobby. Das ändert sich erst mit der Wende. „Dann ging es richtig los, plötzlich konnte man Bausätze oder Material kaufen, es hat Modellbauzeitungen mit Anleitungen gegeben.“ In einem Katalog sieht er eine Gartenbahn und beschließt, sie selber nachzubauen. Machen statt nur kaufen könnte man Hempels Lebensmotto nennen.

Die Gartenbahn soll die 1991 geborene Tochter mal fahren, wenn sie drei oder vier Jahre alt ist. Aber das Klempnergewerbe brummt nach der Wende zu sehr und Zeit für die Familie ist Hempel wichtig. Das Hobby muss warten. Dann macht er sich selbstständig und hat noch mehr zu tun. Der Sohn wird 1999 geboren. Nun soll er die kleine Lok mal fahren. Auch das wird nichts. Aber Hempel wird Mitglied in einem Dampfmaschinenverein außerhalb Dresdens.

© Jürgen Lösel

Am Ende dauert es fast 20 Jahre, von der ersten Idee, bis die Lok mit selbst konstruierten Wagen auf selbst gebauten Schienen rollt. Statt der eigenen Kinder begeistert Hempel damit seit 2012 den Nachwuchs anderer, wenn er ihn beim Stadtteilfest Zschachwitzer Dorfmeile fahren lässt.

Die „Dresden“ hat die Waldschlößchenbrücke passiert. Hempel steigt wieder hinab in die Hitze, gleich kommen die nächsten Kommandos. Wieder wischt er ein bisschen Ölfilm weg, füllt mit der Kanne Schmiermittel nach. Die Linke am Dampfhebel, die Rechte an der Maschinensteuerung, guckt er den Kolbenstangen zu. Tsch, tack, tsch, tack, tsch, tack. Gleich kommen Albertbrücke und das nächste Manöver.

Im Sommer Maschinist, im Winter Mechaniker

Die Klingel springt an. Aus dem Sprachrohr schallt blechern die Stimme des Kapitäns. „Meister, wir wenden über Steuerbord“ und das Kommando „Maschine langsam“. Hempel antwortet: „Wir wenden“. Auf dem Oberdeck dröhnt warnend die Dampfpfeife. In Höhe der Staatskanzlei fängt der Dampfer an, sich zu drehen. Für Hempel heißt das erst „halbe Kraft rückwärts", dann „Maschine Stopp“ und wieder "rückwärts". Hempel zieht am Steuerhebel, wartet auf die richtige Kolbenposition und zieht dann wieder am Hebel. Dazwischen zählt er die Sekunden. Er hat das Manöver schon zigmal blind gemacht.

Als selbstständiger Klempner hatte er zum Schluss nicht mehr wirklich viel Spaß bei der Arbeit, sagt Hempel. „Zu wenig Freizeit, reich wird man dabei auch nicht und irgendwann kommt die Frage: Wie lange willst du noch auf der Baustelle knien?“ Manche dachten, er sei pleitegegangen, aber Hempel wollte etwas Neues wagen. Aus dem Dampfmaschinenverein kannte er einen Maschinisten der Weißen Flotte.

Frank Hempel in seinem Reich im Schiffsinneren.
Frank Hempel in seinem Reich im Schiffsinneren. © Matthias Rietschel

Für die Dampfschiffahrt hatte er da schon eine Weile gearbeitet, etwa bei der Sanierung der „Leipzig“ nach einem großen Brand vor fünf Jahren. Nun ist Hempel sommers Maschinist an Bord und winters Mechaniker, wenn die Schiffe auf der Laubegaster Werft liegen. Auch die kennt der Mann seit seiner Kindheit. „Da kam man immer mal vorbei und hat reingeguckt.“ Als Mechaniker sind seine Klempnerfähigkeiten nicht nur an der Maschine gefragt.

Seine neueste Tüftelei können nur die Maschinisten auf den Dampfern im Nebenraum sehen. Für die Dieselmotoren hat er aus Messing und Glasröhrchen Füllstandsanzeigen für den Kühlwassertank gebaut.

Dampfkessel mit Mahagoni

Irgendwann will Frank Hempel sein eigenes Dampfboot fahren, einen ehemaligen Ruderkutter Typ ZK 10 aus Mahagoniholz, mit dem zu DDR-Zeiten Angehörige der Gesellschaft für Sport und Technik sowie der Volksmarine trainierten. Der parkt auf Holzböcken in einer kleinen Werfthalle. 

In der Mitte des Bootes hat Hempel einen stilecht mit Mahagoni verkleideten Dampfkessel platziert, daneben eine selbst gebaute Dampfmaschine für Holzbriketts. In der Halle parkt noch so ein Selbstbau von einem Kollegen. „Weit und breit gibt es hier kein Dampfboot, wir werden wohl mal die Ersten sein, die damit auf der Elbe rumschippern.“

Das Wendemanöver der Dresden ist geglückt. Frank Hempel, Dampf- und Steuerhebel in der Hand, zählt wieder. Gut einen Kilometer Rückwärtsfahrt muss das Schiff noch bis zum Terrassenufer zurücklegen. Die Kolbenstangen stampfen. Tsch, tack, tsch, tack, tsch, tack.

Die Klingel ertönt, der Maschinentelegraf springt auf „Langsam“, dann „Stopp“. Gegendampf, ein Zischen, und die Maschine steht. Noch ein letztes Mal „halbe Kraft“ voraus und der Dampfer gleitet an den Anleger. Jetzt heißt es unter Tage noch einmal schmieren, ölen, putzen, während oben der letzte Passagier von Bord geht. Für Frank Hempel ist das eine Art Idealzustand. Wer kann schon von sich behaupten, das Hobby zum Beruf gemacht zu haben.

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