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Dresden

Große Sorge um Dresdens Goldenen Reiter

Erst entwaffneten Unbekannte August den Starken und brachen sein Schwert ab, nun wurden weitere Schäden entdeckt. Doch Vandalismus ist nicht das einzige Problem.

Auf den ersten Blick fehlt dem Goldenen Reiter nichts, bis auf sein Schwert an der linken Hüfte. Doch der Eindruck täuscht.
Auf den ersten Blick fehlt dem Goldenen Reiter nichts, bis auf sein Schwert an der linken Hüfte. Doch der Eindruck täuscht. © Marion Doering

Ohne Zweifel gehört der Goldene Reiter zu den bekanntesten Wahrzeichen Dresdens. Übermütige hat das in den letzten Jahren allerdings nicht davon abgehalten, den meterhohen Sandsteinsockel zu erklimmen, um an Ross und Reiter zu gelangen. Der letzte Streich: Im Mai entwaffneten unbekannte Täter August den Starken und brachen sein Schwert ab. Es wurde fast vollständig abgerissen, vermutlich bei dem Versuch, sich mit aufs Pferd zu setzen. Mehr als einen Monat nach der Tat fehlt das Schwert immer noch. Nun ist auch klar, warum.

Zwar liegt der Stadt inzwischen ein Angebot über rund 9.000 Euro vor, um den Goldenen Reiter wieder zu vervollständigen. Doch die Verwaltung zögert. Denn an dem Standbild seien weitere Schäden festgestellt worden, teilt das Amt für Hochbau und Immobilienverwaltung auf Anfrage mit. 

Insbesondere die Vergoldung sei betroffen, heißt es. So seien Kratzer und Schäden an der Goldpatina vorhanden, die wohl auf Besteigungsversuche zurückzuführen seien. Auch ein Angriff mit einer ätzenden Flüssigkeit vor zwei Jahren habe Spuren hinterlassen. Doch Vandalismus ist nicht das einzige Problem. Vogelkot und Umwelteinflüsse hätten weitere Schäden verursacht. So seien Ablaufspuren durch Regenwasser sowie Mikrorisse durch Sonneneinstrahlung entstanden. Deshalb prüfe die Stadt nun eine Restaurierung des Goldenen Reiters über den Schaden an der Schwertscheide hinaus.

Wie umfangreich die Restaurierung ausfallen soll, ist noch unklar. Die letzte große Frischekur liegt erst 15 Jahre zurück. Im Jahr 2001 entdeckten Denkmalschützer, dass braune Rostflüssigkeit aus dem Goldenen Reiter tropft. Schnell war klar: August muss vom Sockel. Ein internationales Expertengremium wurde beauftragt, ein Konzept zu erarbeiten. Die Ottendorfer Firma Fuchs und Girke nahm die beiden goldenen Figuren schließlich mit in ihre Werkstatt, entfernte das alte Blattgold, beseitigte Risse in der Kupferhaut, brachte neue Grundierungen auf und zu guter Letzt 500 Gramm frisches Blattgold.

Der Goldene Reiter ganz ohne Gold: Von 2001 bis 2003 wurde das Standbild zuletzt umfassend restauriert.
Der Goldene Reiter ganz ohne Gold: Von 2001 bis 2003 wurde das Standbild zuletzt umfassend restauriert. © Archiv: Ronald Bonß

Um die 30 Jahre sollte sie halten, hieß es nach der Restaurierung, die 140 000 Euro kostete und gut eineinhalb Jahre dauerte. Zuvor war das Denkmal fast 40 Jahre ohne neue Goldschicht ausgekommen.

Möglicherweise geht es diesmal aber auch eine Nummer kleiner, so wie im Jahr 2007. Auch damals hatten Vandalen das Denkmal bestiegen und Namen sowie Symbole in das Blattgold gekratzt. Die Ausbesserung kostete die Stadt rund 7 000 Euro. Egal, für welche Variante sich die Stadt entscheidet, die Arbeiten sollten am besten im Sommer beginnen. Denn für das Auftragen von Blattgold ist warmes, trockenes Wetter geeignet. Die Farb- und Goldschichten brauchen jeweils eine gewisse Trocknungszeit.

Einem dauerhaften Schutz des Goldenen Reiters vor Vandalismus steht die Stadt skeptisch gegenüber. Eine Einhausung sei bereits geprüft, jedoch aufgrund des fragwürdigen Erfolges verworfen worden, heißt es. Das Landeskriminalamt hatte in der Vergangenheit bereits Vorschläge unterbreitet. So war ein Zaun nach historischem Vorbild im Gespräch. Auf alten Postkarten ist so ein schmiedeeiserner Zaun zwischen den Pollern zu sehen. Allerdings war dieser keine zwei Meter hoch. Ein Zaun oder auch nur eine Kette als räumliches Hindernis würde jedoch die Hemmschwelle erhöhen, auf das Denkmal zu klettern, hieß es damals von den Experten. Gerade das wäre das Problem, so die Stadt. Der Zaun wäre eben nur eine Art Hemmschwelle, aber kein Hindernis. „Ein hoher Zaun kommt aus denkmalschutzrechtlichen Gründen nicht infrage.“

Angriffe auf den Goldenen Reiter:

Kein anderes Standbild in Dresden so häufig beschädigt wie der Goldene Reiter.

Mai 2019: Unbekannte Täter brechen Augusts Schwert ab. Bei dem Schwert handelt es sich genau genommen nur um die Schwertscheide, ein hohles, vergoldetes Metallteil. 

Januar 2015: Einem der vier Löwen am Sockel des Goldenen Reiters fehlt ein Zahn. Vermutlich ist er abgebrochen, als das Denkmal von einem Unbekannten bestiegen wurde. Schaden: rund 390 Euro. Damit der Zahn länger hält, soll er mit einem Metallstift verstärkt werden. Doch die Reparatur dauert. Wegen der damals geltenden Haushaltssperre darf Dresden kein Geld ausgeben.

September 2013: Wieder muss einer der Löwen eine Zahn-OP über sich ergehen lassen. Wie lange der alte Zahn schon fehlte, ist unklar. Fest steht nur, dass er nach 278 Jahren nicht aus Altersgründen herausfiel. Das Tier bekommt einen fünf Zentimeter langen Stiftzahn, der mit schwarzem und braunem Pulver gefärbt wird, um die Farbe der restlichen Zähne zu erreichen.

August 2012: Ein Mann bricht gleich alle vier Reißzähne eines Löwen ab, als er auf dem Reiterstandbild herumklettert. Zwei Zähne findet die Polizei später in seiner Tasche. Er entschuldigte sich. Sein Angebot, den beiden Restauratoren bei der Reparatur zu helfen, lehnten diese ab.

Juli 2011: Nach einer Party kommt ein junger Mann mit Freunden nachts am Goldenen Reiter vorbei. Mit einem seiner Freunde klettert er hinauf. Er bricht das Schwert ab. Nahezu prahlerisch greift ihn die Polizei am Albertplatz mit dem Schwert in der Hand auf. Schaden: 9 500 Euro. Der Täter wird zu einer Geldstrafe in Höhe von 2 700 Euro bestraft. Außerdem stottert er den Schaden in Raten ab.

Juli 2007: Unbekannte klettern auf den Goldenen Reiter, verbiegen die goldenen Zügel zu einer Schleife und stecken eine Bierflasche hinein. Von unten sieht es danach so aus, als ob August der Starke die Flasche in der linken Hand hält.

Juni 2003: Eine Woche vor der Enthüllung des frisch restaurierten Goldenen Reiters übergießen Unbekannte das Denkmal mit einer braunen Flüssigkeit, vermutlich Cola. Außerdem zerkratzen die Täter die Goldschicht mit Glassplittern. Schaden: rund 2 500 Euro. (SZ/sr)

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Die Stadt hat inzwischen Strafanzeige gegen den oder die mutmaßlichen Schwertabbrecher erstattet. Die Ermittlungen laufen noch, sagte ein Polizeisprecher am Mittwoch. Man warte derzeit auf eine genaue Schadensmeldung und die Einschätzung einer Fachfirma, die erklären könnte, auf welche Art und Weise das Schwert beschädigt wurde. Ermittelt werde gegen unbekannt.

Erstmals enthüllt wurde das Reiterstandbild am 26. November 1736. Kunstkanonenschmied Ludwig Wiedemann hatte es gegossen. 1884 wurde das Denkmal zum ersten Male restauriert und der Sockel nach einem Entwurf von Konstantin Lipsius mit einer lateinischen Inschrift versehen. Vor Ende des Zweiten Weltkrieges zerlegte man das Denkmal aus Sicherheitsgründen und lagerte es aus. Von 1953 bis 1956 erfolgte die zweite Restaurierung durch den Bildhauer Walter Flemming. Ein paar Jahre später wurde es neu vergoldet.

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