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Riesa

Rettungsaktion für Waschbär-Familie

Ein denkmalgeschütztes Gebäude der einstigen Brauerei wird abgerissen. Dabei taucht ein echtes Problem auf.

Bald obdachlos: Ein Waschbär hat im Dachstuhl des Kontorgebäudes der einstigen Riesaer Brauerei einen Unterschlupf gefunden. Dort wurde er Donnerstagvormittag durch Abrissarbeiten aufgeschreckt.
Bald obdachlos: Ein Waschbär hat im Dachstuhl des Kontorgebäudes der einstigen Riesaer Brauerei einen Unterschlupf gefunden. Dort wurde er Donnerstagvormittag durch Abrissarbeiten aufgeschreckt. © Sebastian Schultz

Riesa. Plötzlich sehen sie sich Auge in Auge gegenüber: der Mitarbeiter des Abbruchunternehmens Bothur und ein pelziges Tier mit dunkel umrandeten Augen. „Der Waschbär schaute verängstigt aus dem Dachstuhl und flüchtete dann noch ein Stück nach oben“, sagt der Mann. 

Schließlich lag das Tier sogar in einer Art Schockstarre auf dem Giebel. Dabei haben Stadt-Waschbären eigentlich gute Nerven, sagt Riesas Tierparkchef Gerhard Herrmann. „Die sind Trubel gewohnt.“ Aber das, was der Waschbär an der Brauhausstraße am Donnerstag erleben musste, war zu viel für ihn. Denn schließlich waren die Männer von Bothur mit dem Abrissbagger angerückt, um seinen Unterschlupf abzureißen.

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Nicht mehr viel übrig: Von der Seite zeigt sich, dass das letzte Brauereigebäude nur noch vorn komplett ist. Nun soll es am Freitag fallen.
Nicht mehr viel übrig: Von der Seite zeigt sich, dass das letzte Brauereigebäude nur noch vorn komplett ist. Nun soll es am Freitag fallen. ©  Sebastian Schultz

Hatte es Mitte April noch geheißen, dass für das denkmalgeschützte Kontorgebäude der einstigen Brauerei keine Abrissgenehmigung vorliege, hat die Behörde mittlerweile eingelenkt: „Nach einer aktuellen Prüfung durch die Denkmalpflege wurde die Abrissgenehmigung erteilt, da das Gebäude nicht zu erhalten oder zu sanieren ist“, sagt Kerstin Thöns, Sprechern des Landratsamts. Vor Wochen war ein handgemaltes Protestschild vor dem Kulturdenkmal aufgetaucht, was dem Denkmalschutz ein „Versagen“ vorwarf.

Leute aus der Nachbarschaft sind dagegen nicht böse, dass am Donnerstag der Abrissbagger Stück für Stück das Gebäude zerlegt. „Hier hat sich 20 Jahre lang nichts dran getan. Wird Zeit, dass der Schandfleck wegkommt“, sagt eine Frau. Vor der Wende seien dort Büros der Brauerei und eine Wohnung drin gewesen, in der der Hausmeister lebte. Seit der Wende sei wenig mit dem Gebäude passiert. 

Tatsächlich fällt der Blick durch zerschlagene Fensterscheiben auf eingestürzte Zwischendecken, zerbrochene Deckenbalken, herabhängende Fußbodenteile. An ein Betreten des Gebäudes ist längst nicht mehr zu denken. Und das wird jetzt zum Problem: Denn die Männer vom Abbruchunternehmen können zwar Handyfotos vom unverhofft aufgetauchten Waschbär machen, ihn aber nicht aus dem Dachstuhl holen. 

Vergebliche Rettungsaktion: Um den eingeschlossenen Waschbären zu retten, rückt die Feuerwehr mit Drehleiter an. Aber sie kommt nicht ran.
Vergebliche Rettungsaktion: Um den eingeschlossenen Waschbären zu retten, rückt die Feuerwehr mit Drehleiter an. Aber sie kommt nicht ran. ©  Sebastian Schultz

So wird der Tierparkchef alarmiert, der gleichzeitig auch Stadtjäger ist. Um irgendwie an das Tier ranzukommen, braucht es auch noch die Drehleiter der Feuerwehr. Die Wipfel der Linden behindern allerdings den Schwenkkreis der Drehleiter. Der vorsorglich eingepackte Kescher von Gerhard Herrmann bleibt leer, als er nach einer Weile aus dem Korb des Feuerwehrfahrzeugs klettert. Der Waschbär hat sich auch wieder verkrochen. „Von oben aus ist nichts zu entdecken.“

Allerdings ist das pelzige, offenbar wohlgenährte Tier wahrscheinlich nicht allein dort oben. „Vermutlich leben dort auch die Jungen des Waschbären“, sagt der Tierparkchef. Die sind jetzt, Anfang Mai, üblicherweise etwas größer als Meerschweinchen, deutet er mit den Händen an.

Und deshalb kommt für ihn auch ein Abschuss des Waschbären derzeit nicht infrage, obwohl die aus Amerika eingeschleppte Art als Plage gilt, weil sie unter anderem Vogelnester ausräumt. Was also tun? Der Tierparkchef bittet die Firma Bothur, den Abriss des Kontorgebäudes nicht wie geplant schon an einem Tag zu vollenden – damit der Waschbär in der Nacht die Flucht antreten kann.

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Und die Jungen? „Die kann er wegschleppen, wenn er eine Möglichkeit zum Rauslaufen findet“, sagt Herrmann. Weil das Treppenhaus schon halb weg ist, bittet er die Bothur-Männer, das Gebäude am Donnerstag nur zur Hälfte abzureißen – und dabei eine Schräge anzulegen, eine Waschbärentreppe gewissermaßen. „Kriegen wir hin“, heißt es. Freitag allerdings muss das Gebäude fallen: Es sei längst nicht mehr standsicher. Später soll auf dem Areal ein Wohnkomplex entstehen.