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Sachsen

Millionenbetrug? Dresdner Arzt vor Gericht

Es geht um fast 20.000 Fälle. Es wäre der größte Krankenkassen-Abrechnungsbetrug in Sachsen.

Dr. Lutz Lohse und seine Frau Carmen sitzen im Verhandlungsraum des Dresdner Landgerichtes. Das in Liverpool lebende Ehepaar soll für einen millionenschweren Abrechnungsbetrug verantwortlich sein.
Dr. Lutz Lohse und seine Frau Carmen sitzen im Verhandlungsraum des Dresdner Landgerichtes. Das in Liverpool lebende Ehepaar soll für einen millionenschweren Abrechnungsbetrug verantwortlich sein. © (c) Benno Löffler

Selbstbewusstsein war eines seiner Markenzeichen. „Ich bin ein Aldi“, sagt Dr. Lutz Lohse schon 2011 der Ärzte-Zeitung. „Geld verdiene ich schlicht durch Masse.“ Das deutsche Gesundheitswesen sei zu verfettet und zu teuer. Als der Facharzt für Nervenheilkunde und Psychotherapie das sagte, war er in der Dresdner Ärzteschaft noch eine Nummer: In seinem Neurologisch-Medizinischen Versorgungszentrum, dem NMVZ, beschäftigte er 35 Ärzte, 200 weitere Mitarbeiter und machte rund fünf Millionen Euro Umsatz im Jahr.

Davon ist nicht viel geblieben. Das NMVZ existiert nicht mehr, und seit Montag steht der heute 51-Jährige vor der 15. Großen Strafkammer des Landgerichts Dresden. Schwarzes Sweatshirt, schwarze Jacke und schwarze Hose, die Sonnenbrille auf dem Kopf. Lohse sagt, er lebe jetzt in Liverpool. Im Internet gibt er an, dort als Mentalcoach zu leben. Der Richter sagt, "trotz mehrmaliger Versuche" sei es nicht möglich gewesen, die Akten an die britische Anschrift zukommen zu lassen.

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Lohse und seine ebenfalls mitangeklagte, 39 Jahre alte Ehefrau Carmen, eine Ergotherapeutin, sie sollen verantwortlich sein für den bislang womöglich größten Krankenkassen-Abrechnungsbetrug in Sachsen.

Die Verlesung der Anklage dauert etwas mehr als eine Stunde. Staatsanwältin Petra Frohberg interpretiert die Organisation im NMVZ sowie seinen Niederlassungen in Arnsdorf, Löbau, Radebeul und Seifhennersdorf als „System Lohse“. In dem „streng hierarchisch geführten Unternehmen“ habe nicht die Gesundheit der Patienten im Vordergrund gestanden „sondern die Gewinnmaximierung“. Ärztliche und therapeutische Maßnahmen seien falsch datiert, von Ärzten ohne kassenärztliche Zulassung unterschrieben oder von Therapeuten ohne entsprechenden Qualifikationen gemacht worden.

Akupunkturen von einer Ärztin auf Weltreise

Die Staatsanwältin listet fast 20.000 Fälle aus den Quartalsabrechnungen der Jahre 2009 bis 2011 auf. Die gesetzlichen Krankenversicherungen – von der AOK plus bis zur Techniker-Kasse – seien die Geschädigten dieses „gewerbsmäßigen Betrugs“ gewesen. Der Gesamtschaden belaufe sich auf rund 1,5 Millionen Euro.

Es seien etwa Akupunkturen abgezeichnet worden von einer Ärztin, die sich aber tatsächlich auf einer Weltreise befand. Lohse habe von den Kassen Geld verlangt für intravenöse Infusionen; in Wahrheit sei aber nur in die Muskulatur gespritzt worden. Auch Blutkontrollen fürs Labor seien als Infusion abgerechnet worden. Für psychiatrische Gespräche seien Grundpauschalen angegeben worden, in denen die vorgeschriebene Dauer für den Arzt-Patienten-Kontakt von zehn Minuten nicht eingehalten worden waren. 

Carmen und Lutz Lohse hätten den Krankenkassen zudem Behandlungen nach einer speziellen Krankengymnastik in Rechnung gestellt, für die ihre Therapeuten aber nicht qualifiziert gewesen seien. Hausbesuche in Pflegeheimen seien falsch datiert oder mit Leistungen versehen worden, die gar nicht stattgefunden hätten. Nach Informationen von Sächsische.de gab es solche Vorfälle etwa im Vitanas-Heim in Dresden-Blasewitz und in der Seniorenunterkunft „Am Kottmar“ in Eibau.

Das Ehepaar Lohse spricht sich vor Beginn der Verhandlung am Landgericht Dresden Mut zu.
Das Ehepaar Lohse spricht sich vor Beginn der Verhandlung am Landgericht Dresden Mut zu. © Benno Löffler

Lohse hatte das NMVZ in Dresden 2006 eröffnet. Zuvor war er in einem neurologischen Fachkrankenhaus im thüringischen Mühlhausen tätig. Intern fielen der Krankenkasse „AOK plus“ bereits 2008 vermeintliche Unregelmäßigkeiten auf. Im Oktober 2009 stellte die Kassenärztliche Vereinigung (KVS), eine Art Kontrollbehörde im sächsischen Gesundheitswesen, eine Anzeige. Die Staatsanwaltschaft wurde aktiv. Sichtbarer Höhepunkt war eine Razzia des Landeskriminalamtes mit rund 140 Polizisten in der NMVZ-Zentrale, den dazugehörenden Niederlassungen sowie den Privaträumen des Ehepaars Lohse.

Beim Landgericht Dresden ging die Anklage Anfang Dezember 2016 ein. Der Vorsitzende Richter Christian Linhardt betont, es sei das älteste Verfahren seiner Kammer, könne aber wegen der Überlastung und des Vorrangs von Haftsachen erst jetzt verhandelt werden. Aussetzungsanträge der insgesamt sechs Anwälte, unter anderem wegen der Corona-Infektionsgefahr, lehnte die Kammer ab. Das Gericht hatte den Saal entsprechend der staatlichen Anforderungen zu den Sicherheitsabständen umgestaltet.

Bewunderung und Verachtung

Einem Aktenvermerk zufolge, den Linhardt verlas, war Lohses Anwalt Ulf Israel 2014 bereit, einen Vergleich und eine „Verschlankung“ des Verfahrens anzustreben. Ohne Geständnis und das Bemühen um einen Schadensausgleich sei für Lohse laut Vermerk „eine Freiheitsstrafe von unter vier Jahren nicht zu erwarten“. Die Jahre zuvor hatte Israel betont, die Vorwürfe gegen seinen Mandanten seien aus der Luft gegriffen, die KVS habe Lohse auf seine Abrechnungsfehler hinweisen müssen. „Zu keinem Zeitpunkt wurden das NMVZ ungerechtfertigte Leistungen abgerechnet oder gefälscht“, hieß es in der Antwort auf eine frühere Anfrage der Sächsischen Zeitung.

Dass Lohse es seinerzeit wagte, der angeblich „übermächtigen KVS die Stirn zu bieten“ fand bei einigen Berufskollegen seinerzeit durchaus Anerkennung. Auch Patienten äußerten sich teilweise sehr lobend, insbesondere über die Effizienz im NMVZ. Andere wiederum, insbesondere die, die diverse Therapien kritisch hinterfragten, erhielten auch schon einmal ein Haus- und Behandlungsverbot „aufgrund der Störung des Arzt-Patienten-Verhältnisses“. 2014 hat ihm die KVS die Zulassung entzogen.

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Zuletzt war es sehr ruhig um Lohse geworden. Für den Juli 2018 findet sich ein Insolvenzeintrag über sein Vermögen im britischen Handelsregister. Wenige Monate zuvor war er als Kaufinteressent für das alte Kreispflegeheim in Freital in Erscheinung getreten, um dort eine Neuropsychiatrie zu errichten. Lohse hatte auch mehrfach erzählt, gemeinsam mit einem Freund eine Praxis im russischen St. Petersburg zu betreiben.

Der Prozess ist vorerst terminiert bis Ende Juli.

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