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Schäfernachwuchs probt in Göhlis

Einmal jährlich finden auf dem Gelände Hüteseminare statt. Die SZ war dabei.

Schäfer Axel Weinhold demonstriert der Auszubildenden Marie Schneider eins der Kommandos, mit denen der Hütehund gesteuert wird. Für weitere Distanzen setzen die Schäfer den Hirtenstock als verlängerten Arm ein.
Schäfer Axel Weinhold demonstriert der Auszubildenden Marie Schneider eins der Kommandos, mit denen der Hütehund gesteuert wird. Für weitere Distanzen setzen die Schäfer den Hirtenstock als verlängerten Arm ein. © Sebastian Schultz

Riesa. Manchmal hilft nur der Schlüsselbund. Als der Altdeutsche Schäferhund partout lieber im Rasen schnüffelt, statt auf sein Frauchen zu achten, saust der Ring einen halben Meter an ihm vorbei. „Erschrecken, das ist ein einfacher Trick, um die Aufmerksamkeit wieder zu bekommen“, erklärt Axel Weinhold. „Der Grundgehorsam ist ganz wichtig. So lange das nicht klappt, kann man den Rest sein lassen.“

Dabei ist „der Rest“ der eigentliche Grund, warum sich an diesem Tag Hunde und Halter auf dem Gelände hinter Gut Göhlis zusammengefunden haben. Einen Tag lang findet hier, direkt neben der Schäferei vom Sprungbrett, das Hüteseminar statt. „Wir bieten eine ganze Reihe solcher Praktikerschulungen an“, erklärt Carola Förster. 

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Sie arbeitet im Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie und ist dort insbesondere für Fragen der Schaf- und Ziegenhaltung zuständig. Während die meisten Schulungen direkt auf dem Lehr- und Versuchsgut des Landesamts in Köllitsch stattfinden, wird das Hüten schon seit mehreren Jahren in Riesa geübt. 

„Wir haben hier eine sehr gut eingehütete Herde, Winfried Weinhold ist auch ein ganz erfahrener Leistungshüter“, erklärt Förster. Die etwa zehn Kursteilnehmer, denen Winfried Weinholds Sohn die Grundlagen des Schafehütens vermittelt, sind bunt gemischt. Es sind Hobbyhalter dabei, aber auch Teilnehmer eines Meisterkurses – und drei Lehrlinge.

Mit dem Nachwuchs ist es so eine Sache, sagt Carola Förster. „Da gibt es generell viel zu wenig.“ Nicht zuletzt, weil die Schäferei ein wirtschaftlich schwieriger Beruf ist. „Wir haben keinen nationalen, sondern einen europäischen Markt. Und der ist wiederum sehr stark vom Weltmarkt beeinflusst.“ 

Die Produktionskosten in Deutschland sind eigentlich zu hoch, der Staat müsse ausgleichen. Dazu komme noch der Mehraufwand durch den Wolfsschutz: Gut eine Stunde länger brauche man, um höhere Zäune aufzustellen und ordentlich freizuschneiden, damit der Elektrozaun auch überall Strom führt. Zumindest soll der Mehraufwand mittlerweile ebenfalls entschädigt werden.

 Trotzdem bleibe einer Familienschäferei bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 25 000 Euro nicht viel zum Leben. „Von dem Geld müssen ja auch noch Investitionen getätigt werden.“ Wenn dann noch einige Tausend Euro für den Schutz vorm Wolf ausgegeben werden, werde es teuer.

Zumindest über fehlendes Interesse am Hüten kann sich an diesem Tag allerdings niemand beklagen. Etwa zwei Dutzend Leute sind vor Ort, um der Sachbearbeiterin des Landesamts und dem Schäfer zuzuhören.

 Nach einer kurzen theoretischen Einführung ging es zunächst auf den Hundeplatz, um zu sehen, wie weit die Hunde überhaupt schon sind. „Es geht darum, Hilfestellungen zu geben: Wie kann man mit den Hunden weiterarbeiten“, erklärt Carola Förster. Im Grunde sei das Hüteseminar eine Ausbildung für Hund wie Herrchen.

Nach der kurzen Übung auf der Hundewiese geht es an den eigentlichen Job: Gemeinsam mit ihrem Hund sollen die Teilnehmer eine kleine Gruppe Schafe von einer Seite der Koppel zur anderen treiben. Den Anfang macht Marie Schneider. Die gebürtige Leipzigerin macht derzeit die Ausbildung auf dem Heidegut Dahlen. 

Mit einem Ruf lockt sie zum einen die Schafe in ihre Richtung, zum anderen muss sie den Hütehund dirigieren, damit er ein seitliches Ausbrechen der Schafe verhindert. Das passiert über den Stab, der wie ein verlängerter Arm funktioniert. „Wichtig ist vor allem, dass der Hund nicht zwischen dir und den Schafen steht“, erklärt Axel Weinhold. 

Und er rät dazu, den Abstand zwischen Schäferin und Schafherde nicht zu groß werden zu lassen. „Und nicht zu hektisch werden. Das überträgt sich auf den Hund.“ Weinhold läuft neben der angehenden Schäferin her, hilft mit den Gesten. Ab und an müssen sie den Schäferhund zur Ordnung rufen.

Das Fazit nach der ersten Runde ist insgesamt trotzdem positiv. „Das sah schon ganz gut aus“, sagt Weinhold. „Es geht vor allem darum, den Hund so weit zu beherrschen, dass er hört und zum Beispiel nicht wild die Schafe beißt.“ Ehe ein Hütehund perfekt trainiert ist, vergeht allerdings einige Zeit. „Das dauert schon drei Jahre.“ 

Zeit, die aber gut investiert ist: Ohne Tiere wäre es deutlich schwieriger, die Schafherden von einer Weide auf die nächste zu treiben. Übrigens eignet sich nicht jede Rasse dafür – und auch nicht jeder Hund. „Wir hatten auch schon mal einen Schäferhund, der ist jedes Mal eingeschlafen, wenn er Schafe gesehen hat“, erzählt Carola Förster. 

Grundsätzlich seien aber einige Rassen besonders prädestiniert fürs Hüten. So sehr, dass ihr Schicksal direkt mit dem des Schäfereiberufs verknüpft ist. „Wenn die Schäferei aussterben sollte, werden vermutlich auch diese Rassen aussterben.“

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