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Meißen

Schätze aus der Scheune

Technik-Fans veranstalten jedes Jahr in der Nähe von Riesa ein großes Oldtimer-Treffen. Dabei war das einst nur eine Idee aus einer Bierlaune heraus.

Prausitzer Traktorenfreunde: Rico Tamm (auf dem Traktor) und Christian Hollmann sind zwei von rund 20 Mitgliedern einer Interessengemeinschaft, die jedes Jahr eine Technikschau auf die Beine stellt.
Prausitzer Traktorenfreunde: Rico Tamm (auf dem Traktor) und Christian Hollmann sind zwei von rund 20 Mitgliedern einer Interessengemeinschaft, die jedes Jahr eine Technikschau auf die Beine stellt. © Sebastian Schultz

Er ist der ganze Stolz von Rico Tamm: der Lanz Bulldog, den er von seinem Großvater erbte. Der Ackerschlepper mit 20 PS wurde 1940 gebaut, war bis in die 1970er-Jahre in der Landwirtschaft im Einsatz. Allzu oft holt ihn der 45-jährige Tamm nicht aus der Scheune. „Das dauert ja fast eine Stunde, bis man mit dem Traktor losfahren kann“, sagt er und lacht. 

Zum Starten muss zunächst die Glühnase, welche sich im Zylinderkopf befindet, mit einer Lötlampe zum Glühen gebracht werden. Vor dem Starten wird mit einer Handkurbel die Ölpumpe betätigt. Mit 50 Umdrehungen wird der im Betrieb zu schmierende Bereich vorgeölt. 

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Zum Starten wird dann das Lenkrad samt Steuersäule abgenommen und seitlich in die Kurbelwelle gesteckt. Durch Pendelbewegungen gegen den Kompressionswiderstand wird der Motor zum Laufen gebracht. Man sollte gut gefrühstückt haben, ehe solch eine Startprozedur beginnt.

Die Stunde hat aber bald wieder geschlagen. Am 8. Juni wird der Ackerschlepper eine Attraktion sein beim Treffen historischer Technik in Prausitz. Bereits zum 17. Mal wird es von den Prausitzer Traktorenfreunden veranstaltet, einem losen Zusammenschluss von Schraubern, Bastlern und Fans historischer Technik. 

Zu denen gehört auch Christian Hollmann. Der 54-jährige Kraftfahrer wird einen sowjetischen Traktor „Belarus“ MTS 50 mitbringen. Die Firma gibt es heute noch, sie baut immer noch Traktoren.

Hollmanns Exemplar gehört zu den Jüngeren, ist gerade mal 52 Jahre alt. Die beiden Prausitzer sind zwei von rund 20 Leuten, die sich seit 2002 zusammengefunden haben, um alte Technik zu pflegen, daran herumzuschrauben und sie auch anderen zu zeigen. 

„Die Idee entstand beim Bier in der Truckerscheune. Wir wollten eine Ausstellung auf die Beine stellen. Da sagten wir uns, wenn wir diesen Aufwand betreiben, dann können wir doch unsere Schätze auch gleich öffentlich zeigen“, sagt Tamm. Gesagt, getan. Mit zehn Ausstellungsstücken fing alles an.

Doch, wie das nun mal so ist auf dem Dorf, jeder hat irgendwas in der Scheune stehen. Die guten Stücke wurden aufgemöbelt. Kein Problem für Rico Tamm, schließlich ist er Kraftfahrzeugmeister. Inzwischen geht es den Prausitzer Traktorenfreunden ein bisschen wie Goethes Zauberlehrling.

Die Geister, die sie riefen, werden sie nun nicht mehr los. Denn die Technikschau sprach sich herum, nicht nur die Zahl der Aussteller, sondern auch die der Besucher stieg. Im vergangenen Jahr waren rund 240 Maschinen zu sehen. Landwirtschaftstechnik vor allem, aber auch Fahrräder, Motorräder AWO, BMW, BK, MZ, Simson, Autos wie der F 8 und F 9, aber auch Lastkraftwagen wie der W 50 oder der Robur LO aus DDR-Zeiten sind auf dem Ausstellungsgelände zu sehen.

Das befindet sich seit einigen Jahren auf dem Technik-Stützpunkt des Milchcenters Prausitz am Mergendorfer Weg. Dort ist auf einer Fläche von 5.000 Quadratmetern genügend Platz. Die Fläche an der Truckerscheune war längst zu klein geworden.

„Natürlich ist neben der Begeisterung an der alten Technik auch ein ganzes Stück Nostalgie dabei“, sagt Christian Hollmann. Viele Besucher kommen nur deshalb, um die Technik, die ihnen aus ihrer Kindheit und Jugend so vertraut ist, noch einmal in Aktion zu sehen.

Alle Fahrzeuge sind einsatzbereit, manche haben aber keine Straßenzulassung. Auf dem abgesperrten Gelände können sie aber fahren. Und so wird es auch Fahrten mit Traktoren und mit einem Feuerwehrauto geben.

Der Eintritt ist übrigens frei, die Parkplätze sind kostenlos. „Wir machen das alles aus Spaß an der Freude, wollen andere an unserem Hobby teilhaben lassen“, sagt Rico Tamm. Er wird auch einen Hublader GT 124 aus dem Jahr 1956 mitbringen. Auch an einem Anhänger für seinen Traktor baut er gerade. Er und seine Mitstreiter sind überzeugt, dass in mancher Scheune noch so manches unentdeckte Schmuckstück steht.

Ältester Aussteller ist übrigens Horst Loose aus Boritz. Der 95-Jährige betreibt dort ein Landwirtschaftsmuseum, das sich seit 1983 aus der Sammlung zum Festumzug „1.000 Jahre Boritz“ bildete. Auch der Traktor, den Loose in diesem Jahr mitbringen wird, ist über 90 Jahre alt.

Bis Pfingsten haben die Prausitzer Traktorenfreunde noch einiges zu tun, schließlich wollen sie ihre Schmuckstücke in Bestform präsentieren. Doch wie ist das eigentlich, wenn mal etwas kaputt geht, gibt es noch Ersatzteile? „Kein Problem“, sagt Rico Tamm.

„Die Teile werden immer noch produziert, meist im Ausland, auch wenn sie nicht immer eine so gute Qualität haben wie die originalen.“ Aber als gelernter DDR-Bürger ist er das Improvisieren gewöhnt. Die Traktorenfreunde helfen sich gegenseitig, tauschen Tricks und Kniffe und Teile aus. Und überhaupt: Die alte Technik ist robust und langlebig, fast für die Ewigkeit.

Die Besucher können am Pfingstsonnabend nicht nur schauen und staunen. Auch einen Teilemarkt wird es geben. Und vielleicht findet sich sogar der eine oder andere, der sich den Prausitzer Traktorenfreunden anschließt.

Die Technikschau findet am Pfingstsonnabend, 8. Juni, von 9 bis 18 Uhr auf dem Technikstützpunkt des Milchcenters in Prausitz, Mergendorfer Weg, statt.

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