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So sieht es in dem besetzten Haus aus

Die drei Häuser an der Königsbrücker standen rund 20 Jahre leer. Jetzt nicht mehr, allerdings vom Eigentümer ungewollt.

Am 17. Januar haben mehrere Aktivist*innen die drei Häuser und das
Grundstück an der Königsbrücker Straße 12-16 besetzt.
Am 17. Januar haben mehrere Aktivist*innen die drei Häuser und das Grundstück an der Königsbrücker Straße 12-16 besetzt. © Sven Ellger

Seit Freitagnachmittag sind Hausbesetzer in leeren Gebäuden an der Königsbrücker Straße. Was sie wollen und wie viele Gebäude in Dresden leerstehen.

Wer sind die Besetzer und was haben sie genau besetzt?

Sie nennen sich „Wir besetzen Dresden“ und sind Besetzer - eine bunte Truppe aus Studenten, Künstlern, Schülern und mehr. Die Gruppe gibt es seit Sommer 2019, sagt der Sprecher, der sich Lann Schmidt nennt. Es ist ihre zweite Besetzung nach der am Basteiplatz im vergangenen August.

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„Dazu gab es mehrere Scheinbesetzungen“, so Schmidt. Das bedeutet, es wurde in Häuser eingedrungen, Transparente wurden aufgehängt, aber im Gebäude hielten sich keine Besetzer auf. Aktuell sagen sie, das komplette Areal in der Neustadt sei besetzt. Zu sehen sind die Aktivisten im mittleren der drei leerstehende Wohnhäuser an der Königsbrücker Straße 12 bis 16, also in der Nummer 14.

So sieht es im Haus aus.
So sieht es im Haus aus. © SZ/Andreas Weller

Was wollen die Aktivisten dieses Mal und generell erreichen?

Die Besetzer kritisieren, dass die drei Wohnhäuser, die zum Areal des ehemaligen Chlorodont-Werkes, also der Dental-Kosmetik gehören, nicht genutzt werden. Dort wird unter anderem die Kinderzahncreme „Putzi“ hergestellt. Die Häuser stehen bereits seit rund 20 Jahren leer. Die Aktivisten wollen, dass sich der Eigentümer, die Münchner Argenta-Gruppe, aus dem Grundstück zurückzieht. Die Besetzer sagen, sie haben dem Eigentümer Konzepte vorgelegt, wie das Gelände als Wohnraum und soziales Zentrum genutzt werden kann, mit Gemeinschaftsgarten, offener Fahrradwerkstatt und Vortrags- und Konzerträumen.

Generell kritisieren die Besetzer, dass es trotz Wohnungsmangel und steigender Mieten zu viel Leerstand in Dresden gebe. Die Eigentümer, wie hier Argenta, hätten aber nur „Profitinteressen“, lassen Gebäude lieber verfallen, als sie – aus Sicht der Aktivisten – sinnvoll zu nutzen. Stattdessen sei ein möglichst hoher Verkaufserlös das Ziel der Eigentümer.

Wer ist der Eigentümer und was hat er mit den Gebäuden vor?

Die Münchner Argenta-Gruppe kauft, saniert und baut Wohn- Geschäfts- und Bürohäuser vor allem in München, Berlin, Dresden und Leipzig. Mittlerweile hat sie weit über 100 Immobilienobjekte umgesetzt und überwiegend an institutionelle Anleger wie Bankenfonds, Versicherungen und berufsständische Pensions- und Versorgungsfonds verkauft.

In Dresden hat sie neben dem Dental-Kosmetik-Werk, das Schloß Eckberg saniert, den Bürkomplex an der Melanchthonstraße und , den Büro-Geschäftsobjekt Falkenbrunnen an der Chemnitzer Straße entwickelt. Für die Wohnhäuser an der Königsbrücker Straße gebe es derzeit keine Pläne. Für eine Wohnnutzung sei es dort zu laut, da auf der einen Seite die Straße ist und im Gelände Laster fahren müssen.

Bild aus dem Inneren des Hauses.
Bild aus dem Inneren des Hauses. © SZ/Andreas Weller

Wie viel Leerstand gibt es in Dresden und woran liegt das?

Der Wohnungsleerstand liegt in Dresden bei etwa 6,4 Prozent. Das entspricht 19.350 der insgesamt rund 300.000 Wohnungen. Die höchsten Leerstände gibt es in der inneren Altstadt mit 18,4 Prozent, in Loschwitz und Wachwitz mit je 12,2 Prozent und in der Wilsdruffer Vorstadt mit 11,3 Prozent. In Loschwitz und Wachwitz ist der Wert so hoch, da sich hier viele Wohnungen in schlechtem Bauzustand und entlang stark befahrener Straßen befinden. Die Ursachen sind: unklare Eigentumsverhältnisse oder fehlendes Geld der Besitzer, zu sanieren. Gerade in den teuren Vierteln wie dem Weißen Hirsch, Loschwitz und Blasewitz sind manche Villen seit Generationen in Familienbesitz. Sterben Eigentümer, streiten sich manche Erben, was mit der Immobilie passieren soll.

Wie viele Hausbesetzungen gab es bereits und was droht den Aktivisten?

Eine genaue Anzahl von Besetzungen lässt sich nicht sagen. „Wir besetzen Dresden“ hatte im Juni vergangenen Jahres beispielsweise dieselben Häuser wie jetzt an der Königsbrücker Straße zum Schein besetzt. Andere Aktivisten drangen beispielsweise in der Lößnitzstraße oder 2010 an der Liststraße in Gebäude ein und besetzten diese. Kurz nach der Wende gab es viele Hausbesetzungen, teilweise ebenfalls über mehrere Tage. Es gab auch immer wieder Räumungen durch die Polizei.

Hausbesetzungen bedeuten in jedem Fall Hausfriedensbruch und häufig auch Sachbeschädigungen. Gegen rund zehn Mitglieder von „Wir besetzen“ Dresden wird genau deswegen immer noch ermittelt. Sie wurden vom Eigentümer der Strehlener Villa am Basteiplatz angezeigt. Nach der Räumung wurden etliche Schäden am Gebäude festgestellt. „Wir sollten deshalb 10.000 Euro zahlen“, so Sprecher Schmidt. Das können und wollen die Aktivisten nicht. „Die Schäden wurden durch die Polizei verursacht, die Beamten haben Fenster eingeschlagen, um Transparente zu entfernen und einiges mehr“, sagt der Sprecher. Er rechne damit, dass es irgendwann eine Gerichtsverhandlung dazu geben werde.

Wie geht es mit dem besetzten Haus in der Neustadt weiter?

Der Eigentümer sei nicht „sonderlich interessiert“, teilte die Polizei am Freitag und am Wochenende mit. Ab diesem Montag wird er sich aber zu der Besetzung verhalten müssen. Entweder er fordert die Polizei auf, das Haus zu räumen oder er verhandelt mit den Besetzern. Letztere sagen, sie gehen nur freiwillig, wenn es zu einer Einigung kommt, die die Nutzung der Gebäude betrifft. Der Ausgang ist völlig offen.

Kann die Stadtpolitik in solchen Fällen eingreifen?

Grundsätzlich entscheidet der Eigentümer, was auf seinem Grundstück passiert. Die Grünen haben einen Antrag eingebracht, dass dort bis zu 150 Wohnungen entstehen können, von denen aber mindestens 30 Prozent Sozialwohnungen sein müssen.

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