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Soll die Politik etwa die Dörfer aufgeben, Herr Gropp?

Der Chef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung kritisiert Sachsens Ministerpräsident und fordert weiter, Städte mehr zu fördern als die Regionen.

Reint Gropp ist Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).
Reint Gropp ist Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). © Foto: IWH/ Jakob Hoff

Herr Gropp, Ihre Forderung, mehr die Städte im Osten zu fördern als die ländlichen Räume, hat für Wirbel gesorgt. Warum haben Sie das gefordert?

Mit der Reaktion habe ich nicht gerechnet. Da wurde aus Angst vor dem Populismus mit Populismus reagiert. Nach dem die Studie zugänglich war, hätte ich mir mit der Politik eine sachlichere Debatte gewünscht.

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Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hat das Gutachten als unseriös bezeichnet und daran erinnert, dass das IWH fast aus der Leibnitz-Gemeinschaft geflogen wäre. War das auch unseriös?

Allerdings. Es stimmt, das Institut hatte bis 2014 große Probleme, aber das ist Vergangenheit und inzwischen hat sich das Institut stark weiterentwickelt. In den letzten Monaten wurde das IWH sowohl durch den Wissenschaftsrat als auch die Leibniz-Gemeinschaft evaluiert und sehr gut bewertet. Und das weiß der Ministerpräsident natürlich. Deshalb war es höchst unseriös, so etwas zu sagen, gerade auch, weil es mit dem Gutachten nichts zu tun hat.

Aber warum wollten Sie jetzt diese Debatte entfachen, wo die Politik sich bemüht, Vertrauen zurückzugewinnen?

Uns geht es darum, zu verstehen, warum die ostdeutschen Bundesländer nach 30 Jahren immer noch im Durchschnitt 20 Prozent ärmer sind pro Kopf als die westdeutschen Bundesländer. Ich finde das unbefriedigend. Und bin überrascht, dass die Politik sich damit abzufinden scheint. Befördert man damit nicht den Populismus? In meinen Augen ist es also sehr wichtig, sich mit diesem 20-Prozent-Unterschied zwischen Ost und West wissenschaftlich zu beschäftigen.

Warum bleibt diese Produktivitätslücke so hartnäckig stabil?

Die gängige Antwort war bisher: weil es in Ostdeutschland weniger große Unternehmen gibt. Kleine Unternehmen sind weniger produktiv und zahlen weniger hohe Löhne als große Unternehmen. Deshalb haben wir gleich große Unternehmen verglichen und festgestellt: Der Produktivitätsunterschied liegt in allen Größenklassen bei 20 Prozent. Die Kleinteiligkeit kann also nicht der einzige Grund sein. Zweitens haben wir Landkreise verglichen in Ost und West, die ähnlich ländlich geprägt sind. Die Unterschiede zwischen einem Landkreis in Sachsen und einem in Bayern sind kleiner als die Unterschiede zwischen Leipzig und Nürnberg. Der Hauptgrund für das geringere Pro-Kopf-Einkommen liegt also in den Städten. Sie sind relativ ärmer als Städte im Westen. Und drittens, wo entstehen heute hoch bezahlte Arbeitsplätze? Sie entstehen nicht im produzierenden Gewerbe, sondern bei hoch spezialisierten Dienstleistungen, von Softwareentwicklung über Produktentwicklung bis hin zu Unternehmensberatungen. Und im Entwickeln dieser Arbeitsplätze schneidet Ostdeutschland deutlich schlechter ab.

Und ihre Schlussfolgerung ist?

Dass wir uns darauf konzentrieren müssen, diese Art von Arbeitsplätzen in den Osten zu holen. Denn da sind die hohen Löhne und dafür müssen wir eine kohärente Strategie entwickeln. Das ist unsere These. Daraus ist die These geworden, wir müssen die ländlichen Regionen vernachlässigen. Das haben wir nicht gesagt.

Das heißt, Sie fordern nicht „entweder-oder“, sondern „sowohl-als-auch“?

Als Ökonom sage ich nie „sowohl als auch“, denn das bringt am Ende nicht viel. Die Politik muss schwierige Entscheidungen treffen. Sie kann den Euro in einen urbanen Raum investieren, einen hohen Ertrag erzielen und viele neue Arbeitsplätze schaffen. Oder sie kann ihn in eine ländliche Region investieren und möglicherweise sehr wenige Arbeitsplätze schaffen. Ich würde als Ökonom aus Effizienzgründen sagen, es wäre besser den Euro in die urbanen Räume zu stecken und nicht in die ländlichen Regionen.

Wo stehen die Großstädte in Sachsen im Vergleich zu Städten im Westen?

In den ländlichen Regionen liegt der Unterschied beim Pro-Kopf-Einkommen zwischen Ost und West nur bei 10 bis 15 Prozent. Aber zwischen Nürnberg und Leipzig beträgt er eher 25 bis 30 Prozent. In Dresden ist es ähnlich. Trotzdem ist das Pro-Kopf-Einkommen in Leipzig und Dresden immer noch deutlich höher als in den ländlichen Regionen. Dresden und Leipzig entwickeln sich gut. Deutschland hat stark vom Zuzug innerhalb der EU profitiert. Jedes Jahr sind über 100 000 Menschen gekommen. Sie sind zu 90 Prozent in den Westen gegangen und haben dazu beigetragen, dass das Pro-Kopf-Einkommen in Westdeutschland schneller gewachsen ist als in Ostdeutschland. Bei der EU-Migration war Ostdeutschland nicht erfolgreich.

Was sind die Gründe dafür?

Da gibt es vor allem einen Grund, für den Ostdeutschland nichts kann. Wenn ich Italiener oder Grieche bin und ich komme nach Deutschland, gehe ich dahin, wo schon viele Griechen und Italiener sind, also nicht nach Ostdeutschland. Das ist ein sich selbst verstärkender Effekt. Darüber hinaus haben das Selbstmarketing als Billiglohnland, Fremdenfeindlichkeit und Pegida sowie AfD-Direktmandate sicher nicht geholfen, attraktiv zu sein für solche Einwanderer. Während der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland 2006 gab es Artikel über No-Go-Zonen in Ostdeutschland. Spätestens da hätte die Politik aufwachen müssen. Ostdeutschland hat ein Image-Problem. Daran muss man arbeiten.

Was kann die Politik tun?

Sie kann das Problem nicht dadurch lösen, dass sie der AfD nach dem Mund redet. Und das tun meiner Meinung nach einige Politiker, auch in Sachsen. Das halte ich für den falschen Weg, weil es dazu führt, dass die Menschen, die nicht für die AfD stimmen würden, gar nicht erst nach Sachsen ziehen. Menschen, die schon da sind, haben andere Präferenzen als Menschen, die gerne kommen würden. Wenn sich die Politik zu stark um die Leute kümmert, die schon da sind, werden die anderen nicht kommen. Diesen Effekt sieht man in Ostdeutschland. Wenn sich Ministerpräsident Kretschmer über meine Thesen aufregt, dann liegt das daran, dass er sich nicht dafür interessiert, wie Sachsen für Westdeutsche und Einwanderer aus der EU attraktiver werden kann. Sondern er interessiert sich dafür, die ländliche Bevölkerung glücklich zu machen, aus Angst, dass sie AfD wählt. Das hat schon eine Logik, aber ist die falsche Strategie in meinen Augen.

Wie wird Sachsen attraktiver für unternehmensnahe Dienstleistungen?

Die Frage ist, wo fühlen sich hervorragend ausgebildete, relativ junge Leute wohl und wie schaffe ich eine Umgebung, in der sie sich wohlfühlen. Und da war Berlin erfolgreich. Auf dem ostdeutschen Wirtschaftsforum in Bad Saarow gibt es immer einen Preis für den besten Imagefilm aus den neuen Bundesländern. Bei den Imagefilmen aus Sachsen und Thüringen ist oft die Botschaft: Wir geben dir eine tolle grüne Wiese, auf der du eine Fabrik bauen kannst. In Berlin geht es darum zu zeigen: Wir haben die besten Kneipen, die besten Nachtclubs, bei uns tanzen alle. Und es hat funktioniert. Viele kreative junge Leute sind gekommen.

Und das geht auf dem Land nicht?

Ich glaube nicht. Man kann es versuchen, aber ich bezweifle, dass man da erfolgreich sein kann. Wenn ich von Stadt spreche, meine ich nicht die Innenstadt von Leipzig oder München, sondern ich meine Ballungsräume. Wir müssen über Ballungsräume nachdenken. Also wenn ich Leipzig sage, meine ich Halle-Leipzig, aber auch Leuna, Schkopau, Merseburg und Delitzsch. Ein wichtiger Schritt wäre es, diesen Raum besser zu vernetzen. Urbane Räume strahlen auf die umliegenden Regionen aus. So kann man eine ganze Menge für den ländlichen Raum tun.

Wie sollte also die sächsische Landesregierung den Strukturwandel in den Kohlerevieren unterstützen?

Es ist wichtig, nicht gegen globale Trends eine lokale Politik zu machen. Die Welt ist extrem vernetzt, die Trends sind überall gleich. Ob in Westeuropa, Osteuropa oder den USA, überall sehen wir, dass Industriearbeitsplätze nach China und andere asiatische Länder abwandern. Wir müssen akzeptieren: Unser einziges Kapital ist Bildung. Und diese Bildung müssen wir nutzen, um Arbeitsplätze in urbanen Räumen zu schaffen. Dafür muss die Infrastruktur gebaut werden, statt verzweifelt zu hoffen, dass auf dem Land noch Fabriken eröffnet werden. Das wird nicht auf breiter Front zu höheren Löhnen führen. Ein 5G-Netz im Ballungsraum Dresden oder Leipzig-Halle würde mehr bringen als eine 5G-Modellregion in der Lausitz oder einem anderen Kohlerevier.

Aber werden dadurch nicht andere Regionen abgehängt?

Gleichwertige Lebensverhältnisse kann nicht heißen, dass – um ein Extrembeispiel zu nennen – München und das Mansfelder Land „gleich“ sein müssen. Ich verstehe dieses Ziel so, dass sich jede Stadt und jede Region auf ihre Stärken konzentrieren sollte und nicht auf ihre Schwächen. Derzeit geht es immer um Strategien, mit denen die Schwächen überwunden werden sollen. Sinnvoll wären dagegen Strategien, mit denen Stärken gestärkt werden, etwa die kreative Atmosphäre wie in Leipzig-Plagwitz. Wenn man die Regionen zu vernünftiger strategischer Planung zwingen würde und diese dann für die Umsetzung Geld fordern, dann wäre ich auch für Subventionen in ländlichen Regionen, aber nicht umgekehrt.

Wie wichtig ist der Ausbau der Hochschulen für die Entwicklung im Osten?

Die Hochschulen sind zentral bei der Frage, wie man junge, qualifizierte Menschen gewinnen kann. Das ist eine Riesenchance für Ostdeutschland, weil die Lebenshaltungskosten für Studenten im Osten viel geringer und damit vorteilhafter sind, als in Frankfurt oder München. Die Grundfinanzierung der Universitäten zu erhöhen, wäre ein erster großer Schritt, um genau solche Cluster zu schaffen. Man braucht nicht unbedingt die großen IT-Lehrstühle. Was die Stanford-Universität in Kalifornien so erfolgreich macht: In jedem Studiengang lernt man, einen Businessplan zu erstellen, selbst wenn man Germanistik studiert. Wenn man dieses unternehmerische Wissen an ostdeutschen Universitäten in allen Studiengängen einführen würde, hätte man einen enormen Vorteil gegenüber westdeutschen Universitäten.

Eine lebendige Start-up-Szene braucht Kapital. Und genau daran hakt es?

Das ist tatsächlich ein Problem. Kapital fehlt für Start-ups nicht nur im Osten, sondern in ganz Deutschland. Das hat alle möglichen Gründe. Aber einer hat zu tun mit Finanzierung. Wenn Sie ein Unternehmen in Deutschland gründen wollen, gibt es ausreichend Kapital, auch Eigenkapital oder über die KfW. Das geht bis 30 oder 40 Millionen Euro. Die Start-ups fangen erfolgreich an, doch dann stoßen sie an eine Kapitaldecke. Ein Beispiel: Hier in Halle gibt es das Biotech-Unternehmen Probiodrug. Die entwickeln ein Medikament gegen Alzheimer. Sie müssen drei klinische Versuchsreihen durchführen. Eine Versuchsreihe kostet 25 Millionen Euro. Das heißt, das Unternehmen braucht 75 Millionen Euro. Dieses Kapital bekommen Sie in Deutschland fast nicht. Die Firma ist jetzt an die Börse in den Niederlanden gegangen, um dieses Geld aufzutreiben.

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Der Staat als Risikokapitalgeber – darüber wird vor allem auf EU-Ebene schon länger diskutiert. Doch ich bin dagegen, weil es bei Risikokapital nicht nur um Geld geht, sondern um Expertise. Wenn Sie ein guter Risikokapitalgeber sind, konzentrieren sie sich auf einen Sektor. Die Software-Risikokapitalgeber sitzen alle in Palo Alto, die guten Biotech-Risikokapitalgeber in Boston. Sie müssen unglaublich viel verstehen von den Geschäftsmodellen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Sie diese Menschen, die solche jungen kreativen Unternehmen beurteilen können, in den Staatsdienst locken können. Das halte ich für utopisch. Vielmehr sollte der Staat die steuerlichen Regeln für Risikokapitalfinanzierungen verbessern. Es wäre Aufgabe der Politik, mit den Kandidaten für institutionelle Investoren zu reden, also mit den Lebensversicherern zum Beispiel, unter welchen Bedingungen sie mehr in Start-ups investieren würden. Das wäre sinnvoller, als einen Staatsfonds aufzulegen.

Das Gespräch führte Nora Miethke