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Supermärkte im Ausbeutungs-Check

Zwar haben sich Lidl, Rewe und Aldi verbessert, zeigt eine Oxfam-Analyse. Doch am Ende entscheidet der billigste Preis.

Bananen werden noch grün geerntet und kommen dann in Deutschland in die Reifekammer – hier zum Beispiel in die von Edeka in Borna.
Bananen werden noch grün geerntet und kommen dann in Deutschland in die Reifekammer – hier zum Beispiel in die von Edeka in Borna. © Jan Woitas/dpa

Wie halten es unsere Supermärkte mit den Menschenrechten? Das hat die Nichtregierungsorganisation Oxfam bei 16 Handelskonzernen in Deutschland, Großbritannien, den USA und den Niederlanden untersucht. Die Ergebnisse werden heute vorgestellt. Oxfam hat unter anderem recherchiert, ob die Unternehmen ihre Zulieferer nennen, was sie gegen Kinderarbeit tun und ob sie Löhne und Erntepreise zahlen, von denen die Menschen auch leben können. Die SZ sprach dazu mit Franziska Humbert, Oxfam-Expertin für Wirtschaft und Menschenrechte.

Frau Humbert, der Tönnies-Skandal zeigt: Viele Arbeiter in Schlachthöfen werden mies bezahlt, sind sozial nicht abgesichert und leben auf engstem Raum. Tragen deutsche Supermarktketten zu solchen Missständen bei?

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Ja. Denn die Handelsriesen diktieren ihren Lieferanten Preise und Arbeitsbedingungen in die Verträge, auch beim Fleisch. Das können sie aufgrund ihrer Marktmacht: Edeka, Aldi, Rewe und die Schwarzgruppe mit Lidl und Kaufland beherrschen mit 85 Prozent Marktanteil den deutschen Lebensmitteleinzelhandel.

Wie wirkt sich dieser Preisdruck der „Big 4“ aus?

Er verursacht Leid und Not bei denen, die unsere Lebensmittel produzieren – beim Erzeuger von Steaks ebenso wie beim Kaffee- oder Ananasbauern in Peru. Die Konzerne üben Druck auf ihre direkten Lieferanten aus, und die geben den Druck an ihre Leute und Sub-Zulieferer weiter. Das wirkt sich auf die Arbeitsbedingungen aus, zuallererst wird bei den Löhnen gespart. Auch in der Fleischproduktion: Der Preis, zu dem viele Landwirte und Tiermäster ihre Erzeugnisse verkaufen müssen, ist oft so niedrig, dass er nicht einmal die Produktionskosten deckt.

Nehmen die Konzerne in Kauf, dass Menschen für die Produkte in ihren Supermarktregalen ausgebeutet werden?

Zumindest tun sie zu wenig dagegen. Immer wieder lassen sie zu, dass entlang ihrer Lieferketten gegen Arbeits- und Menschenrechte verstoßen wird; uns sind unzählige Fälle bekannt. Ein Weinlieferant aus Südafrika beispielsweise erzählte mir, dass es deutschen Discountern nur um den Preis ginge. Einmal im Jahr werde ausgeschrieben, und nur wer den niedrigsten Preis pro Flasche liefert – in diesem Fall ein Euro pro Liter –, bekomme den Zuschlag. Einen solchen Preis schafft nur, wer an der Lohnschraube dreht, Hungerlöhne zahlt, die Leute zwölf Stunden oder mehr am Tag schuften lässt oder auch beim Arbeitsschutz spart, etwa auf teure Schutzkleidung für Arbeiter verzichtet, die Reben, aber in anderen Ländern eben auch Ananas oder Bananen mit giftigen Pestiziden bespritzen. Das wissen auch Aldi & Co.

Vernachlässigen alle deutschen Supermärkte gleichermaßen Menschen- und Arbeitsrechte?

Die vier großen schon, aber nicht alle gleich schlimm. Unser Supermarkt-Check zeigt, dass Lidl einen großen Sprung nach vorne gemacht hat; der Discounter hat jetzt eine Menschenrechtsabteilung, die auch etwas zu sagen hat. Aldi legt inzwischen Risikoanalysen vor, Rewe punktet mit einem Beschwerdemechanismus. Aber Edeka tut noch zu wenig gegen Ausbeutung in seiner globalen Lieferkette.

Konkret?

Edeka landet auf dem letzten Platz im Supermarkt-Check – nicht nur in Deutschland, sondern auch im internationalen Vergleich. Der Konzern zeigt sich als einziger deutscher Supermarkt bislang nicht bereit, in seinen Lieferketten für existenzsichernde Löhne zu sorgen. Edeka hat auch keinen Menschenrechtsbeauftragten im Unternehmen. Da steht zwar auf der Homepage, dass Menschenrechte eingehalten werden, doch die Realität sieht anders aus.

Und bei Lidl, Rewe und Aldi?

Die haben sich zwar verbessert. Doch noch immer erreicht kein deutscher Supermarkt mehr als ein Drittel der möglichen Punkte im Supermarkt-Check. Alle tun eindeutig zu wenig, um Ausbeutung entlang der weltweiten Lieferketten zu beenden! Für alle ist bei der Auswahl der Lieferanten vor allem der niedrige Preis ausschlaggebend. Es ist ein stückweit heuchlerisch anzugeben, die Menschenrechte zu achten und gleichzeitig die eigene Menschenrechtspolitik mit Billigpreisen zu konterkarieren.

Viele Unternehmen argumentieren, sie könnten ihre weltweiten Lieferketten gar nicht publik machen, weil diese so komplex und weit verzweigt sind.

Das ist eine faule Ausrede. Bio- und Fair-Trade-Anbieter schaffen es, und jetzt sogar Lidl: Der Discounter nennt inzwischen das Gros seiner direkten Zulieferer auf der Homepage. Das zeigt: Supermärkte können – wenn sie denn wollen.

Dr. Franziska Humbert lebt in Berlin, hat Rechtswissenschaften studiert und arbeitet seit 15 Jahren bei Oxfam.
Dr. Franziska Humbert lebt in Berlin, hat Rechtswissenschaften studiert und arbeitet seit 15 Jahren bei Oxfam. © Oxfam

Andere Unternehmen argumentieren, solche Infos fallen unter das Betriebsgeheimnis.

Klar sind Preisgestaltung oder Vertragsinhalte sensitive Daten. Aber den Zulieferer kann man nennen. Das ist kein Geschäftsgeheimnis, sondern Transparenz.

Und zu der sind die deutschen Handelskonzerne nicht bereit?

Nein, überwiegend nicht. Warum auch, sie müssen ja nicht. In Großbritannien ist die Lage anders. Dort zwingt ein Gesetz gegen die Sklaverei die Unternehmen, über ihre Menschenrechtspolitik zu berichten. Das ist ein Grund, warum die beiden britischen Supermarktketten Tesco und Sainsbury’s in unserem Check so gut abschneiden. Bei uns hingegen herrscht zu wenig Druck. Freiwillig sind die wenigsten Unternehmen bereit, auf Gewinne zu verzichten, damit der Arbeiter oder Kleinbauer endlich von seinem Lohn oder Ernteertrag leben kann.

Braucht Deutschland andere Gesetze?

Ja. Nur ein Lieferkettengesetz bringt die Supermärkte zum Umdenken. Es würde Unternehmen verpflichten, entlang ihrer Lieferketten Menschenrechte zu beachten und einzuhalten. Da kann sich dann keiner mehr wegducken. Das wäre der Wendepunkt.

Braucht es nicht auch andere Verbraucher? Nur jeder Sechste greift hierzulande häufig nach ökologisch und fair erzeugten Lebensmitteln. Die meisten konsumieren noch immer nach der Devise: Hauptsache billig!

Sicherlich brauchen wir mehr bewusste Konsumenten. Wir brauchen auch nicht jeden Tag ein Nackensteak. Trotzdem kann man von keinem Verbraucher verlangen, dass er bei jedem Produkt weiß, wie und wo es hergestellt wurde. Konsumenten üben über ihre Nachfrage zwar Macht aus. Aber die reicht nicht aus, das System komplett zu ändern. Deswegen brauchen wir ein Lieferkettengesetz. Dann wäre der Verbraucher bei jedem Produkt auf der sicheren Seite. Das Gesetz verbietet ja allen Herstellern und Händlern, Menschen auszubeuten. Wir hätten endlich einen echten und ehrlichen Wettbewerb.

Würden dann nicht alle Produkte im Laden schlagartig teurer?

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Nicht zwingend. Supermarktkonzerne machen riesige Umsätze, allein der Edeka-Verbund 2019 rund 56 Milliarden Euro. Sie müssen die höheren Erzeugerkosten, die sie durch eine faire und ökologisch sorgfältige Produktion hätten, ja nicht komplett einpreisen und auf den Endkunden umlegen. Sie könnten zugunsten rundum sauberer Lebensmittel auch auf einen Teil ihrer hohen Gewinne verzichten.

Das Gespräch führte Martina Hahn.

Supermarkt-Check unter www.oxfam.de

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