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Ein Vierteljahrhundert THW Riesa

Ein Papstbesuch, gefährliche Hunde und Flaschenwürfe auf Einsatzfahrzeuge: Die Helfer in blau haben einiges erlebt.

Danilo Fast ist als Ortsbeauftrager Chef beim THW Riesa. Der Ortsverband besteht seit 25 Jahren - und genauso lange ist der Sparkassen-Mitarbeiter dort auch aktiv.
Danilo Fast ist als Ortsbeauftrager Chef beim THW Riesa. Der Ortsverband besteht seit 25 Jahren - und genauso lange ist der Sparkassen-Mitarbeiter dort auch aktiv. © Klaus-Dieter Brühl

Riesa. Kommt das Hochwasser, kommt das THW. Das Technische Hilfswerk, die Helfer in blau, sind für den Katastrophenfall da. Jetzt in der Corona-Pandemie war der Riesaer Ortsverband aber wenig in der Öffentlichkeit. "Wie standen bereit, wurden aber kaum abgefordert", sagt Danilo Fast, Ortsbeauftragter beim THW Riesa.

Die Riesaer Helfer fuhren palettenweise Schutzausrüstung durch Deutschland. In stärker von Corona betroffenen Gegenden ist das THW noch heute im Einsatz. So unterstützen im Kreis Gütersloh mehr als 100 THW-Kräfte die Gesundheitsbehörden dabei, den Corona-Ausbruch einzudämmen - indem sie etwa Zimmer in früheren Militärgebäuden für infizierte Mitarbeiter eines Fleischverarbeitungsbetriebes einrichten.

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Danilo Fast stellte die Arbeit der Riesaer Helfer jetzt auf dem ersten Nach-Corona-Kaffeeklatsch des Riesaer Museums vor: Durch Corona war die Traditionsveranstaltung zum ersten Mal überhaupt mehrfach ausgefallen. Und wegen der Abstandsregeln konnte sie nun nicht im Museum stattfinden, sondern mussten in die Stadthalle Stern ausweichen. Dort verteilten sich gut 50 Gäste an mit großem Abstand aufgestellte Vierertische.

Sie erfuhren, dass das THW in der alten Bundesrepublik das leistete, was in der DDR die Zivilverteidigung übernahm: die Vorbereitung auf den Katastrophenfall. In Riesa wurde erst 1995 ein Ortsverband gegründet. Danilo Fast war als Sparkassen-Lehrling vom ersten Tag an dabei. Damals war das THW eine Möglichkeit, seinen Wehrersatzdienst abzuleisten. Der ließ sich parallel zum Beruf absolvieren, dauerte dafür aber acht Jahre lang. "Mein Vater war Wehrleiter bei der Feuerwehr, da wollte ich eigentlich auch hin", gesteht Danilo Fast, der beim THW als gelernter Bankkaufmann bald als Verwaltungs-Experte gefragt war.

So einen Kaffeeklatsch gab es in Riesa noch nie: Die erste Nach-Corona-Veranstaltung konnte nicht im Museum stattfinden, sondern musste in die Stadthalle Stern ausweichen.
So einen Kaffeeklatsch gab es in Riesa noch nie: Die erste Nach-Corona-Veranstaltung konnte nicht im Museum stattfinden, sondern musste in die Stadthalle Stern ausweichen. © Klaus-Dieter Brühl

Spezialisiert ist der Riesaer Ortsverband unter anderem auf das Thema Hochwasser. Deshalb ist er seit zwei Jahren mit einer Großpumpe ausgestattet, die 25.000 Liter pumpen kann. Pro Minute. "Davon gibt es in ganz Deutschland nur sieben Stück", sagt Danilo Fast stolz.

Anders als die Feuerwehr ist das THW allerdings überregional zuständig: Während die roten Autos in der Regel im eigenen Gemeindegebiet im Einsatz sind, findet man die blauen in ganz Deutschland wieder. So war die Großpumpe aus Riesa gerade erst in Brandenburg im Einsatz - bei einem Großbrand im Moor. 

Mit Booten waren die Riesaer Helfer sogar schon für einen Einsatz beim Hochwasser in Ungarn angefordert worden. "Bevor wir dort angekommen waren, hatte sich die Situation aber so weit entspannt, dass wir umkehren konnten", sagt Fast. Beim Papst-Besuch in Deutschland galt es, einen gesperrten Autobahnabschnitt als Behelfsparkplatz auszuleuchten, auch bei der verheerenden Explosion eines Tankzugs 1997 mit zwei Toten in Elsterwerda waren die Riesaer vor Ort.

Wechselwäsche aus der JVA

Bei klassischen Auslandseinsätzen, etwa nach Erdbeben in Albanien oder auf Haiti, sind die Riesaer dagegen in aller Regeln nicht dabei. "Das betrifft vor allem THW-Einheiten, die nahe der großen Flughäfen stationiert sind", sagt Fast. Denn dann gilt es, containerweise Technik etwa in Frankfurt/Main in den Flieger zu laden - da gibt es Orte, die sind schneller zu erreichen als Riesa.

Ein weiterer Unterschied zur Feuerwehr sind die Ausrückezeiten: Sollten Feuerwehren innerhalb weniger Minuten nach dem Notruf vom Hof rollen, ist beim THW schon eine Stunde ein guter Wert. Bei der Fachgruppe Pumpen ist auch ein Tag noch in Ordnung - das Verladen der Technik auf Lkw dauert. "Wir sind nicht die schnelle Truppe, aber dafür in der Lage, mehrwöchige Einsätze durchzuführen", sagt Fast.

Der längste Einsatz der Riesaer überhaupt war beim Hochwasser 2002. Damals waren die Helfer sechs Wochen am Stück im Einsatz. "Ich habe damals Unterwäsche aus dem Gefängnis getragen, weil uns die JVA damals mit der nötigen Wechselwäsche versorgt hat", erinnert sich der Ortsbeauftragte. Bei den Hochwassern waren immer wieder Tiere aus der Flut zu retten - von Schafen über Kälber bis hin zu gefährlichen Hunden. 

2015 kam dann die Flüchtlingskrise, wo das THW zur Einrichtung von Notunterkünften eingesetzt wurde. Tausende Dienststunden fielen in diesem Jahr an - und es trugen sich Vorfälle zu, die es so wohl nie zuvor gab. "Damals gab es Angriffe auch auf Helfer vom THW Riesa", erinnert sich Fast. Die waren damals in Niederau im Einsatz, wo der geschlossene Real-Markt zu einer Asyl-Unterkunft umgebaut wurde. "Damals warfen Gegner Flaschen auf Autos des THW, das hat einer Helferin so zugesetzt, dass sie nicht mehr beim THW mitmacht", sagt Fast. "Eine bittere Erfahrung."

Lob für Feralpi

Die Aufgaben für das THW werden sich künftig deutlich wandeln, davon ist Danilo Fast überzeugt. So dürfte der Schutz sogenannter "Kritischer Infrastrukturen" wichtiger werden - etwa Firmen zu helfen, die von Cyberangriffen betroffen sind. Und auch bei der Ausstattung gibt es Entwicklungen. So werden jetzt Ortsverbände mit Drohnen ausgestattet, um Einsatzgebiete aus der Luft erkunden und kontrollieren zu können.

In Riesa wirken derzeit knapp 50 Helfer aktiv mit. Ein personeller Einbruch war mit der Aussetzung der Wehrpflicht gekommen, was auch den Wehrersatzdienst traf. Seitdem haben sich die Zahlen stabilisiert.

Dabei hat der Arbeitgeber ein Vetorecht, wenn einer seiner Angestellten beim THW mitmachen will. "Das ist in den 25 Jahren aber nur einmal vorgekommen", sagt Fast: Ein Interessent aus der Pflegebranche habe kein Okay für die THW-Mitgliedschaft erhalten, weil er als unersetzlich am Arbeitsplatz gilt. Üblicherweise entschädigt das THW den Arbeitgeber finanziell, wenn der Mitarbeiter in den Einsatz muss.

Ein Lob habe sich Feralpi in Riesa verdient. "Feralpi verzichtet auf die Rückvergütung von Hilfsorganisationen: So können wir das Geld in die Ausbildung investieren", freut sich Fast. Auch die Firma Heizungsbau Krüger unterstützt regelmäßig das THW - und die Sparkasse, wo der Ortsbeauftragte selbst arbeitet. "Da konnte ich meinem Arbeitgeber aber auch etwas zurückgeben, indem ich meine Fähigkeiten im Corona-Krisenstab einbrachte."

Corona ist auch der Grund, warum das Riesaer THW sein 25-jähriges Bestehen in diesem Jahr nicht feiert: Das soll voraussichtlich im kommenden Jahr nachgeholt werden.

Interessenten können sich jeden Mittwoch ab 18 Uhr den Technischen Dienst beim THW anschauen, außerdem ist jeweils am letzten Sonnabend des Monats von 8 bis 16 Uhr Dienst. Adresse: Kastanienstraße 4, Riesa

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