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Wie geht's, Brüder

Vergesst die alten Ost-Klischees

Warum Osteuropa viel mehr Aufmerksamkeit verdient und Ostdeutsche als Dolmetscher helfen können. Ein Essay zur der Serie "Wie geht's, Brüder?"

Die eingelagerte Leninbüste gilt als Sinnbild für das Ende des Kommunismus in Europa.
Die eingelagerte Leninbüste gilt als Sinnbild für das Ende des Kommunismus in Europa. © Matthias Schumann/Montage: SZ-Bildstelle

Der ausgelagerte Lenin, wie er da in einer schummrigen Ecke auf Paletten lagert, ist ein seit 30 Jahren gern genommenes Sinnbild für das Ende des Sozialismus. Kann man heute immer noch so machen. Schlimm ist es aber, wenn Zeitungen oder das Fernsehen Eselskarren zeigen, die angeblich für das Leben in Rumänien stehen. Oder Schlaglochpisten, die ländliches Leben irgendwo im Osten illustrieren sollen.

Ostdeutsche kennen das zur Genüge. Erst kürzlich hat eine große deutsche Nachrichtenseite einen Bericht über die Abwanderung aus Ostdeutschland mit einem Foto illustriert, das ein altes Mütterchen zeigt, das vor vergammelter Mauer im Müll stöbert. Geht’s noch? Lange nicht im Osten gewesen?

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Und ein Hamburger Nachrichtenmagazin leitete ein hervorragendes Interview mit einem bulgarischen Wissenschaftler über das Ost-West-Verhältnis mit dem Satz ein: „Politologe aus Bulgarien ist wie Schnaps aus Mazedonien.“ Sollte wohl lustig sein und an den fehlenden Kenntnissen seiner vorwiegend westdeutschen Leserschaft anknüpfen. Es ist leider maßlos arrogant.

Klar, mit einiger Mühe kann man in Rumänien noch einen Eselskarren und in der ländlichen Slowakei eine schlimme Schlaglochpiste finden. Aber die Suche kostet dann richtig Zeit. Denn die neue Realität ist längst über die uralten Klischees hinweggerauscht. 

Wer heute in diesen Ländern nach Sinnbildern sucht, wird an die großen Autofabriken denken, die überall in diesen Ländern entstanden und heute die größten Arbeitgeber sind. Auch dank ihnen gibt es in Osteuropa tatsächlich keine Massenarbeitslosigkeit mehr. Im Gegenteil: Es herrscht überall Fachkräftemangel. 

Toll sanierte Altstädte in Prag, Bratislava, Sibiu oder Breslau können solche Sinnbilder sein. Aber auch die überfüllten Busbahnhöfe in Rumänien, von denen Tag für Tag unzählige Menschen nach Italien, Spanien oder Deutschland aufbrechen, auf der Suche nach vernünftig bezahlter Arbeit. Leider muss man auch die Propagandaplakate der rechtspopulistischen Regierungen in Ungarn und Polen dazuzählen, die für einen gefährlichen Trend in Osteuropa stehen.

Der Westen muss sein Desinteresse überwinden

Der wichtigste Grund dafür, dass die alten Ost-Klischees überlebt haben, ist Desinteresse. Westeuropa hat den Osten zwar zu einem Gutteil in die Europäische Union integriert und mit sehr viel Geld dort sehr viel Gutes getan. Das ist überall in Osteuropa zu besichtigen. Aber der Westen hat sich für den Osten nicht wirklich interessiert, und als sich dort Enttäuschung über die langsame Angleichung der Lebensverhältnisse breitmachte und Widerstand gegen die wirkliche oder angebliche Bevormundung aus Brüssel aufkam, spielte der Westen die beleidigte Leberwurst und behandelte die Länder im Osten wie eine störrische Minderheit. Dummerweise fühlt man sich dort nicht als Minderheit. All diese Widersprüche kennen wir in Ostdeutschland ganz gut.

Was tun?, um noch mal auf Lenin zurückzukommen. Der Westen muss es schaffen, sein Desinteresse zu überwinden und für ausreichend Informationen über den Osten zu sorgen. Gegenwärtig gibt es aber kaum noch Korrespondenten in den Ländern Osteuropas. Ohne mehr Wissen wird eine Verständigung, werden gemeinsame Lösungen in Europa für wirtschaftliche Entwicklung, Angleichung der Lebensverhältnisse, die Flüchtlingsfrage kaum möglich sein.

Dabei können die Deutschen bei der Verständigung eine entscheidende Rolle spielen. Die deutsche Industrie investierte in diesen Ländern enorm, und die deutsche Politik bemühte sich lange Zeit redlich um Integration. Das hat man dort alles nicht vergessen. Es hat das Bild der Deutschen verbessert, in Rumänien oder der Slowakei ist es sogar außerordentlich positiv.

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Und noch etwas: Viele Ostdeutsche kennen diese Länder gut, manche haben noch heute interessante Kontakte. Sie zu nutzen, auszubauen, als Dolmetscher und Brückenbauer in Deutschland und Europa zu wirken, könnte eine interessante Rolle für Ostdeutsche werden. Niemand sonst auf dem Kontinent ist heute besser in der Lage, beide Seiten zu verstehen.