merken
PLUS

Wirtschaft

Gläserne Manufaktur wird Software-Zentrum

Der VW-Konzern möchte viel mehr Technik selbst entwickeln und schafft 80 neue Stellen in Dresden. Doch zuerst kommt der Vorführ-Effekt.

© Matthias Hiekel/dpa (Archiv)

Noch klappt das Zusammenspiel zwischen Roboter und Software nicht perfekt: Die Gläserne Manufaktur von Volkswagen in Dresden wollte am Donnerstagabend vor Gästen wie Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) ihr neues Zentrum für Informationstechnologie vorstellen. Doch der programmierte Roboterarm, der Klebstoff für eine kleine Fensterscheibe auf einen Elektro-Golf auftragen sollte, ließ zu viel Flüssigkeit herunterlaufen. Dann gab der Automat auch noch grünes Licht, statt wie vorgesehen den Fehler anzuzeigen.

Doch die Automanager nahmen die Panne locker. Von „neuer Fehlerkultur bei Volkswagen“ sprach Kai Siedlatzek, einer der Geschäftsführer von VW Sachsen. Er lobte die umstehenden Kollegen für ihre Arbeit und versprach, die Technik „zur Perfektion zu bringen“. In dem Betrieb sollen bis Ende nächsten Jahres bis zu 80 neue Arbeitsplätze für Software-Experten entstehen, die Hälfte noch dieses Jahr. Zuletzt hatte das Werk 380 Beschäftigte.

Laut Standortleiter Lars Dittert soll das neue „Software Development Center Production“ dazu beitragen, dass VW künftig mehr Informationstechnologie (IT) selbst entwickelt – für seine Fahrzeuge, aber auch für den elektronischen Handel oder für die Suche nach der nächsten Ladestation.

Die Dresdner arbeiten daran mit, eine Industrie-Cloud zu entwickeln – also einen gemeinsamen Datenspeicher für alle 122 Fertigungsstätten des Konzerns. Mit dieser Cloud sollen sich mittelfristig 220 VW-Mitarbeiter beschäftigen, auch in München, Wolfsburg und Berlin. Produktion und Logistik sollen durchgängig digitalisiert werden. An der Entwicklung beteiligen sich auch Amazon Web Services und Siemens. VW will in dieser Partnerschaft den Aufbau und die strategische Ausrichtung bestimmen. Siemens soll sein Wissen in der Vernetzung von Maschinen einbringen.

Der Wolfsburger Konzern vernetzt seine Experten künftig in einer neuen Einheit namens Car Software mit mehr als 5:000 Beschäftigten. Sie sollen „markenübergreifend“ arbeiten. Zum VW-Konzern gehören auch Marken wie MAN, Audi, Seat und Ducati. Nach Angaben des Konzerns sind bisher in VW-Fahrzeugen bis zu 70 Steuergeräte mit Betriebssoftware von 200 Zulieferern enthalten.

Engpässe früh erkennen

Bis zum Jahr 2025 will der Autohersteller seinen Anteil an der Software im Auto und für fahrzeugnahe Serviceleistungen von derzeit weniger als zehn Prozent auf mindestens 60 Prozent erhöhen. Dann sollen auch alle neuen Fahrzeuge des Konzerns mithilfe einer einheitlichen Software-Plattform ausgerüstet werden. Das führe zu enormen Kostenvorteilen, sagte Vorstand Christian Senger. Daten aus allen Fabriken würden künftig zusammengeführt. Wenn ein Lieferant im Stau steht oder ein Bauteil fehlerhaft ist, wissen alle Beteiligten von Wolfsburg bis Schanghai Bescheid. So lassen sich auch Engpässe früh erkennen.

Der Dresdner Standort war ursprünglich als „Manufaktur“ zur Endmontage des Luxus-Autos Phaeton gebaut worden. Inzwischen ist er auf die Produktion von 72 Elektro-Golfs pro Tag umgestellt worden. Mit den neuen IT-Spezialisten soll der Betrieb konsequent „zum Hightech-Standort und Center of Future Mobility“ weiterentwickelt werden, teilte VW mit.

Am Mittwoch hatten die Verbände der Softwarebranche in Dresden gefordert, mehr Informatiker auszubilden. VW setzt auf Standortvorteile durch die Dresdner Hochschulen. In Berlin soll mit den anderen beteiligten Unternehmen ein Innovationszentrum entstehen.

Mehr zum Thema Wirtschaft