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Leben und Stil

Warum Mütter nicht immer das Beste für ihr Kind tun

Petra Erdmann arbeitet mit Töchtern Mutter-Konflikte auf. Das kann befreien, sagt sie.

Petra C. Erdmann ist seit 1992 Verhaltenstrainerin, hat u.a. Ausbildungen in Psychologie, Coaching und Achtsamkeit absolviert.
Petra C. Erdmann ist seit 1992 Verhaltenstrainerin, hat u.a. Ausbildungen in Psychologie, Coaching und Achtsamkeit absolviert. © privat

Jede Mutter will das Beste für ihr Kind. Hört man später aber die erwachsenen Töchter, sind die meisten Mütter an diesem Anspruch gescheitert. Denn viele Töchter haben in irgendeiner Form Probleme mit ihrer Mutter. Die Tragweite der Mutter-Tochter-Beziehung wird nach Meinung von Verhaltenstrainerin Petra C. Erdmann aus Dresden verkannt. Sie veranstaltet seit 18 Jahren Workshops zum Mutter-Tochter-Konflikt. Ziel dabei ist es, Vermisstes zu benennen, Verletzungen aufzuarbeiten und Verständnis zu entwickeln.

Frau Erdmann, in Ihrem Workshop sollen Töchter spontan ihre Gefühle notieren, die ihnen zu ihrer Mutter einfallen. Was steht auf den Zetteln?

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Sehnsucht. Ablehnung. Wut. Hass. Sprachlosigkeit. Unverständnis. Verletztheit.

Das überrascht. Werden Mütter heute doch gern als die besten Freundinnen der Töchter präsentiert, die gemeinsam shoppen gehen und Urlaub machen.

Natürlich gibt es das auch – Töchter, die von Liebe, Offenheit und Vertrauen berichten. Im Wesentlichen geht es aber immer um den zentralen Konflikt zwischen Nähe und Distanz.

Was meinen Sie damit?

Das eine Extrem sind Töchter, die über zu viel Nähe klagen – weil sie sich von ihrer Mutter vereinnahmt fühlen, weil die Mutter ihnen vorschreibt, wie sie zu leben haben, sich in die Partnerschaft einmischt und nicht loslassen kann. Das andere Extrem sind Töchter, die Zuwendung, Nestwärme, Bestätigung und Rückhalt vermissen – weil sich die Mutter zu sehr auf sich, ihren beruflichen Erfolg oder ihre eigenen Ansprüche konzentriert, weil sie zu wenig Zeit für gemeinsame Unternehmungen hat. Solche Töchter sehnen sich oft ein ganzes Leben nach mehr Liebe. Das kann auch kein Partner ausgleichen.

Was sind die Ursachen für solche Mutter-Tochter-Konflikte?

Mütter werden oft überfordert in ihrer Rolle. Sie sollen immer präsent, aufmerksam, liebevoll, verständnisvoll und aufopfernd sein – alles in einem: Sozial- und Familientherapeutin, Taxidienst und Expertin für Vollwerternährung. Töchter haben oft eine zu hohe Erwartungshaltung und machen Mütter gern für alles verantwortlich, was nicht perfekt läuft in ihrem Leben: Entweder die Mutter hat etwas zu wenig, nicht richtig oder zu viel vom Falschen getan. Dabei gibt es auch im Leben jeder Mutter etwas, was sie zu einer bestimmten Zeit gehindert hat, das Beste für ihr Kind zu tun: Stress, Unwissenheit, der falsche Partner. In der älteren Muttergeneration zum Beispiel wirken oft Traumata nach – Kriegsangst oder die Erfahrung, geschlagen und nicht geliebt worden zu sein.

Viele jünge Mütter versuchen, alles besser als die eigene Mutter zu machen und ihren Kindern perfekte Bedingungen zu bieten.

Dieses Modell der überbehüteten Kinder ist auch keine Lösung. Die Mütter leben in ständiger Angst, etwas falsch zu machen. Ihr Perfektionismus führt schnell zur Überforderung. Und überbehütete Kinder sind oft nicht glücklich, weil sie in ihrer natürlichen Entwicklung eingeengt werden.

Was ist dann die Lösung?

Mit den Müttern über das Unausgesprochene reden. Aufeinander zugehen. Versuchen, Verständnis zu entwickeln.

Das ist leicht gesagt, wenn der Kontakt von Mutter und Tochter schon seit Jahren gestört oder gar abgebrochen ist.

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Ja, dazu gehört nicht nur Mut, sondern Selbstüberwindung. Denn oft spielen hier sehr starke Emotionen mit. Man muss sich in den anderen hineinversetzen, Fehler eingestehen und entschuldigen können. Doch es lohnt sich, damit man nicht ein Leben lang Gefangener in der eigenen Verletztheit bleibt und das unbewusst an seine eigenen Kinder weitergibt. Die Verletztheit zeigt doch nur die tiefe Liebe, die der Kern der Mutter-Kind-Beziehung ist. Wer nicht reden kann, kann in einem Brief an die Mutter all das aufschreiben, wofür er ihr dankbar ist und was er vermisst hat. Eine Wiedergutmachung gibt es nicht, wohl aber inneren Frieden.

Ist der Muttertag ein guter Anlass dafür?

Für mich ist das ein künstlicher, heute oft kommerziell geprägter Tag. Warum kann nicht jeden Tag Muttertag sein?

Das Gespräch führte Katrin Saft.