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Feuilleton

Was macht Dresdens Konzertmeister so allein daheim?

Wolfgang Hentrich übt Wagners "Ring" und sieht das erzwungene Innehalten auch als Chance.

Wolfgang Hentrich übt solo daheim: „Es gibt genug zu spielen, bislang Liegengelassens, Werke, die wir für den Herbst oder noch später planen“, sagt der 1. Konzertmeister der Dresdner Philharmonie.
Wolfgang Hentrich übt solo daheim: „Es gibt genug zu spielen, bislang Liegengelassens, Werke, die wir für den Herbst oder noch später planen“, sagt der 1. Konzertmeister der Dresdner Philharmonie. © DD Philharmonie

Allesamt Schwergewichte – obwohl doch nur Papier. Was beim Geiger Wolfgang Hentrich derzeit auf dem Pult liegt, ist nichts Geringeres als Beethovens geniale Oper „Fidelio“ und Siegfrieds gewaltige „Bergbesteigung“ aus Wagners „Ring des Nibelungen“. Er hat beides schon gespielt und „doch sind die Streicherstimmen vielfach so schwierig, dass ich da immer wieder ran muss“, sagt der 1. Konzertmeister der Dresdner Philharmonie.

Eigentlich sind beide Komponisten noch gar nicht aktuell für ihn. „Fidelio“ ist – falls er überhaupt im Kulturpalast gegeben werden kann – erst für Ende April geplant, der „Ring“ gar erst für den Herbst 2021. Doch der 54-Jährige ist wegen Corona wie viele Menschen derzeit im Zwangsurlaub. Er nutzt die Zeit „wie sonst auch immer, nur nun intensiver zum Üben“. Es gebe schließlich viel zu musizieren. Neben der ständigen Repertoire-Pflege wäre jetzt Zeit, sich bislang Liegengelassenes vorzunehmen oder Aufführungen für die Zukunft vorzubereiten.

Schritt für Schritt

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Er weiß, er ist privilegiert, weil er als festangestellter Stadtmitarbeiter wie seine über 100 Musikerkollegen weiterhin Gehalt bekommt. Zudem hat er noch Ablenkung durch ein anderes Projekt, auch wenn jetzt anders, als ursprünglich gedacht. Er leitet nämlich die Deutsche Streicherphilharmonie, eines der jüngsten Spitzenensembles des Landes. Obwohl die nächsten Konzerte der Jubiläumstour „30 Jahre deutsche Wiedervereinigung“ erst einmal alle abgesagt sind, will das Orchester weitermachen – mit einem per Streaming übertragenen Mini-Konzert.

Hentrich, seit 1996 Konzertmeister der Dresdner, hat dazu ein Video seines Dirigates an die beteiligten Musiker zwischen elf und 20 Jahren geschickt. Sie senden ihre Stimmen auf gleiche Weise zurück. So spielt Stephen Waarts, Solist bei Haydns Violinkonzert, seinen Part in San Francisco ein. Beim Verband deutscher Musikschulen in Bonn als Träger des Orchesters wird das Material zusammengefügt und für eine erste Übertragung an diesem Freitag vorbereitet. An diesem Tag sollte das Ensemble eigentlich in Gevelsberg spielen. Doch auch die Wochenend-Konzerte in Wiesbaden und Aschaffenburg fallen aus. Deshalb wird nun im Netz musiziert.

„Natürlich hoffen wir alle, dass die nächsten geplanten gemeinsamen Probenphasen und Konzertreisen in diesem Jahr stattfinden können“, so der Dresdner Geiger und Dirigent. Bis dahin blieben die Mitglieder per Social Media verknüpft. Für die aktuelle Tournee hatten sie beim Komponisten Dietrich Zöllner das Stück „Poco Insanimus“ („Ein bisschen verrückt“) in Auftrag gegeben. Getreu dem Motto: „Ein bisschen verrückt und kreativ zu sein, hilft vielleicht in Krisenzeiten, für das Musizieren neue Möglichkeiten zu entdecken.“

Hentrich hält ein solches Engagement gerade in angespannten Situationen für notwendig. Als der Flüchtlingsstrom 2015 auf dem Höhepunkt anlangte, spielte er mit dem Philharmonischen Kammerorchester in einem Dresdner Flüchtlingscamp, versuchte den Bewohnern mit Werken von Mozart und Vivaldi eine Freude zu bereiten. Danach konnte er in viele dankbare Gesichter schauen: „Es geht mir in solchen Momenten immer auch darum, etwas von dem zurückzugeben, was ich selbst bekommen habe.“

Nun aber ist erst einmal „Heimarbeit“ angesagt. Und doch hofft er, dass die Zwangspause nicht so lange dauert. „Wir sind schließlich Orchestermusiker und keine Solisten. Wir funktionieren nur zusammen, nur so können wir am Klang feilen.“

Doch Hentrichs Gedanken schweifen über das Schicksal der Dresdner Philharmonie und der Deutschen Streicherphilharmonie hinaus. Ihm geht es auch um jene Menschen am Rande der Gesellschaft, die jetzt beispielsweise nicht mehr so von Tafeln versorgt werden können. Und er sorgt sich um Künstler und deren Umfeld – Agenturen, Techniker und Kleinkunstbühnen –, denen als Freie nun die Engagements verloren gehen.

Deshalb gibt es jetzt vielfach Initiativen, die all jene unterstützen, über die Runden zu kommen. Eine solche Solidarität ist jetzt in allen Bereichen der Gesellschaft gefragt. Hentrich ist überzeugt, dass die Krise das Land verändern wird – vielleicht sogar zum Guten. „Dieses erzwungene Innehalten mag auch eine Chance sein“, sagt der Musiker. Das Virus zeige, wie verletzlich die Menschheit ist und dass der Gedanke eines grenzenlosen Wachstums die Probleme nicht lösen wird. „Das Leben vor Corona ist vielfach ein Sprint gewesen.“ Doch aus der Musik wisse man, wenn ein Werk in einem zu schnellen Tempo gespielt würde, dann werde es unverständlich, verzerrt, kann den Zuhörer beunruhigen und verstören. „Dieses Wissen gehört auf die Gesellschaft übertragen, wenn jetzt der Fortschrittsgedanke auf eine harte Probe gestellt wird. Es ist gerade so, als würden wir gezwungen, einen halben Schritt zurückzugehen, um nachzudenken.“

Vorerst aber, so der Musiker, sei das Gebot der Stunde Mitgefühl, Hilfe und Solidarität für jene Menschen, die sich infiziert haben und von denen viele mit dem Leben ringen: „Auch denen wollen wir mit Musik Lebensmut machen.“ (mit J. S./dpa)

Link zum Eröffnungskonzert der aktuellen Tour der Deutschen Streicherphilharmonie: http://dpaq.de/2GEke