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Gibt's denn den leckeren "Lindenblättrigen" noch?

Balaton-Winzer Krisztian Gyukli verrät im nächsten Teil unserer Serie "Wie geht's, Brüder?", was ungarische Weine heute ausmacht – und wer sie trinkt.

Weinberg mit Balaton-Blick: Winzer Krisztian Gyukli testet einen Rosé.
Weinberg mit Balaton-Blick: Winzer Krisztian Gyukli testet einen Rosé. © Matthias Schumann

Die Gegend um Balatonfüred ist lieblich wie der Wein, der früher hier produziert wurde. Sanfte Hügel mit gepflegten Weinfeldern, die fast bis zum Balatonufer reichen. Die Sonne taucht sie in ein mild-milchiges Licht. Hier also wurden die in der DDR heiß geliebten Weißweine hergestellt, der „Graue Mönch“, der „Badacsony“ und vor allem der „Lindenblättrige“. Gibt's die denn noch? Aus den deutschen Supermärkten sind sie jedenfalls verschwunden, da gibt's meist Massenweine namens „Balaton“, weiß und rot.

Winzer Krisztian Gyukli muss die Antwort kennen. Dem 42-Jährigen gehört das Weingut am Ortsrand von Balatonfüred zwar erst seit vier Jahren, sein Vater hat hier aber schon vor über 40 Jahren Wein hergestellt. Also, Herr Gyukli, ist bei Ihnen früher der Lindenblättrige gekeltert worden?

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Gyukli muss lachen. „Nein, nein“, sagt er in gutem Deutsch, „das lief hier früher ganz anders. Mein Vater hat den Wein nicht sortenrein abgeliefert. Bei uns gab es roten und weißen Wein, in 22-Liter-Kanistern.“ Wenn Restaurants Wein brauchten, riefen sie an, bestellten 500 Liter von diesem und von jenem und schickten einen Lkw. Fertig. „Lief super“, meint Gyukli, „den Leuten hat's geschmeckt.“ Die meisten privaten Winzer haben es damals so gemacht.

Die DDR und die Sowjetunion, die Hauptabnehmer von ungarischem Wein, wurden von drei großen Genossenschaften am Balaton beliefert, erzählt Krisztian Gyukli. Einige Weine gab es sortenrein, die typisch ungarische Sorte Lindenblättriger zum Beispiel, in Ungarn als Hárslevelű bekannt. .Heute spielt er am Balaton keine große Rolle mehr, wird aber im Weingebiet Tokaj an der slowakischen Grenze angebaut und dient vor allem als Beimischung für den Tokajer.

„Die für den Ost-Export bestimmten Weine sind dann in Tankwagen transportiert und in der DDR abgefüllt worden. Das war billiger.“ Zwei der drei großen Genossenschaften gibt's heute noch, sie wurden privatisiert und sind nun große Player. „Tja, und dann gab es noch die wirklich guten Weine. Die gingen in den Westen. Feiner Grüner Veltliner zum Beispiel.“ Wie's so war.

Für Gyukli ist das Schnee von gestern. Seit 2015 arbeitet er jetzt im eigenen Weingut. Oder was man bisher so nennen kann. Denn fast alles auf seinem Gelände ist noch Provisorium. Der Weinkeller ist dunkel, eng und uralt. Etikettiert und verkauft wird sein Wein in einer Hütte, kann man nicht anders sagen. Zu seinen ersten Investitionen gehörte eine Halle für die Technik – und ein Einfamilienhaus für den Vater, der sich hierher zurückgezogen hat und nur noch hilft, wenn er gerufen wird.

Dabei wollte Krisztian Gyukli niemals das Weingut übernehmen, wie die meisten Winzerkinder. Dazu musste er als Junge mit seinen Geschwistern zu viel in den Weinfeldern ran. Er studierte vielmehr BWL und Marketing und fing später in einem großen Milchbetrieb an. Ein prägendes Erlebnis hatte er aber während des Studiums: Eines Tages wollten seine Kommilitonen, dass er eine Weinprobe veranstaltet. Er sei doch Winzersohn. „Aber ich hatte doch keine Ahnung!“ Er hat's dennoch gemacht und stand anschließend mit Bestellungen für 300 Flaschen Wein seines Vaters da. „Hey“, dachte er, „das läuft ja. Damit kann man Geld verdienen!“

Also fing er vor 15 Jahren noch mal von vorn an und studierte Weinbau. Anschließend ging er nach Freiburg ans staatliche Weininstitut, wo viele neue Weinsorten gezüchtet werden. Zehn Jahre blieb Gyukli, zuletzt als Referatsleiter. Hier hat er alles über den Wein, über neue Anbaumethoden, übers biologische Wirtschaften gelernt. Und natürlich die deutsche Sprache. Er hätte auch in Deutschland bleiben können, es war eine realistische Variante. Als er 2015 dann doch das Weingut in Balatonfüred übernahm, war er wild entschlossen – und sein Vater hat sich riesig gefreut.

Krisztian Gyukli studierte BWL und Marketing und fing später in einem großen Milchbetrieb an. Erst danach wurde er Winzer.
Krisztian Gyukli studierte BWL und Marketing und fing später in einem großen Milchbetrieb an. Erst danach wurde er Winzer. © Matthias Schumann

Auch wenn der Sohn jetzt alles anders macht. Vor allem setzt er absolut auf Qualität. Nix da mehr mit Weißem aus dem Kanister. Auf seinen fünf Hektar will er ausschließlich Qualitätsweine herstellen. 25.000 bis 30.000 Flaschen kann er verkaufen, das reicht ihm. Aus Freiburg hat er die Erfahrung im Umgang mit pilzwiderstandsfähigen Weinsorten mitgebracht, den sogenannten Piwis. Chemie soll nicht auf seine Felder. Er spritzt Salbeitee. 

Seit Januar ist sein Weingut auch noch das erste vegane in Ungarn. Das bedeutet: keine Zusatzstoffe für den Wein, auch keine technische Hefe. Auf den Klimawandel stellt er sein Weingut ein. Künftig wird er mehr Welschriesling anbauen, wegen der Säure. Die ist nötig, wenn es immer wärmer wird. Der Lindenblättrige etwa wird weniger angebaut, weil er unter diesen Bedingungen die Säure zu schnell verliert. Dann wird der Wein flach. Und er nutzt einen Kniff, mit dem er den Klimawandel austricksen will. Das Zauberwort heißt „verjus“. Dafür werden Weintrauben schon im Frühsommer geerntet und gepresst. Dieser quietschsaure Saft wird im Herbst mit dem säurearmen Most gemischt. Verjus wird in der Feinschmeckerküche auch als edle Essig-Alternative verwendet.

Sein Weingut ist das erste vegane in Ungarn.
Sein Weingut ist das erste vegane in Ungarn. © Matthias Schumann

Zum Verkosten seiner Weine steigen wir noch mal in den engen Keller, Krisztian Gyukli zieht Rotwein aus einem Holzfass, der eigentlich noch liegen muss. Ein Cabernet Sauvignon „Grandioso“. Das wird ein Spitzenwein, tolle Frucht, viel Tiefe, er wird wohl seinem Namen alle Ehre machen. Auch der „Filigran“, ein Blaufränkisch Rosé ist sehr gelungen. Inzwischen bietet er eine breite Palette an, mit edel anmutenden Etiketten.

Nur der Verkauf läuft eben noch in einer Rumpelkammer, man kann das auch bodenständig nennen. Kunden stehen Schlange zur Tür hinaus, während er Flaschen in Kartons verpackt und eine Mitarbeiterin einen Meter entfernt per Hand Etiketten aufklebt.

Aber in das Weingut soll jetzt richtig investiert werden. Krisztian Gyukli zeigt, wo direkt an der Straße ein Funktionsgebäude mit Probierräumen entstehen soll. Da können dann auch Busse vorfahren. Ein schicker Laden kommt da rein. Außerdem wird ein moderner Keller entstehen. Eine Millionen-Investition. In Euro, nicht in Forint. Für die Proben macht er gerade noch eine Sommelierausbildung.

Mit seinem Schwung und seinem Wein hat sich Krisztian Gyukli in der Balaton-Region inzwischen einen Namen gemacht. Er ist denn auch schon Präsident. Präsident der „Riesling-Generation“, einer Vereinigung von Jungwinzern, die wie er alles anders machen will als die Väter und voll auf Qualität setzt. „Wir treffen uns regelmäßig und kritisieren unsere Weine. Für meinen Vater ist das unvorstellbar. Für mich ist das gut, weil wir dann alle besser werden.“ Konkurrenzdenken ist der Truppe völlig fremd. Außerdem helfen sich die Jungwinzer gegenseitig mit Technik aus, die ja teuer ist und viel herumsteht.

Und wer trinkt nun den schönen Wein vom Präsidenten und der Generation Riesling? Wie viel geht davon in den Export?

„Export? Nein, das ist viel zu aufwendig und zu teuer“, erklärt Krisztian Gyukli. „Außerdem würde das meinen biologischen Fußabdruck vergrößern.“ Hört, hört. Seinen Wein gibt es folglich nur ab Hof, im Internet natürlich und in ein paar Geschäften in Budapest. Das war`s, dann ist das Lager leer.

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Der moderne ungarische Wein verkauft sich gut, obwohl die Preise bei Gyukli ganz ordentlich sind. Bei umgerechnet 5,50 Euro geht's los, viele Flaschen kosten 10 bis 12 Euro, es geht auch bis 25 Euro. Also durchaus gehobenes deutsches Preisniveau. Der Wein ist also etwas für ungarische Gutverdiener. Und wer trinkt den Massenwein, der früher im Tankwagen ins Ausland ging? Auch dafür hat Gyukli eine einfache Antwort: „Es gibt weniger Massenwein. Den allergrößten Teil des ungarischen Weins trinken die Ungarn heute selber.“ Na denn, prost!

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