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Dresden

Wenn das Päckchen beim Zoll landet

Markenschuhe aus China oder Schmetterlinge aus Australien. Im Zollamt Dresden schaut man genau hin. Ein Besuch. 

Beim Zoll kann es auch ganz freundlich zugehen: Zollamtsleiter Jens Seidel bittet Ilwook aus Südkorea, sein Päckchen zu öffnen.
Beim Zoll kann es auch ganz freundlich zugehen: Zollamtsleiter Jens Seidel bittet Ilwook aus Südkorea, sein Päckchen zu öffnen. © Sven Ellger

Je nachdem, aus welcher Richtung man die glänzenden Flügel des Viktoria-Vogelschwingenfalters betrachtet, ändern sie ihre Farbe. Ein Wunder der Natur. Der majestätische Schmetterling mit bis zu 15 Zentimetern Flügelspannweite kommt nur auf den Salomonen im Südpazifik vor und ist weltweit streng geschützt.

Zusammengefaltet zwischen zwei DIN-A4-Papierseiten sieht er nicht mehr ganz so majestätisch aus. Zwei Fühler sind abgebrochen. Auch ein Körper ist entzwei „Die haben keinen Respekt vor Lebewesen“, sagt Jens Seidel, der Leiter des Zollamtes Dresden, und schüttelt verständnislos den Kopf. Zwei Schmetterlinge dieser Art sind gerade im Zollamt gelandet. Das Päckchen war auf dem Weg von Russland zu einem Käufer in Deutschland. Dem könnte nun im schlimmsten Fall ein Strafverfahren drohen. Zunächst wird aber überprüft werden, ob es sich hier um einen Einzelfall handelt, oder um einen Sammler, der eine Vorliebe für bedrohte Arten hat.

Streng geschützte Falter aus Russland bestellen? Schlechte Ideen. Im schlimmsten Fall droht dem Käufer ein Strafverfahren. 
Streng geschützte Falter aus Russland bestellen? Schlechte Ideen. Im schlimmsten Fall droht dem Käufer ein Strafverfahren.  © Sven Ellger

Das Zollamt der Stadt Dresden ist ein kleines gelbes Häuschen mit Spitzdach nahe der Stauffenbergallee. Schon am Montagmorgen ist die Zufahrtsstraße mit Lkw zugeparkt. Die Nummernschilder verraten, dass viele der Laster aus Serbien und Russland kommen. Drinnen am Schalter melden die Fahrer ihre Waren an. Für die allermeisten ist das lästige Routine. Auf dem sogenannten Amtsplatz direkt hinter dem Zollamt ist normalerweise Platz für etwa 15 Lkw. „Manchmal stehen hier aber 30 bis 40“, sagt Seidel.

Heute ist es für einen Montag vergleichsweise ruhig. Seidel klopft an ein Führerhaus. Der Fahrer hat sich eine Decke in die Windschutzscheibe gehängt. „Sind sie fertig?“, fragt Seidel ihn auf Englisch. Nein, er wartet noch auf die Papiere der Spedition. Also darf er stehenbleiben. Wenn seine Anmeldung durch ist, muss er den Platz aber frei machen.

Doch nicht nur LKW-Fahrer müssen mehr oder weniger regelmäßig im Zollamt vorbeischauen. Im Erdgeschoss von Haus C sitzen schon am Montagmorgen fünf Besucher, die gern ihre Päckchen oder Pakete in Empfang nehmen würden. Hätten die Versender in China, Russland, den USA oder sonst wo auf der Welt alles richtig gemacht, dann könnten sich diese Menschen hier die Mühe sparen. Doch irgendwas ist schiefgegangen.

Zoll? Sitzt der nicht am Flughafen?

Bei einem Warenwert zwischen 22 und 150 Euro muss die Einfuhrumsatzsteuer ausgewiesen sein. Darüber wird zusätzlich Zoll fällig. Unabhängig von diesen Zahlen kämpfen die Zöllner gegen Produktpiraterie. Amerikanische und chinesische Online-Verkaufsplattformen, die immer mehr Einfluss gewinnen, scherten sich wenig um Qualität und Sicherheitsstandards.

Allein 2018 beschlagnahmte das Hauptzollamt Dresden, zu dem auch Leipzig gehört, Waren im Wert von 51 Millionen Euro. Zudem wurden 1,6 Tonnen Rauschgift sichergestellt, der größte Teil davon am Leipziger Flughafen. Auch Waffen, Feuerwerkskörper und mehr oder weniger schlecht kopierte Markenprodukte gehören dazu. Tendenz angesichts des zunehmenden globalen Handels: stark steigend.

Pakete im Lagerraum des Hauptzollamtes Dresden. 
Pakete im Lagerraum des Hauptzollamtes Dresden.  © Sven Ellger

„Die meisten Leute wissen nicht einmal, dass es ein Zollamt gibt“, sagt Seidel. „Den Zoll kennen sie nur vom Flughafen.“ Manche glaubten daher, ganz schlau zu sein, und ließen sich ihren teuren türkischen Teppich lieber hinterherschicken, statt ihn im Urlaubsflieger selbst mitzubringen. Das böse Erwachen gibt es dann erst, wenn im Briefkasten nur Post von der Zollbehörde landet.

Zwischen 75 und 100 Pakete in allen Größen kommen täglich im Zollamt an und werden hier in einem Lagerraum einsortiert. Jedes bekommt eine Nummer und wartet bis zu 14 Tage auf seinen Eigentümer. Auch heute sind die Regale voll. Auf einigen Kartons ist Werbung bekannter Versandriesen zu erkennen. In teils schlecht verpackten Plastikfolien zeichnen sich die Umrisse von Schuhen ab, die gerade wieder besonders angesagt sind. Einige der Verpackungen sind eingerissen. Bewusst geöffnet werden die Pakete allerdings erst im Beisein des Adressaten.

Am frühen Vormittag kommt Ilwook aufs Zollamt. Der Südkoreaner lebt in Dresden und ist zum ersten Mal hier. Er will eine Sendung abholen und erzählt auf Englisch etwas von Traditioneller Chinesischer Medizin. Im Unterschied zu anderen Privatleuten, die auch gern mal ihrem Unmut Luft machen, hat Ilwook gute Laune. Am Schalter zeigt er seinen Pass und die nötigen Dokumente.

Zollamtsleiter Seidel geht mit ihm in den Lagerraum und sucht das Päckchen heraus. Ilwook selbst öffnet es unter Aufsicht und zum Vorschein kommen zehn Packungen mit Moxa-Rollen, kleinen Kräuterzigarren, mit denen spezielle Körperpunkte durch Wärme stimuliert werden sollen. Gesamtwert der Sendung: 10 Euro. Jens Seidel übergibt Ilwook den Karton samt Inhalt und wünscht ihm einen schönen Tag. So einfach kann es gehen. Muss es aber nicht.

Im Päckchen des Südkoreaners Ilwook finden sich jede Menge Räucherstäbchen aus China. Die darf er mitnehmen.
Im Päckchen des Südkoreaners Ilwook finden sich jede Menge Räucherstäbchen aus China. Die darf er mitnehmen. © Sven Ellger

Die insgesamt rund 1100 Mitarbeiter des Hauptzollamts Dresden arbeiten am Anschlag. Immer mehr Aufgaben werden der Behörde zugewiesen, vor fünf Jahren zum Beispiel auch die Erhebung der Kfz-Steuer. Um die Pkw-Maut ist man zuletzt gerade noch herum gekommen. Dafür drohen irgendwann die Konsequenzen des Brexits. Kein Wunder, dass Heike Wilsdorf, die Sprecherin des Hauptzollamts, gern ein bisschen Werbung macht: Interessenten könnten sich am besten noch heute um einen Ausbildungs- oder Studienplatz bewerben. Langweilig dürfte es als Zöllner jedenfalls so schnell nicht werden.

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