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„Wenn du in diesem Land dopen willst, kannst du es problemlos“

Ines Geipel war Leistungssportlerin in der DDR – jetzt kämpft sie für Doping-Opfer im Osten wie im Westen.

© laif/Marcus Hoehn

Von Sven Geisler

Sie kommt auf Heimatbesuch, eine Lesung in einer Dresdner Schule. Ines Geipel ist Schriftstellerin – und eine unermüdliche Mahnerin in Sachen Doping. Sie kämpft längst nicht mehr in eigener Sache, das ist durch. Die 57 Jahre alte frühere Leichtathletin macht sich stark für die Opfer, die sonst keine Lobby haben, weil sie das Bild stören von glanzvollen Siegen und sauberem Sport. Das Problem, sagt sie, ist grenzenlos. Ost und West, früher und heute – nachgeholfen wird immer und überall. Auch im Fußball, klar. Das soll das Thema sein, aber es wird ein Grundsatzgespräch.

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Frau Geipel, der Arzt des FC Bayern München, Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, behauptet: Doping macht im Fußball keinen Sinn. Was sagen Sie dazu?

Da war ich echt baff. Eine Instanz im deutschen Fußball mit solchen Sätzen? Was ist damit gewollt? Es weiß doch mittlerweile jedes Kind, dass Chemie unendlich viel bringt in diesem Spiel: an Schnelligkeit, Fitness, Athletik, Aggressivität. Auch wenn es wenig investigativen Journalismus im Fußball gibt, ist der Cocktail aus Steroiden, Wachstumshormon und EPO bekannt.

Warum wird Doping im Fußball dann so selten aufgedeckt? Es sind ja bestenfalls Einzelfälle bekannt.

Fußball ist ein Megageschäft, und das muss reibungslos funktionieren. Auf das einzelne schwarze Schaf kann man mit dem Finger zeigen, aber sollte sich herausstellen, das Ganze hat System, und es ist mehr Gift drin, als das Geschäft verträgt, wird es problematisch. Es wird schon sehr aufgepasst, dass das Bild keine Kratzer bekommt.

Wie ist es zu erklären, dass es trotz Kontrollen keine Zufallstreffer gibt?

Wir haben uns eingerichtet in der seltsamen Mär, dass jegliche Chemie direkt an den Grenzen unseres Landes haltmacht und das wenigstens ab 1989. Über Doping in der DDR kann man rauf und runter erzählen, aber was hilft es, wenn wir ein Zwangssystem durch einen Systemzwang ersetzt haben? Wenn du in diesem Land dopen willst, kannst du es problemlos tun – trotz Kontrollen.

Sie beschäftigen sich seit fast drei Jahrzehnten mit dem Thema. Wie tief ist Doping im deutschen Sport verwurzelt?

Doping zählt zum Kerngeschäft. Wir als Doping-Opfer-Hilfe schauen uns jeden Tag an, was in der Blackbox des deutschen Sports steckt – und das hat schon lange nicht mehr nur mit DDR zu tun. Inzwischen melden sich bei uns Sportler, die in den 1980er-Jahren geboren wurden. Das sind also Athleten, die weit über 1989 hinaus aktiv waren oder es noch sind. Was wir uns als Gesellschaft leisten, nicht anzuschauen, ist nichts anderes als ein Verbrechen, auch wenn das ein hartes Wort ist. So viel Leid, so viel Kaputtes.

Von wie vielen Fällen gehen Sie aus: in der DDR wie in der Zeit danach?

Wenn man von DDR-Staatsdoping redet, spricht man von ca. 15 000 Athleten, realistisch dürften 30 Prozent von ihnen irreversible gesundheitliche Schäden haben. Bei uns haben sich mittlerweile knapp 2 000 gemeldet. Die Fälle sind hart und dramatisch, auch weil es außer der Chemie viel Gewalt, Sadismus, ach, einen Haufen Dreck gegeben hat. Doping ist eine Straftat. Es geht um vorsätzliche Körperverletzung. Der Bundesgerichtshof hatte in Sachen DDR von schwerer Kriminalität gesprochen. Darüber, was noch in dieser Blackbox steckt und die Zeit danach betrifft, wage ich keine Prognose. Es braucht eben 30, 40 Jahre, bis die Wunde blüht.

Also ist Doping kein ostspezifisches Problem?

Im Westen wurde auch gnadenlos gedopt. Es war nicht derart hierarchisch, der Zugriff auf die Sportler erfolgte nicht so skrupellos und brutal wie in der DDR. Aber wie der Westen seine Aufarbeitung wegdrückt und sich aus der Verantwortung stiehlt, ist schlicht eine Katastrophe. Das kann mich richtig wütend machen. Denn auch im Westen geht es in jedem einzelnen Fall um ein konkretes Leben. Wir kämpfen seit Jahren darum, Sport und Politik klarzumachen, dass wir diese Hypothek nun mal haben. Wenn wir die nicht anschauen, können wir die Athleten im heutigen Sport auch nicht schützen.

Welchen Unterschied gibt es in den Dopingpraktiken zwischen Ost und West?

Wenn sich beispielsweise ein Zehnkämpfer in Frankfurt am Main entschieden hat, nach Freiburg zu fahren und sich dort von Herrn Klümper chemisch einstellen ließ, weil er unbedingt Olympiasieger werden wollte, war er in gewisser Weise autonom in dem, was er tat. Wenn aber ein Land Betrug politisch legitimiert und die Trainer, Ärzte, sogar die Bezirksparteileitung über deinen Körper, deine Gesundheit bestimmen – bekommt das System eine andere Dimension. Dann geht es um Macht, Gewalt, Angstabhängigkeiten und Manipulation. Und diese heillose Mischung macht am Ende auch den enormen Schaden aus.

Was können Sie mit der Doping-OpferHilfe für die betroffenen Athleten tun?

Sie brauchen vor allem ein professionelles Hilfsnetz, gute Ärzte, Therapien, Beratung. Die 10 500 Euro, die sie vom Staat als Entschädigung bekommen, sind eine Geste, nicht mehr und nicht weniger. Es ist klar, dass für diese Menschen eine politische Rente kommen muss. Wir haben eine Turnerin, die mit acht, neun Jahren zum ersten Mal Steroide bekommen hat, damit sie klein und leicht bleibt. Als sie die Leistungen nicht geschafft hat, wurden ihr Wachstumshormone gespritzt, und sie ist in einem Vierteljahr zehn bis fünfzehn Zentimeter gewachsen. Ihr Körper ist vollständig krank und ein einziger Schmerz. Sie braucht eine nachhaltige Hilfe, und die muss drin sein.

Welche Erkrankungen kommen am häufigsten vor?

Es gibt eigentlich nichts, was es nicht gibt. Die Organe sind vergiftet: Herz, Leber, Niere, Magen. Schwere Stoffwechsel- und Hormonstörungen. Frauen haben verkümmerte Eierstöcke, können keine Kinder kriegen oder ihre Kinder habe Behinderungen. Männer haben Krüppelhoden oder sind zeugungsunfähig. Es gibt Tumore, Krebs in allen Varianten und die ganze Bandbreite psychischer Schäden. 70 Prozent haben mit Psychosen, Bulimie, Depressionen, Suizidversuchen zu tun. Die Schäden sind zudem abhängig von der Sportart. Durch das Oral-Turinabol konnten Schwerathleten immense Trainingsumfänge fahren, weit über ihre Grenze hinausgehen. Aber mit 40, 45 Jahren haben Hunderte zwei künstliche Hüften und schwerste Arthrosen. Was uns außerdem sehr beschäftigt, sind die enorm hohe Todeszahl und die massiven Schäden in der zweiten Generation.

Wie viele Todesfälle sind auf Doping zurückzuführen?

Zwangsdoping gab es in der DDR ab 1974, also – in Anführungsstrichen – nur 15 Jahre, und wir sind jetzt bei fast 500 Toten aus dieser Zeit. Die Lebenserwartung liegt generell um 10 bis 15 Jahre niedriger.

Wieso sind Sie sicher, dass die Krankheitsbilder auf Doping zurückzuführen und nicht zum Beispiel genetisch bedingt sind?

Die Frage nach der Kausalität stellt sich immer. Und natürlich gibt es kein Gesetz, dass ein Körper automatisch krank werden muss. Das Gute ist ja, dass es die Mehrheit nicht wird. Wir haben jedoch eine Langzeitstudie aufgelegt und von Doping betroffene mit normalen Menschen verglichen. Die Ergebnisse sind mehr als eindeutig, und es wäre sehr hemdsärmelig, die wegzureden. Noch mal: 30 Prozent, also fast ein Drittel der Sportler, sind irreversibel geschädigt und schwerst krank.

Warum sind keine DDR-Athleten Ihrem Beispiel gefolgt und haben ihre Erfahrungen mit dem Dopingsystem öffentlich gemacht?

Für viele ist der Sport die beste Zeit des Lebens gewesen. Sie kommen mit ihren Fotoalben, streicheln über die Medaillen auf den Fotos. An dieser Medaille hängt eine Riesenerzählung, oft die ganze Identität. Es ist nicht so einfach, diese Erzählung in sich zusammenkrachen zu lassen. Und das ist es dann. Du musst es anschauen. Also, wenn du nicht unbedingt musst, weil alles im Arsch ist, verdrängst du es halt. Aber wie oft haben wir erlebt, wie befreiend es war, wenn man irgendwann zu sich sagen konnte: Ich war eine tolle Athletin und das in einem kranken System.

Wieso haben Sie erst jetzt Doping-Berichte von DDR-Fußballern öffentlich gemacht?

Weil sich immer mehr ehemalige Fußballer an uns wenden und inzwischen klar ist, dass es alle ehemaligen DDR-Oberligaklubs betrifft. Es geht uns nicht um den Einzelfall, sondern um die Dimension. Das muss zum Thema gemacht werden. Die Athleten brauchen Hilfe.

Was haben die Spieler berichtet?

Sie haben ziemlich offen darüber gesprochen, dass in der Kabine Schalen mit Tabletten standen, dass es Spritzen gegeben hat, Drinks, Infusionen. Sie haben von konkreten Körperveränderungen erzählt, und was sie uns an Schäden erläutert und belegt haben, sind die klassischen Folgen von Doping wie bei anderen Athleten. Im Fußball geht es auffällig oft um Blutkrebs, Hodenkrebs, weibliche Brüste, offene Venen, kaputte Knie und Hüften, viel Depressionen und Alkoholismus.

Allerdings nennen Sie keine Namen. Dabei würden konkrete Schicksale die größtmögliche Aufmerksamkeit erzielen im Vorfeld der Fußball-WM.

Wir nennen nie Namen. Das dürfen wir nicht. Und die Betroffenen müssen auch wissen, dass ihre Informationen bei uns sicher sind und nur anonymisiert rausgehen. Mir fällt auf, dass viele Fußballer mit der bangen Frage kommen: Bin ich der Einzige aus dem Fußball? Sie haben Angst. Das ist kein guter Zustand. Diese Geschichte muss an die Luft.

Wie wahrscheinlich ist es, dass im Fußball derzeit gedopt wird und mit welchen Methoden?

Dass gedopt wird, ist keine Frage, sondern ein Gesetz. Schauen Sie sich an, wie viel Fußballer in den 1960er-Jahren gelaufen sind und was heute ab der 60. Minute gelaufen wird. Der Fußball heute ist ein hoch aggressiver Kampf mit an jeder Stelle des Körpers getapten Überathleten.

Und so einen Körper kann man nicht mit gezieltem Training erreichen?

Ja klar, mit viel Streuselkuchen vor allem. Fußballer präsentieren gern ihre tollen, muskulären Bäuche, aber diese Art Fettlosigkeit existiert normal nicht. Beängstigend sind auch die vielen Unfälle auf dem Platz und die irre schnellen Rekonvaleszenzen. Spieler, die wie Phönix aus der Asche wieder aufs Feld stürmen. Alles ziemlich mysteriös. Aber wir wollen das glauben. Deshalb funktioniert es. Jogi Löw würde sagen: Das Spiel ist sehr physisch geworden.

Wenn Sie sagen, es wird überall im Sport gedopt: Wo ist der Ausweg?

Es gibt keinen. Es muss jeder für sich entscheiden, ob er sich auf ein so hochriskantes Spiel mit seiner Gesundheit einlässt. Ansonsten kann man nur hoffen, dass die Athleten sehr früh sehr gute Versicherungen abschließen und nicht so arm dran sind wie die DDR-Sportler.

Was ist Ihre Motivation, gegen Windmühlen zu kämpfen?

Das sehe ich nicht so. Wir sind ein kleines, starkes Team und haben doch einiges erreicht. Wir haben zwei Gesetze durchgeboxt, ein Netzwerk aufgebaut, es gibt unsere Beratungsstelle, und es geht ja auch weiter. Natürlich hat das auch was Bitteres, immer wieder zu sehen, dass die Glaubensmaschine ohne Rücksicht auf Verluste läuft wie geschmiert. Und es tut weh, zu erleben, wie viele Kinder durch diese Märchenwelt verbrannt und weggeworfen werden. Nein, es gibt keinen Grund, sich da was vorzumachen. Der Trend ist eindeutig. Aber wenn man für fast 2 000 Geschädigte ein Stück Hilfe ermöglichen konnte, ist das doch immerhin etwas, oder?

Konsequent gedacht: Kann man den Anti-Doping-Kampf aufgeben?

Es gibt heute keinen ernst zu nehmenden Anti-Doping-Kampf mehr. Dabei wäre ohne viel Hexerei sehr viel mehr drin. Ein entscheidender Punkt: Man müsste die Interessenkette kurzschließen und alle verantwortlich machen, die in dem System sind. Jetzt ist es so: Wenn ein Athlet hochgeht, ist es allein sein Problem, aber all die hinter ihm, die Trainer, Ärzte, Funktionäre, die am Athlet verdienen, sie bleiben völlig unbehelligt. Wenn das Interesse am Sport nur noch Kohle heißt und nicht darauf zielt, junge Leute darin bestmöglich zu schützen, ja, sie in ihrer Entwicklung zu unterstützen, ist es nicht mehr zu verantworten, dass Eltern ihre Kinder in den Sport geben.

Sie kämpfen trotzdem weiter – wofür?

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Es gibt noch so viel, was einfach dran ist: Die Hilfe für die Kinder betroffener Athleten vor allem, die mit Klumpfüßen, Wasserköpfen oder anderen Behinderungen geboren wurden. Dazu soll es jetzt eine Studie geben, damit wir sie in die Entschädigung bekommen. Es geht um die Rente und weiter um tragfähige Hilfsstrukturen. Gerade erst haben wir die erste Ärzteweiterbildung gemacht. Es geht um Gespräche mit dem DFB wegen der kaputten Fußballer. Gemeinsam muss ein Notfonds für die Opfer endlich hinzukriegen sein. Man muss sich abends jedenfalls nicht fragen, ob der Tag Sinn gemacht hat.